Keine zwei Welten, sondern eine

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„Lärmmüll“ hört sich Studentin Natascha Rehberg im konstruierten Park im Museum Schloss Fechenbach an. Von wegen, die Ruhe der Natur genießen...

Dieburg - Auf den ersten Blick wirkt es wie die idyllische Imitation eines Parks. Im Hintergrund sattes Grün, ein Hocker lädt zum Verweilen ein. Einzig der Mülleimer passt nicht so recht ins Bild. Von Corinna Hiss 

Als sich Natascha Rehberg niederlässt, wird es laut: Fluglärm, vermischt mit leisem Vogelgezwitscher, ertönt. „Lärmmüll“ nennt die Studentin das, was sie dem Publikum im Museum Schloss Fechenbach zu vermitteln versucht. Seit Donnerstag ist dort die Ausstellung „ Station Heimat: Medien, Landschaften, Umwelten“ zu sehen, die der Fachbereich Media der Hochschule Darmstadt in Zusammenarbeit mit der Stadt initiiert hat. „Für unsere Studenten ist die digitale Medienwelt mittlerweile selbstverständlich“, erläutert Prof. Sabine Breitsameter vom Fachbereich Media, die die kuratorische Leitung der Ausstellung innehat. In unterschiedlichen Projekten zeigen die Studenten, die auf dem Campus Dieburg lernen, wie sehr die digitale Welt doch mit der realen verknüpft ist oder wie sie medial aufbereitet werden kann.

Natascha Rehberg verdeutlicht in ihrem Projekt „Urban Sounding“, wie sich die Geräusche der Großstadt anhören. Dazu schlenderte sie eine halbe Stunde morgens um halb sechs Uhr durch den Offenbacher Regionalpark und nahm jedes Geräusch auf. Wie sich das dann anhört, in einem Stadtpark unterwegs zu sein, kann der Museumsbesucher am eigenen Leib erfahren. „Ich habe die Geräusche nicht bearbeitet, nur etwas zusammengeschnitten“, erzählt die Studentin. Heraus kommt dabei eine interessante Erkenntnis: Heutzutage wird alles mögliche reguliert – Müll, Abwasser, Feinstaub – dabei wird oft vergessen, wie schädigend auch Lärmverschmutzung ist. Dabei hat sie ihren Ort nicht zufällig ausgewählt: Durch die Nähe zum Frankfurter Flughafen, ertönt ein Flugzeug nach dem anderen und überschallt die Geräusche der Natur.

Kein Selfie, sondern Kunst

Mit dem Handykult hat sich hingegen Stevie Stinner beschäftigt. Sein Projekt erinnert auf den ersten Blick wenig an digitale Medien, sondern eher an eine klassische Kunstausstellung. Zu sehen sind bizarre Formen und rätselhafte Bildlandschaften, die an Ölgemälde erinnern. Dabei hat der Student allerdings nicht in den Farbtopf gegriffen: Alle Bilder sind mit der Kamera seines Smartphones entstanden. „Bei den meisten Handyfotos steht die Selbstdarstellung im Vordergrund“, erklärt er und zeigt, dass auch andere Motive eingefangen werden können. Mit Nahaufnahmen von Alltagsgegenständen oder indem er sein Handy beim Fotografieren bewegt hat, schafft Stevie Stinner einzigartige Motive, die mit den klassischen Selfies wenig zu tun haben. Sein Appell an die Besucher: „Überall können gute Fotos gemacht werden, nicht nur im Urlaub.“

Die Ausstellung ist ein weiterer Schritt der Zusammenarbeit und des Zusammenwachsens zwischen den Studenten und der Stadt. „Ich bin Fan des Hochschulstandortes Dieburg“, zeigt sich Bürgermeister Dr. Werner Thomas begeistert von den vielen Projekten, die bis zum 23. November zu den Öffnungszeiten des Museums zu bestaunen sind. Auch dass er von „unserem Campus“ spricht, verdeutlicht, dass die Hochschule zu Dieburg dazu gehört. Als Zeichen dafür gibt es nun jeden Abend eine identische Lichtinstallation auf dem Mediencampus und am Museum Schloss Fechenbach, die in den Farben der Ausstellung – grün und blau – gehalten ist.

So lebt und lernt die junge Generation

„Station Heimat“ steht über all den unterschiedlichen Exponaten. Mit diesem Titel möchten die Studenten veranschaulichen, wie sehr die digitale Medienwelt zu ihrem Leben dazugehört, eben ein Teil ihrer Heimat ist. Ein Geräusch, das schnell mit dem Handy aufgenommen werden kann, ein Foto, das mit dem Smartphone entsteht oder wissenschaftliche Phänomene, die interaktiv und plastisch an riesigen Bildschirmen erlernt werden können – so lebt und lernt die Generation junger Menschen heute. Dabei ist die Ausstellung aber keinesfalls nur für sie geeignet: Gerade ältere Menschen können im Museum sehen und hören, wie die reale Welt digital abgebildet werden kann.

„Die Studenten haben viel Zeit außerhalb des Unterrichts für ihre Projekte investiert“, lobt Klaus Schüller, Lehrbeauftragter am Fachbereich Media. Rund 20 Personen sind an der Ausstellung beteiligt, haben monatelang an ihren Ideen gefeilt und sie so aufbereitet, dass der Spaziergang durch die virtuelle Welt im Schloss Fechenbach so fesselnd ist, dass die Wirklichkeit glatt in Vergessenheit gerät.

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