Kennst du den Bauern dort?

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Gerne stellen die Schlepperschrauber ihre älteren Schätzchen immer mal wieder öffentlich aus.

Dieburg - Für die meisten Menschen sind Kaelble, Hanomag, Fendt oder Deutz lediglich Traktorhersteller, von denen es die meisten gar nicht mehr gibt. Von Michael Just

Für die Mitglieder der Schlepper-Schrauber Dieburg bedeuten die Namen weit mehr: Sie sind Musik in ihren Ohren und die einst produzierten Fahrzeuge wahre Schmuck- und Sammlerstücke. „Es ist die alte Technik, die Formen, die einfache Handhabe und die Funktionalität, die heute wie beim Auto durch die viele Elektronik nicht mehr so gegeben ist“, beschreibt Karl Josef Schmied die Faszination eines alten Traktors. Zusammen mit 21 weiteren Begeisterten – darunter sind seine zwei Brüder – gehört er den Schlepper-Schraubern Dieburg an. Jeder aus der Gruppe besitzt mindestens einen, einige auch zwei, meist ältere Trecker. Zusammen kommt man auf rund 25 Maschinen.

Parade der Oldtimer: Jeder der Dieburger Schlepper-Schrauber besitzt mindestens einen, einige auch zwei, meist ältere Trecker. Zusammen kommt man auf rund 25 Zugmaschinen.

Die Vereinigung ist noch jung und gründete sich erst 2006. Anstoß war der Dieburger Maimarkt, als der Gewerbeverein bei einem bekannten Dieburger Traktorbesitzer anfragte, ob der noch weitere Bekannte zum Austellen von Oldtimer-Traktoren wüsste. „Da haben sich dann zunächst ganz unverbindlich drei Personen zusammengesetzt und die Sache vorbereitet. Dann kamen immer mehr dazu“, erzählt Schmied. Für die Ausstellung schrieb man zudem andere Traktorfreunde aus der Umgebung an, so dass die stolze Zahl von 80 Schleppern auf der Leer aufgeboten wurde. Gäste aus Babenhausen erkannten das Dieburger Potential und fragen, warum die Gersprenz-Nachbarn nicht einen Club aufmachten. „Warum eigentlich nicht?“, antworteten die und gründeten die Schlepper-Schrauber noch auf dem Maimarkt.

So entstand die Interessengemeinschaft, die es bis heute bewusst vermieden hat, sich beim Amtsgericht als Verein eintragen zu lassen. „Wir wollen keinen Druck aufbauen. Alles soll locker und ohne Verpflichtungen passieren“, heißt es. Die Truppe weiß, dass viele Leute heutzutage Vereinen fern bleiben, weil sie zu enge Bindungen und Verpflichtungen fürchten.

Wer glaubt, dass bei den Traktor-Freunden nur halbe oder ganze KfZ- beziehungsweise „Traktor-Mechaniker“ ein Zuhause finden, die ihr Gefährt in alle Einzelteile zerlegen und wieder zusammen bauen können, der irrt. „Wir haben keinen einzigen Fahrzeugmechaniker in unseren Reihen“, hebt Schmied heraus. Stattdessen sind es einfach Männer, die Freude daran haben, einen Traktor zu besitzen. „Das geht auch ohne Vorwissen. Im Lauf der Zeit lernt man viel über die Materie“, erklärt der Kaufmann. Meist gehe es nur um das Entfernen von Rost oder das Schrauben an einfachen Teilen. „Eine Motorinstandsetzung macht hier niemand“, sagt Schmied. Für solche Aufgaben müssten Spezialfirmen ran.

Praktisch für mehrtägige Ausfahrten: Das zeltähnliche Traktorbett von Karl Josef Schmied.

So befinden sich alle Berufssparten bei den Schraubern, auch solche, die sonst unter Woche mit Anzug und Krawatte rumlaufen. Für viele bedeutet das Hantieren und Fahren mit dem Traktor schlichtweg Entspannung. „Man kommt runter und vergisst den Alltag“, führt Schmied an.

Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Trecker würden ebenfalls genutzt: „Einige von uns fahren damit Kartoffeln, andere Holz.“ Karl Josef Schmied und seine Brüder beispielsweise entstammen einer Schäferei. Heute verkauft der 59-Jährige Lederwaren. Der Bezug zum Traktor kam auf, als Schmied Pächter des Reiterhofs auf der Großen Wiese war. Sein Traktor ist ein alter Geräteträger aus dem Jahre 1958. Der fällt dadurch auf, dass sich vor der Schnauze eine kippbare Pritsche befindet.

Der älteste Gefährt in Reihen der Schlepper-Freunde ist eine alte Holzschneidemaschine. Das traktorähnliche Gerät wurde um 1900 gebaut. Es ist im Besitz der Familie Pfeil. Ihr gehört auch ein besonders schmucker Kaelble aus dem Jahr 1937. Dieser Traktor entstammt dem Militärbestand. Mit ihm lassen sich besonders schwere Sachen bewegen. In Zirkus-Kreisen wird er zum Ziehen der Wagen benutzt.

Das Trecker-Fahren samt Schrauben ist ein Hobby, das als Männerdomäne gilt. Oder als ein Bereich, wo der Mann noch Kind sein darf. „Es geht uns um die Geräte, aber genauso wichtig ist uns die Geselligkeit“, betont Schmied. Letzterem frönt man seit 2012 in ganz besonderer Weise: Im vergangenen Jahr begann man mit mehrtägigen Ausflügen und Touren - natürlich auf dem Trecker. Der Vogelsberg mit seinem Hoherodskopf war das erste Ziel. In diesem Sommer tuckerten sechs Mann im Spessart fünf Tage am Main entlang bis nach Würzburg. Geschlafen wird bei den Trips - ganz dem Landleben verbunden - nicht etwa im Hotel, sondern meist im eigenen Bauwagen. Wer einen hat, hängt den als Wohnwagenersatz einfach an seinen Schlepper dran. Karl Josef Schmied kommt dabei sein Fendt zugute: Auf die bereits erwähnte Pritsche wirft er kurzerhand ein Zwei-Mann-Zelt - und fertig ist das Traktor-Bett.

Im Winter treffen sich die Traktor-Freunde einmal im Monat am ersten Freitag in der „Stoawäjer Stubb“ zum Stammtisch. Der Treff ist offen für Jedermann. Im Sommer möchte die Truppe lieber draußen sein und bevorzugt variable Treffpunkte. Bei denen wird gefachsimpelt und Tipps und Tricks ausgetauscht. Für ihr Hobby suchen die Schrauber derzeit eine Halle, wo sich auch im Winter werkeln lässt.

Beim Maimarkt ist die Vereinigung seit Jahren dabei. Da die Leer nicht mehr jedes Jahr dazu gehört, haben die Schrauber ein Platzproblem. So konnten sie dieses Jahr nur rund 20 Fahrzeuge vor dem Schloss Fechenbach zeigen. Um auch befreundete Schlepper aus der Umgebung einzuladen, veranstaltet man seit zwei Jahren ein separates, großes Schlepper-Treffen beim Dieburger Reitclub. Im Juli fanden sich über 100 Trecker im Urberacher Weg ein. Die weitesten kamen aus Bad König und Heppenheim.

Das Aufspüren Gleichgesinnter ist nicht schwer, denn mittlerweile gibt es in vielen Orten organisierte Schlepper-Freunde. Dazu gehören Babenhausen, Messel, Götzenhain, Seligenstadt, Beerfurth oder Darmstadt/Oberfeld. Der Austausch ist rege.

Mit den mehrtägigen Ausfahrten im Sommer haben die Schrauber ein neues Steckenpferd entdeckt. Wo es 2014 hingeht, steht noch nicht fest. Dennoch ist bei vielen die Vorfreude auf die Tour schon groß. Das liegt auch daran, dass es stets eine große Resonanz auf die kleine „Trecker-Oldtimer-Parade“ am Straßenrand gibt. Die meisten Passanten schauen zweimal hin und heben sogar die Hand zum Gruß. Nur manchmal wird in ein verdutztes Gesicht am Straßenrand erblickt. Das ist meist dann der Fall, wenn man durch ein Dorf rollt und bei den Einheimischen die Frage aufkommt: „Kennst du den Bauer dort?“

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