Neunjähriger Sayed gilt nach fünf Monaten als geheilt – Heimreise im August

Kind aus Kriegsgebiet erfolgreich behandelt

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Dr. Mario Corcilius, Sayed und Dr. Thomas Basting (von links) vor einer Röntgenaufnahme von Sayeds Unterschenkel mit den „Antibiotikakügelchen“. Nur ein Pflaster erinnert jetzt noch an die schmerzhafte Knochenentzündung.

Dieburg - Jetzt kann der kleine Sayed wieder strahlen: Seit ein paar Tagen steht fest, er gilt als geheilt und braucht keine Antibiotika mehr. Aber am größten ist die Freude darüber, dass er nach fünf Monaten im Krankenhaus wieder nach Hause zu seiner Familie fliegen kann.

Im Februar war der Neunjährige über die Kinderhilfsorganisation „Friedensdorf International“ (Oberhausen) von Kabul (Afghanistan) nach Deutschland eingeflogen und dann vom St. Rochus Krankenhaus zur medizinischen Behandlung seiner Knochenentzündung aufgenommen worden.

Sayed ist bereits das vierte Kind aus einem Kriegsgebiet, das im Dieburger Krankenhaus kostenlos behandelt und gepflegt wird. In jedem Jahr verzichtet das gesamte Pflegepersonal auf Weihnachtspräsente und die Ärzte auf ihre Bezahlung, um einem Kind zu helfen. Wie im vergangenen Jahr bei der kleinen Berishna galt es auch bei Sayed, eine so genannte Osteomyelitis zu behandeln. Ausgelöst durch einen Sturz auf einen Stein etwa ein Jahr zuvor, waren Knochenmark und Knochen am Unterschenkel mit Bakterien infiziert und entzündet.

Etliche Eingriffe musste Sayed überstehen: Acht Mal wurde er allein zur Behandlung seiner Knochenentzündung federführend von den Chirurgen Dres. med. Mario Corcilius und Thomas Basting operiert. Die Therapie einer chronischen Knochenentzündung setzt sich aus mehreren operativen Eingriffen zusammen. Zunächst werden das entzündliche Knochengewebe und das darin enthaltene Knochenmark entfernt und gereinigt. Im Anschluss werden in den Bereich so genannte Antibiotikaketten – an einem Metallfaden aufgereihte Kügelchen, die mit hoch dosiertem Antibiotikum versetzt sind – eingelegt. Nach sieben bis zehn Tagen müssen diese wieder entfernt und mehrmals erneuert werden. Um die Infektion zu bekämpfen, seien wiederholte Eingriffe durchaus üblich, erklärt Basting die Behandlung. „Septische Medizin ist immer ein Geduldsspiel für Patient und Arzt.“ Nach der Beruhigung des Infektes schließt sich der so genannte Knochendefektaufbau an, bei dem Knochenmark meist aus dem Beckenkamm entnommen wird, um es an der defekten Stelle aufzufüllen.

Diverse Komplikationen aufgetreten

Auch bei Sayed waren einige Antibiotikagaben notwendig, bis sich in Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) in Frankfurt erste Behandlungserfolge einstellten. Wegen diverser weiterer Komplikationen, die auch eine Folge der allgemeinen Abwehrschwäche waren und zusätzliche Aufenthalte in anderen Kliniken notwendig machten, konnten dank des engen Kontaktes zur Johanniter Unfallhilfe die Transporte des Jungen zwischen den einzelnen Kliniken nicht nur kurzfristig organisiert werden – die Johanniter erklärten sich auch sofort bereit, die Fahrten kostenlos zu übernehmen.

Während der letzten Monate ist der kleine Sayed zu einem festen Bestandteil der Station D1 geworden. Liebevoll kümmerte sich das gesamte Pflegepersonal der Chirurgischen Abteilung um seinen „Besucher“, darunter ganz besonders die Stationshilfe Monika Krämer. „Da haben sich zwei von Anfang an ins Herz geschlossen“, berichten die Krankenschwestern und Basting stimmt schmunzelnd ein: „Die beste Deutschlehrerin für afghanische Kinder.“ Gemeinsames Lieblingsthema der beiden sind die neuesten Fotos, die Sayed überall auf der Station, bei der Besichtigung des Rettungswagens und bei kleinen Ausflügen mit seiner „Gastfamilie“ gemacht hat. Stolz blättert er durch die Fotoalben und erklärt in Deutsch die Personen und Orte; darunter auch viele Bilder, die ihn und seine „Betreuungsfamilie“ zeigen.

Vom ersten Tag an sorgte Familie Wieschen in Absprache mit dem Betreuer des Friedensdorfes dafür, dass Sayed familiären Anschluss hatte. Nahezu täglich gab’s Besuch von den beiden Töchtern, die ihm unter anderem mit Gesellschafts- oder Kartenspielen die Zeit vertrieben oder mit ihm Eis essen gingen. So, wie die Dinge liegen, wird Sayed schon bald das Friedensdorf in Oberhausen verlassen können. Bereits für August ist für ihn ein Platz im Flugzeug nach Afghanistan gebucht.

Infos zum Friedensdorf

Seit 1967 hilft die Hilfsorganisation „Friedensdorf International“ Kindern in Kriegs- und Krisengebieten auf der ganzen Welt. Da in deren Heimatländern die Möglichkeiten für medizinische Behandlungen fehlen, organisiert das Friedensdorf mehrmals im Jahr Charterflüge und vermittelt die kleinen Patienten in europäische Krankenhäuser, wo sie kostenlos versorgt werden.

Spendenadresse: Stadtsparkasse Oberhausen, BLZ 365 500 00, Konto 102400.

Ist die Behandlung abgeschlossen, werden die Kinder im Friedensdorf in Oberhausen auf die Heimreise vorbereitet. Bis zu 150 Kinder aus zehn Nationen sind durchschnittlich im Friedensdorf untergebracht, weitere 300 werden zeitgleich in medizinischen Einrichtungen betreut. Auf diese Weise können jährlich 1000 Kinder betreut werden, die in ihrer Heimat keine Chance auf Behandlung haben. Finanziert wird die Hilfe ausschließlich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Friedensdorfes.

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