Für Kinder arbeiten selbst Häftlinge gern

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Die Kinder der Kita St. Michael freuen sich unter anderem über die neuen Garderobenfächer (Hintergrund), die ihnen Dieburger JVA-Insassen geschreinert haben.

Dieburg - Der Wunsch bestand schon seit mehreren Jahren: Die Erzieherinnen der Münsterer Kindertagesstätte (Kita) St. Michael wollten im Sinne der Sicherheit eine neue Garderobe für die derzeit rund 90 Kinder in den vier Gruppen der KiTa anschaffen. Von Jens Dörr

Insbesondere die alten Garderobenbänke wiesen an Ecken und Kanten Teile aus Eisen auf, die eine erhöhte Unfallgefahr darstellten. Aus Kostengründen - eine neue Garderobe hätte 12 000 Euro verschlungen - blieb der Wunsch zunächst das, was er war.

Ehe die Kita um Leiterin Marietta Geist via Zeitungsartikel darauf aufmerksam wurde: In der Dieburger Justizvollzugsanstalt (JVA) restaurierten Häftlinge im Rahmen der Arbeitstherapie Stühle einer anderen Einrichtung. Also begab sich die Leitung aus Münster nach Dieburg ins Gefängnis.

„Es war eine tolle, reibungslose, unbürokratische Zusammenarbeit“, freut sich Geist in diesen Tagen über das Resultat dessen, was nach der Kontaktanbahnung zu Lars Willsch, Leiter der Arbeitstherapie in der JVA Dieburg, folgte. Nachdem Willsch der Kita-Leitung die Arbeit der JVA-Schreinerei gezeigt und einen aufgearbeiteten Kinderstuhl präsentiert hatte, stieg nach und nach die Begeisterung der Kita mit Blick auf die Auftragserteilung. „Unsere Insassen haben außerdem eine hohe Motivation, wenn es um Arbeit zugunsten von Kindern geht“, spricht Willsch einen weiteren Aspekt an, der auch Geist und Co. nicht verborgen blieb. Nachdem die Gemeinde Münster, Eigentümerin der KiTa-Immobilie, der Gemeinde St. Michael als Kita-Betreiberin die Finanzierung genehmigt hatte - die Arbeit der JVA-Insassen gibt es nicht umsonst, aber wesentlich günstiger als bei Handwerksbetrieben -, fand noch vor den Sommerferien der erste Möbeltransport in die Nachbarstadt statt.

Neue Ablagefächer

Dankbar ist Marietta Geist in diesem Zusammenhang den Arbeitern der Gemeinde Münster, die den Hin- und Rücktransport von Tischen, Bänken und Stühlen übernahmen. Neben deren Aufarbeitung - in der Arbeitstherapie der JVA Dieburg sind unter der Leitung des gelernten Zimmermanns Willsch bis zu zwölf Personen am Werk - fertigten die Häftlinge passend zu den Bänken neue Ablagefächer für die Garderobe. „Nach anfänglicher Scheu vor der gewohnten Arbeit kam plötzlich die Erkenntnis, dass Arbeiten gar nicht so schlecht ist“, formuliert es Willsch mit Blick auf die Häftlinge ganz direkt.

Unterstützung beim gemeinsamen Projekt zwischen Kita und Gefängnis erhielten Geist und Willsch auch von JVA-Leiterin Ingeborg Growe-Zenz, die die Zusammenarbeit genehmigt hatte.

Einige Häftlinge profitierten auch vom Know-how, das ihnen Schreinermeister Pfuhl in der JVA Dieburg im „Einstiegsmodul Holz“ näher bringt.

Inzwischen sind alle Möbel wieder in der Kita St. Michael und werden von den Kindern wieder eifrig genutzt - nun gefahrenfrei. Als Dankeschön für die Ersparnis von vielen tausend Euro überreichten Geist und Pfarrer Bernhard Schüpke kürzlich ein Plakat an Willsch, auf dem sich die Kinder malerisch verewigt hatten.

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