Als ob die Kinder nach ihm riefen…

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Hoch oben über Dieburg: die Glocken von St. Peter und Paul.

Dieburg - Wenn am Ostersonntag im Turm von St. Peter und Paul die Glocken läuten, wird es für Heini Lohrum sein, als riefen seine Kinder nach ihm. Von Barbara Hoven

Dann lässt der kleine Rochus, der zehn Jahre nach seinen Geschwistern auf die Welt kam und trotzdem schon ein Drittel mehr wog als der Martinus mit den neun Zentnern und dem vorlauten A, sein klares G hören. Dann kommen die 17 Zentner von Petrus und Paulus, dem großem Bruder mit den zwei Namen, mit einem F mächtig in Schwung. Und dann beweist Maria, immer schon ein Schwergewicht, wer in der Familie eigentlich das Sagen hat. Niemand kann Maria ob ihrer 30 Zentner Leibesfülle einen Vorwurf machen. Ein tiefes D verlangt nunmal nach Masse.

Heini Lohrum mit Dackel Anton.

Heini Lohrum, Jahrgang 1928 und aus Fleisch und Blut, kennt jedes bronzene Gramm. Als 1950 „die große Maria“ und zwei ihrer Brüder in einem Funkensturm zur Welt kamen, da lud die Dieburger Pfarrei St. Peter und Paul einen Autobus mit 30 Gemeindemitgliedern voll und chauffierte sie nach Frankenthal in der Pfalz zur Glockengießerei Hamm. So hat’s Heimatforscher Valentin Karst noch im selben Jahr in seiner Glockenbroschüre festgehalten, und so ähnlich erinnert sich auch Lohrum an jenen Tag. Er war dabei, als alle auf einer Tribüne Platz nahmen, um nichts zu verpassen. Er war dabei, als ein Dieburger Schulkind die Anfangsverse von Schillers „Glocke“ zitierte, bevor der Guss begann. Und er war dabei, als sich am 9. Dezember 1950 hunderte Dieburger am Ortsausgang nach Groß-Zimmern versammelten, um den Einzug der neuen Glocken mitzuerleben. „Mit einer großen Prozession haben wir die Glocken abgeholt“,erinnert sich das sympathische Dieburger Urgestein. Der 80-Jährige sitzt in seiner Küche, auf der hölzernen Eckbank, und schwelgt in Erinnerungen. „Die Kommunionsmädchen gingen mit ihren weißen Kleidern ganz vorne, dahinter viele Vereine und Bürger.“ Durch die geschmückte Rheingaustraße sei der Tross gezogen, dann über den Marktplatz und zur Pfarrkirche, wo am zweiten Adventssonntag die neuen Glocken geweiht wurden.„Gleich am Montag danach haben mein Vater und ich mit Monteuren aus Frankenthal mit der Arbeit im Glockenturm begonnen, um die neuen Glocken zu installieren“,erzählt Lohrum, der damals noch mit Vater Heinrich in der elterlichen Schlosserei arbeitete. Das Unterfangen glückte, Heimatforscher Karst notierte: „Am Heiligen Abend läuteten unsere Glocken zum ersten Mal.“

Seitdem hat Heini Lohrum die Glocken begleitet, und sie begleiteten ihn. Er wurde Schlossermeister, spannte jedes Jahr die Zugseile nach und „ölte ein bisschen“. Und manchmal war er auch für die Schützlinge da, als er eigentlich gerade anderes zu tun hatte: „Einmal stand ich am Bescherabend im Bad, da rief der Küster an, ich müsste dringend rüber kommen, weil die Zugkette bei der großen Maria gerissen wäre. Was wollt ich da machen, da hab ich mich eben abgetrocknet und bin zur Kirche.“Die Seile waren nicht gerissen, nur abgesprungen. Also heilte Heini Lohrum die Maria und war pünktlich zur Bescherung wieder bei seiner anderen Familie. „Das war `ne Story“, lacht der Rentner. „Aber sonst waren sie immer brav.“

Wann er seine Zöglinge zuletzt gesehen hat, weiß Lohrum heute nicht mehr genau. „Oh, das ist schon lange her“, grübelt er. Zu beschwerlich sei der Besuch in der Glockenstube, die er früher so oft und so gerne erklomm, in den letzten Jahren geworden. „Gezählt habe ich nie, aber einige hundert Male war ich sicher da oben“,erinnert sich Lohrum, dem heute der tägliche ausgiebige Spaziergang mit Dackel Anton Anstrengung genug ist. „Aber ich bin früher leidenschaftlich gerne auf den Kirchturm gestiegen, man hat `nen tollen Rundblick von da oben.“ Bis nach Umstadt, Groß- und Klein-Zimmern reiche das Panorama. „Nach Darmstadt können'se auch schaue, aber da sehen'se nur den Wald.“

So ganz hat Lohrum sich noch nicht von dem Gedanken verabschiedet, seinen Schützlingen mal wieder einen Besuch abzustatten: „Ich würd` nicht sagen, dass ich nicht noch mal rauf gehe.“

Dass Dieburg damals neue Glocken brauchte - kein Einzelschicksal. Immer wieder fielen Kirchenglocken Kriegen zum Opfer. Auch im Zweiten Weltkrieg, auch in Dieburg: Im Jahr 1941 wurde das alte Geläut der Pfarrkirche beschlagnahmt. Wie tausende andere Kirchenglocken in Deutschland wurden drei der vier Glocken Opfer des Schmelzofens. Zeitzeuge Lohrum erinnert sich: „Die Regierung informierte unseren Pfarrer darüber, dass die Glocken für militärische Zwecke abzuliefern seien. Der Pfarrer hat dann natürlich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sie zu behalten. Er schrieb unzählige Briefe, sprach bei der Regierung vor. Half aber alles nichts – die Glocken wurden abgeholt, nach Hamburg gebracht und für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen.“ Lohrum weiß noch, dass irgendwann Pfarrer Friedrich Geoerg anrief und um Hilfe bat: „Ihr müsst jetzt kommen, die Glocken werden geholt.“ Also montierte er mit seinem Vater, dem Schlossermeister Heinrich Lohrum, zwei weiteren Angestellten der Schlosserei und „zwei Monteuren von der Regierung“ die Glocken ab. „Wir haben das dann halt so akzeptiert, was wollte man machen.“Und so war Heini Lohrum als 13-jähriger Bub auch dabei, als 1941 Männer mit Lastern in der Pfarrgasse vorfuhren und das Gotteshaus seiner metallenen Stimmen beraubten.

Die Stadtpfarrkirche blieb von da an neun Jahre lang fast glockenlos, bis 1950 „die große Maria Assumpta, ein Mordskoloss“ und ihre Geschwister das Läuten nach Dieburg zurückbrachten. Mit dem Nachkömmling Rochus wurde das Geläut aber erst 1960 wieder vollständig. „Danach wollte der Hessische Rundfunk das Dieburger Glockenläuten aufnehmen“,erzählt Lohrum. „Aber weil es bei der Aufnahme mit dem Zug nicht klappte, haben wir Stricke genommen und von Hand geläutet, damit der Ton stimmte.“

Ja, Heini Lohrum war immer dabei. Seine Kinder hat er nie im Stich gelassen. Und das werden sie ihm am Ostersonntag wieder danken.

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