Zu klein, zu groß, zu eng, zu weit

So könnte das Dieburger Freibad aussehen – vorausgesetzt, die Stadt nimmt fast zehn Millionen Euro in die Hand, die sie nicht hat. Vier der acht 50-Meter-Bahnen werden auf 25 Meter verkürzt, die Nichtschwimmerbecken werden deutlich größer, die Rutsche (rot-blau) endet nicht mehr mitten im Becken, das Kiosk und sein Terrassenbereich (gelbe Quadrate) kommen an den Eingang, das Aufsichtshäuschen zentral zwischen die Becken. Die Zukunft des Sprungbereichs ist offen. grafik: Büro gruner

Ein Architekt macht eine Bestandsaufnahme des Dieburger Freibades. Das Ergebnis führt zur entscheidenden Frage: Wer soll die Sanierung bezahlen?. VON RALF ENDERS

Dieburg – Die Dieburger Schwimmbäder machen derzeit mächtig Wellen. Während der Hallenbad-Neubau vorbehaltlich des Votums der Wassersportvereinsmitglieder im Oktober kurz bevorsteht (der Dieburger Anzeiger berichtete ausführlich am vergangenen Samstag), befindet sich die Sanierung des Ludwig-Steinmetz-Freibads noch in der Vorentwurfsphase. Der beauftragte Architekt Michael Gruner aus Straubenhardt bei Pforzheim hat die Pläne am Montag im Schwimmbadausschuss des Stadtparlaments vorgestellt. Nach einer ausführlichen Bestandsaufnahme des schlechten Ist-Zustands zeigte Gruner, wie das neue Freibad aussehen könnte – vorausgesetzt, die Stadt Dieburg nimmt knapp zehn Millionen Euro (netto) in die Hand.

Den Ausschussmitgliedern schlackerten die Ohren, als sie zwei Stunden lang hörten, wie Gruner das Freibad auseinandernahm. Die gute Nachricht: Spinde und Umkleidekabinen sind prächtig. Die schlechte Nachricht: Der Rest ist marode. Zumindest den geltenden Normen zufolge, die der Architekt und der TÜV freilich anlegen müssen. Gruners Erkenntnisse:

Gesamtareal und Becken

20 000 Quadratmeter sind relativ wenig für die Besucherzahl von 3 500 bis 4 000 Menschen an heißen Tagen, zumal ein Stückchen Liegewiese noch für den Sportbad-Neubau draufgeht. Die Beckenaufteilung – zwei Drittel Schwimmer, ein Drittel Nichtschwimmer – ist für den tatsächlichen Bedarf genau verkehrt herum.

Sprungturm und -becken

Der Aufstieg von hinten ist heutzutage „unzulässig“, das Geländer „absolut unzulässig“. Die Wassertiefe beträgt 4,37 statt erforderlicher 4,50 Meter. Die gesamte Sprunganlage ist „unfallträchtig und ein Riesenproblem“. Sie darf streng genommen nicht mehr benutzt werden. Man behelfe sich damit, unter Aufsicht nur in die Mitte springen zu lassen. Die angeschrägten Seiten des Sprungbeckens sind zu steil.

Aufsichtshäuschen

Durch seine Bauart wird das Häuschen „brütend heiß“ in der Sonne, die die Schwimmmeister zudem die meiste Zeit des Tages blendet.

Spaßbecken

Der starke Sog an den Wasserabläufen ist „heute verboten“. Die Treppe zur Edelstahl-Doppelrutsche hat unterschiedliche Stufenhöhen, das Geländer „verdient seinen Namen nicht“, und die Rutsche selbst endet zu hoch über der Wasseroberfläche. Der Betonturm der Plastikrutsche ist marode. Der offene Ausgang der Rutsche hat zwar Bestandsschutz, ist aber mittlerweile verboten. „Die Rutsche ist 30 Jahre alt, die ist fertig.“

Babybecken

Das Wasser ist mit 55 Zentimetern viel zu tief. Toiletten, Umkleiden und Wickelraum sind zu weit weg.

Südgebäude

Die Kiosk-Räume sind „erbärmlich“, die Dachkonstruktion zu schwach und das Welleternit „100 Prozent asbesthaltig“. Immerhin: Kasse und Eingang sind „weitgehend okay“.

Ostgebäude

Der Grundzustand des östlichen Gebäudes zum Konvikt hin ist – ebenso wie der des südlichen zur Kreisstraße – „fertig“. Ganz schlimm die Gefahren für die Bediensteten, die zahlreichen Unfallquellen ausgesetzt sind, etwa beim „katastrophalen“ Zugang zum Keller, wo unter anderem die Pumpen sind. Der Baugrund ist schlecht und erst in vier Metern Tiefe tragfähig. Deshalb gibt es zahlreiche Risse und Wassereintritt.

Der „Behindertennassraum“ hat, man glaubt es nicht, eine Stufe, und die Tür geht unzulässigerweise nach innen auf. Die Dusche darin ist für Behinderte wegen einer Glasabtrennung schwer zu nutzen und für Architekt Gruner „nicht nachvollziehbar“.

Die Umkleiden, Toiletten und Duschen für Männer und Frauen sind zu eng und zu wenige. Dafür gibt es dazwischen riesige Freiräume, die nicht zu nutzen sind und zudem von einer kaputten Fußbodenheizung das ganze Jahr über aufgewärmt werden.

Was tun?

Gruner hat eine Sanierungsvariante erarbeitet, bei der das Südgebäude unterkellert wird, um dort die Technik unterzubringen. Das Kiosk samt Terrasse käme an den Eingang. Umkleiden und Sanitärräume blieben auf der Ostseite. Der gesamte Nichtschwimmerbereich wäre mit fast 1 000 Quadratmetern deutlich größer als jetzt. Das Aufsichtshäuschen würde auf die andere Seite, zentral zwischen Baby-, Spaß- und Schwimmerbecken versetzt. Neben dem Babybecken würde eine kleines Häuschen mit Umkleide, Toilette und Wickelraum gebaut.

Beckenform und Sprungturm stehen unter Denkmalschutz, sind also faktisch unantastbar. Gruner würde vier der acht 50-Meter-Bahnen auf 25 Meter verkürzen, um auf dem verbleibenden Viertel eine Art Pufferzone mit Behinderteneinstieg zu gewinnen. Alle Becken wären aus wartungsfreiem Edelstahl, „das ist heute gar nicht mehr so teuer“.

Größtes Problem ist das Alleinstellungsmerkmal des Dieburger Freibads, der Sprungturm mit der Möglichkeit, zehn Meter in die Tiefe zu hüpfen – auch wenn es Gruners Messungen zufolge nur 9,89 Meter sind. Der Architekt deutete versicherungstechnische Probleme im Falle eines schweren Unfalls an. Seine Lösung: Turm und Becken aufwändig sanieren – oder schließen und den Bereich mit einer Wasserhüpfburg nutzen.

Noch Fragen?

Der Zustand des Patienten hat die Ausschussmitglieder sichtlich überrascht. Wie schnell denn eine Sanierung vonstatten gehen könnte, wollten sie wissen. Wenn das Wetter mitspiele und alles glatt laufe von September bis Ende Mai, sagte der Architekt.

Ein ökologisches Naturschwimmbad? „Mit dieser Zahl an Badegästen auf dieser Fläche nicht zu machen.“

Droht eine Schließung durch den TÜV wie im Münsterer Hallenbad? Bürgermeister Frank Haus (parteilos): „Die größte Gefahr ist Technikversagen.“ Wegen der Unfallgefahr habe man das Springen vom 3-Meter-Brett bereits untersagt, die restlichen Sprungmöglichkeiten seien eingeschränkt. Freilich bleibe stets ein Risiko, aber: „Das Interesse der Dieburger am Baden ist wesentlich größer als mögliche Unfallgefahren.“ Die hätten zudem in mehr als 65 Jahren Freibad noch nie eine Rolle gespielt.

Was kostet’s?

Knapp 10 Millionen Euro netto hat Badexperte Gruner errechnet, eine abgespeckte Variante käme immer noch auf 8,5 Millionen. Bürgermeister Haus: „Das ist aus dem laufenden Haushalt nicht finanzierbar, sondern nur über Kredite.“

Wie geht’s weiter?

Entschieden ist noch lange nichts. Die Mitglieder des Schwimmbadausschusses schauen sich nun die Unterlagen des Architekturbüros genauer an, um danach sicher weitere Fragen zu stellen.

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