Kleine Bühne, großer Auftritt

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Heinz Schlageter zeigt einige seiner Pappkameraden, die im Papiertheater als multifunktionale Schauspieler oder Sänger agieren. Oben eine Hintergrundszene für den „Fliegenden Holländer“.

Dieburg ‐ Unter einem Dach in der Beethovenstraße spielt sich unbemerkt große Bühnenkunst ab: Der fliegende Holländer erscheint mit seinem Schiff über tosenden Wogen, ein Wagnerscher Heldentenor steht in Sängerpose wie eingefroren vor dem applaudierenden Publikum und Hänsel und Gretel schauen vom Hexenhäuschen aus zu.  Von Lisa Hager

„Nehmen Sie Platz“, sagt Professor Heinz Schlageter, dem trotz seiner 76 Jahre noch jungenhafter Schalk aus den Augen blitzt und deutet auf einen rotsamtenen Hocker mit geschwungenen Füßen. Schon ist der frühere Energietechnik-Dozent der Postfachhochschule mittendrin in seinem eigenen Lieblingsstück: dem Papiertheater. Mit seinem früheren Beruf hat diese Leidenschaft nur insofern zu tun, als sich mit elektrischer Beleuchtung in den Theatern, die höchstens Puppenbühnengröße haben, tolle Effekte erzielen lassen.

Schlageter, der zusammen mit seiner Frau Elke, eine umfangreiche Papiertheatesammlung sein eigen nennt, ist schon als Kind im heimatlichen Säckingen „infiziert“ worden: Seine Eltern haben das Theater in der Winterzeit vom Speicher geholt und für die Kinder gespielt. Als Schlageter später beruflich nach Dieburg kam, hatte er sich ehrenamtlich im Museum engagiert und war zufällig auf eine Zeitschrift gestoßen, die Nachdrucke der alten Theaterbogen für Sammler wieder auflegte. Seitdem hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. Zwei Theatereinrichtungen seiner Sammlung stammen noch von den Eltern: „Max und Moritz“ und „Hänsel und Gretel“.

Der Ursprung der Papiertheater, die anfangs für Erwachsene geschaffen wurden, geht aber viel weiter zurück: Nach der französischen Revolution sehnte sich das Bürgertum nach den Privilegien, die früher dem Adel vorbehalten waren. Dazu gehörte auch der neue „Zeitvertreib“ durch Kultur und Theater. Die Biedermeierzeit, in der das Bürgertum immer selbstbewusster wurde, hat den Papiertheatern einen regelrechten Aufschwung beschert. „Man hat in dieser schöngeistigen Zeit auch das Kind als Individuum entdeckt“, sagt der begeisterte Pädagoge. Aber bis zum Kindertheater aus Papier vergeht noch einige Zeit.

Zuerst war das Angebot von Theater-Ausschneidebogen die Antwort auf die leidenschaftliche Verehrung für die Bühne und die Schauspieler. Das neue Jahrhundert bescherte auch dem Bürger und wohlhabendem Handwerker zumindest ab und zu die Möglichkeit, ein Theater zu besuchen. Bislang war dies dem Adel und der feineren Welt vorbehalten gewesen. „Und damit man das Zuhause alles nachspielen und sich an die Abende möglichst lang erinnern konnte, hat man über das Papiertheater das Erlebnis quasi konserviert und immer wieder aufgefrischt“, erklärt Schlageter.

Typische Szenen aus bekannten Stücken und Opern wie „Urfaust“, „Wilhelm Tell“, „Der Freischütz“ oder „Die Meistersinger von Nürnberg“ werden so fürs Wohnzimmer aufbereitet. Die Gesamtpakete, die Verlage produzierten, beinhalteten entsprechende Ausschneidebogen für die Figuren (oft auch in verschiedenen Kostümen), Bühnendekorationen und die Bauteile für das Bühnenhaus selbst. Die Texthefte umfassten Kurzfassungen der beliebten Stücke der großen Theater, die zuhause nachgespielt und beliebig wiederholt werden konnten.

In manchen aufwändigeren Papiertheatern sind mehrere Bühnenbilder hintereinander angeordnet. Durch das Heben des Zwischenhintergrundes entstehen reizende Durchblicke: von einem Zimmer in den Garten beispielsweise. „Oder es lässt sich die Vision einer überirdischen Erscheinung erzeugen“, sagt Schlageter.

Auch der Wechsel der Tageszeiten oder des Wetters lässt sich mit einfachen Mitteln erzeugen, die Schlageter gerne vorführt. In einer Szene, die man beispielsweise für „In 80 Tagen um die Welt“ oder auch eine Oper wie Aida, die in Ägypten spielt, gleichermaßen verwenden könnte, besteht die Bühnenbeleuchtung aus einer einzigen Glühbirne. Ein romantischer Sonnenuntergang, vor dem sich die Palmen kontrastreich abheben, lässt sich durch Vorspannen eines roten Papierbogens erzeugen. Ein dunkelgrauer Karton, in den kleine Löcher gestanzt sind, wird zum Nachthimmel, an dem Sterne blinken.

Papiertheater gab es in England - wesentlich früher als in Deutschland - schon um 1820 in ausgreifter Form. Schlageter ist ganz verliebt in eines seiner grazilen Exemplare des „Toy theatre“: Die Köpfe des Publikums haben hier nur Kirschkerngröße. Das ist aber kein Spielzeug, auf diesen Bühnen hatten sogar ganz „große“ Männer ihren Auftritt: Vom englischen Staatsmann Winston Churchill ist bekannt, dass ihn ein kleines Theater auf seinen Reisen begleitete. Ob er sich dabei nur entspannte oder die nächste politische Strategie schon mal durchspielte?

Heinz Schlageter kann die Entspannungsfunktion des Papiertheaters gut nachvollziehen. Hier steht die Zeit still, wenn man will: Wilhelm Tells Pfeil im gespannten Bogen fliegt nie durch die Luft, die Landsknechte in Wallsteins Lager trinken unermüdlich ihren Wein. Und der Vorhang fällt erst, wenn ihn der Regisseur selbst vor die Szene schiebt.

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