Kleinstwohnhäuser

„Den Blick über den Tellerrand wagen“: Dieburgerin kämpft für Tiny Houses in der Kommune

Auch in einem Tiny House lässt es sich idyllisch leben. In Dieburg kämpft Annette Gentsch bereits seit einiger Zeit dafür, dass vermehrt auf solche Konzepte bei der Nutzung von knappem Wohnraum gesetzt wird.
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In Dieburg kämpft Anette Gentsch bereits seit einiger Zeit dafür, dass vermehrt auf Tiny Houses bei der Nutzung von knappem Wohnraum gesetzt wird.

Sogenannte Tiny Houses versprechen mit ihrem Konzept eine effektive und günstige Nutzung der begrenzten Flächen. In Dieburg kämpft Anette Gentsch für die Umsetzung solcher Ideen.

Dieburg – Es gibt sie als feste oder mobile Varianten: Die Rede ist von sogenannten Tiny Houses. Als Bewegung in den USA gestartet, schwappt der Trend vom kostengünstigen und minimalistischen Wohnen auf kleinem Raum mittlerweile auch verstärkt nach Deutschland. In einigen bayrischen Kommunen existieren bereits ganze Siedlungen, und auch in Neubaugebieten werden immer häufiger explizit Grundstücke für „Tiny Houses“ ausgewiesen. Ab wann ein Haus jedoch als „tiny“ (engl. für klein) gilt, ist je nach Definition unterschiedlich. Der Wohnraum beträgt in der Regel zwischen 15 und 55 Quadratmetern – Stauraum wird aufgrund der geringen Größe möglichst effizient genutzt.

„Tiny Houses lohnen sich für Leute, die sich einschränken können und das natürlich auch wollen“, erklärt Anette Gentsch. Die Dieburgerin beschäftig sich bereits seit einiger Zeit intensiv mit dem Thema. Tiny Houses ermöglichen dank ihrer Mobilität und geringen Größe eine flexible Lebensweise. Davon profitieren laut Gentsch insbesondere Senioren, denen Reinigung und Pflege ihres Eigenheims Probleme bereiten sowie Studenten auf Wohnungssuche. Für Letztere könne ein Tiny House in Zukunft sogar die berühmte Ein-Zimmer-Wohnung ersetzen. „Durch solche Konzepte kann auch in Dieburg neuer Wohnraum für junge Menschen geschaffen werden“, sagt Gentsch.

Tiny Houses in Dieburg: Finanzieller Vorteil als Knackpunkt

Heiko Wolf, Leiter des Fachbereichs Bauen der Stadt Dieburg, sieht das jedoch anders. Laut ihm ziehen junge Menschen und Senioren eher in kleine Mietwohnungen, als sich ein Tiny House zu bauen. „Senioren wissen oftmals, dass ihr Haus viel zu groß ist, verändern aber trotz zahlreicher Möglichkeiten nichts an ihrer Situation.“

Neben erhöhter Flexibilität für Job und Studium sowie vermeintlichen Vorteilen im Alter spielt auch der finanzielle Aspekt eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung für ein Tiny House. Die Kosten für ein bezugsfertiges Kleinstwohnhaus liegen je nach Ausstattung und Hersteller in Deutschland zwischen 25- und 70 000 Euro. Deutlich günstiger als ein handelsübliches Fertighaus. Ein Umstand, den Anette Gentsch auch vor dem Hintergrund der steigenden Grundstückspreise als Vorteil sieht: „Wer will denn heute noch 500 000 Euro für ein Grundstück und ein Haus ausgeben? Man kann das heutzutage nicht mehr in der eigenen Lebenszeit bezahlen und lastet es am Ende nur den Kindern als Schulden auf.“ Ihrer Meinung nach müsse „jetzt mal ein Ruck durch die Welt gehen“, damit sich etwas ändert.

Dieburg: Verpachtung von Grundstücken für Bebauung mit Tiny Houses

Der 56-Jährigen geht es in Dieburg in erster Linie darum, innerstädtische Wohnflächen in Privatbesitz durch Verpachtung für Menschen mit Bedarf zugängig zu machen. Als Vorbild dafür sieht sie eine ähnliche Aktion in Tübingen, wo Politiker Besitzer zu einem solchen Schritt motivieren konnten. „Das tut dem Eigentümer ja nicht weh. Das Tiny House stellt zwar die Fläche zu, aber darunter wächst es weiter. Das Grundstück ist also nicht wie bei Massivhäusern zerstört und kann daher auch nach Ablauf des Pachtvertrags einfach weiter genutzt werden.“ Zudem könne sich der Besitzer die Grundsteuer mithilfe von Umlagen sparen.

Um ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen, wollte Gentsch mit den Eigentümern in Kontakt treten und wendete sich dafür hilfesuchend an die Stadt Dieburg. Doch dort sei sie mit ihrem Vorhaben bisher auf wenig Unterstützung gestoßen. „Meine Bitte wäre nur gewesen, dass ich die Besitzer direkt ansprechen kann. Das ist aufgrund von Datenschutz aber nicht möglich, es sei denn eine städtische Organisation leitet meine Anfrage weiter.“ Doch genau das sei laut der Dieburgerin bisher nicht geschehen. „Ich wurde zwar für meine Initiative bewundert, aber das ist leider als Antwort nicht ausreichend.“ Wie die Kommune generell zum Thema Tiny Houses steht, wisse sie daher bis heute nicht.

Veraltete Denkmuster: Kein Raum für neue Ideen in Dieburg

Für das geringe Interesse macht die 56-Jährige vornehmlich veraltete Denkmuster verantwortlich. „Die Leute sind so sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt und darauf fokussiert, Geld zu verdienen, dass sie die Not anderer gar nicht sehen. Da bleibt dann eben kein Fenster mehr offen für neue Ideen.“ Gentsch resigniert: Zu viel Energie und Zeit habe ihr Anliegen bereits in Anspruch genommen. „Ich will hier auch niemanden missionieren. Das habe ich längst aufgegeben.“ Dabei würde die Dieburgerin nur zu gerne eine Vorreiterrolle in der Region übernehmen. Aktuell plane sie daher den Bau eines Kleinsthauses auf ihrem Grundstück in Groß-Umstadt. Doch auch dort stellen sich Hindernisse in den Weg. Die Satzung und der Denkmalschutz lassen eine Bebauung der Wohnfläche mit einem Tiny House derzeit nicht zu.

Für die Zukunft wünscht sich Gentsch ein Umdenken und die „Betrachtung des großen Ganzen“. Tiny-House-Besitzer zahlen auch Steuern, und wenn die Leute mehr zum Leben übrig haben, dann geben sie auch mehr aus“. In Bezug auf die geplanten Neubaugebiete in Dieburg Süd und West hofft Anette Gentsch daher auch auf Grundstücke im Tiny-House-Format und rät der Verwaltung: „Man sollte sich einfach mal mit den Besitzern solcher Häuser austauschen und den Blick über den Tellerrand wagen.“

Tiny Houses: Keine Pläne in Dieburg

Ob sich diese Wunschvorstellungen jedoch erfüllen, bleibt fraglich. „Wir sehen natürlich die Entwicklung, zweifeln aber noch an der Sinnhaftigkeit des Ganzen“, erklärt Baumamtsleiter Heiko Wolf. „Dieses Konzept propagiert den schnellen und einfachen Häuserbau. Doch solche Entscheidungen sollten gut überlegt werden, denn auch Tiny Houses kosten nun mal Geld.“ Darüber hinaus sei das Thema baurechtlich noch eine „Grauzone“, weshalb für die geplanten Neubaugebiete in Dieburg derzeit keine konkreten Pläne für die Bebauung mit Kleinstwohnhäusern existieren. Die Häuser sind also zwar klein – doch das Diskussionspotenzial riesig. (Jan Lucas Frenger)

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