Den Kochlöffel zum Abschied vergoldet

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Schüler Tino Josuan hat für die scheidende Schulköchin Agnes Förster (rechts) den Kochlöffel, den sie über 1600 Mal pro Monat für die Schüler schwang, vergoldet.

Dieburg - Ein Süppchen wie jenes, das die Kollegen ihr an ihrem letzten Tag angerührt hatten, dürfte selbst eine Frau wie die Gustav-Heinemann-Schulköchin Agnes Förster nie zuvor gekostet haben. Von Barbara Hoven

Zuckersüß war das und gleichzeitig bitter, und dass auch eine gewisse Schärfe nicht fehlte, dafür brauchte es angesichts des plötzlich glasklaren Blickes der 58-Jährigen keines weiteren Beweises. Doch trotz zwiespältiger Zutatenkombination wird Agnes Förster bisher nichts lieber ausgelöffelt haben als diese Suppe. Geschenke, Blumen und ein vergoldeter Kochlöffel zum Abschied aus dem aktiven Dienst serviert in einem Topf gigantischen Ausmaßes: Das geht runter wie Öl.

Und das sorgte für Verwunderung in eigener Sache: „Dass ich soviel Gutes getan habe, wusste ich ja gar nicht“, schüttelte die angesichts des Menschenauflaufs in ihrem Edelstahl-Reich sichtlich gerührte Köchin den Kopf. Dass für sie nun der Ofen aus ist – der Übergang in die Freistellungsphase ihrer Altersteilzeit bedeutet praktisch den Ruhestand – zwang ihre Augen zu vorübergehender Widersprüchlichkeit. „Wie du mir erzählt hast, gehst du mit einem lachenden und einem weinenden, aber meine Augen weinen beide, denn du wirst uns sehr fehlen“,sagte Renate Klimser vom Personalrat.

Doch auch bei der so gerühmten Förster blieb spätestens in dem Moment kein Auge mehr trocken, als ihr Schüler Tino Josuan ihr langjähriges Arbeitsgerät in vergoldeter Form überreichte. Schulleiterin Gabriele Kregelius persönlich hatte den Kochlöffel, den Förster monatlich über 1600 Mal schwang, „aus der Küche gemopst“, um ihn im Werkunterricht von Schülern vergolden zu lassen.

Am 1. September 1994 hatte Agnes Förster in der Küche der Gustav-Heinemann-Schule ihren Dienst angetreten; zwei Wochen später begann in der Schule der Betrieb der flexiblen Ganztagsschule samt eigener Schulküche – ein Pilotprojekt. Ihre Premiere gab die ausgebildete Köchin damals mit Nudeln in Tomatensoße, dazu Karottensalat. Rund 30 Ganztagsschüler schmeckten dieses und andere Werke Försters anfangs vier Mal in der Woche - zum Preis von 50 Mark im Monat. „Doch durch Agnes Försters sehr gute Organisation von Einkauf und Speiseplan konnte der Essenspreis schon bald auf 32 Mark pro Monat gesenkt werden“, erinnert sich Kregelius. Diesen Preis – inzwischen umgerechnet in 16,38 Euro – hat die Schule bis heute gehalten.

Auch Extrawürste hat die Köchin dabei nie außer Acht gelassen, Wünsche aus den Klassen wanderten immer wieder auf den Speiseplan. Weil das Essen schmeckte und auch der Nachtisch nie fehlte, hatten die Schüler ihre Köchin schnell ins Herz geschlossen - was stets auf Gegenseitigkeit beruhte, wie Förster bei ihrem Abschied eigentlich nicht erst betonen musste: „Die Schule war ein Großteil meines Lebens, ich habe die Kinder alle geliebt und kannte jedes mit Namen“,sagte sie. Bei 107 Schülern ist das ein Grund, stolz zu sein. „Ich war eben Köchin aus Leidenschaft.“

Ebenso leidenschaftliche Esser fand Förster an der Schule reichlich - mit der Einführung der verbindlichen Ganztagsschule im Schuljahr 1999/2000 stieg die Zahl der Portionen auf mehr als 70 täglich. Zeit für großartige Ausreißer nahm das Dieburger Urgestein sich trotzdem. Ihre mehrgängigen Weihnachtsmenüs dürften den Schülern wohl eben so im Gedächtnis bleiben wie der allseits geliebte Griesbrei. Auch solch einfache Erfolgsrezepte trugen dazu bei, dass die Schulküche der Heinemann-Schule stetiges Wachstum vermelden konnte und kann. „Aus den anfänglich 400 Portionen pro Monat sind mehr als 400 pro Woche geworden“,fasst Kregelius zusammen. „Täglich sind das zwischen 100 und 120 Portionen, im Monat liegt die Zahl bei 1600 bis 1700 Essen.“ Kein Wunder also, dass sich die Schulleiterin schnell um die Auswahl einer Nachfolgerin kümmern will. „Zum Glück denkt der Kreis, was das Finanzielle angeht, recht fürsorglich an uns.“

Doch zuerst sorgte die Schulleiterin auch gegen den Willen der bescheidenen Köchin für eine würdige Abschiedsfeier – wenn auch ohne Obrigkeit. „Frau Chefin, was nützen mir die Worte von Herren, die mich gar nicht kennen? Ihre Worte und die der Schüler, die sind mir viel wichtiger.“Andere Gäste, wie etwa Hildegard Pfuhl, mit der Förster viele Jahre lang am Schulherd stand, waren dafür umso lieber gesehen.

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