Ohne Kümmerer geht‘s nicht

Wie könnte ein „Gesundheitscampus Rochus“ funktionieren?

Dieburg - Mit der Aufstellung eines zielgerichteten Bebauungsplans will Bürgermeister Dr. Werner Thomas die Weichen für einen Gesundheitscampus auf dem Rochus-Gelände stellen. Inzwischen ist ein Architekturbüro damit beauftragt worden. Bis März könnte der Entwurf den Stadtverordneten schon zur Beratung vorliegen. Von Lisa Hager

Mit einer Veränderungssperre und der Aufstellung eines Bebauungsplans wollen Magistrat und Stadtverordnetenversammlung erreichen, dass das Rochus-Areal auch künftig für die medizinische Versorgung der Bevölkerung genutzt und nicht zweckentfremdet wird. Gelände und Gebäude gehören dem Klinikum Darmstadt, Investor Ulrich Scheinert hat das gesamte Areal bis Ende diesen Jahres angemietet. Inzwischen führen ehemalige Dieburger Belegärzte dort auch wieder ambulante Operationen durch. Langfristiges Ziel ist es, sowohl dieses OP-Zentrum für die Zukunft zu sichern, als auch eine adäquate Nutzung für das gesamte Areal zu finden.

Wie so ein Gesundheitscampus betrieben werden könnte, hat diese Woche im Ausschuss für Infrastruktur und Umwelt der Geschäftsführer eines erfolgreich laufenden Projekts im Sauerland aufgezeigt. Thomas, der das Rochusgelände bis zum Ende seiner Amtszeit im August gerne in sicheren Händen sähe, hat schon länger Kontakt zu Ingo Jakschies. Dieser hat den Gesundheitscampus Sauerland im nordrheinwestfälischen Balve (9 000 Einwohner) aufgebaut und schreibt nach einer Durststrecke inzwischen schwarze Zahlen. Die Stadtverordneten hatten angeregt, ihn zu einem Vortrag einzuladen.

Jakschies, der auf über 25-jährige Erfahrung in der Leitung von Krankenhäusern zurückblicken kann, hat das Gesundheitszentrum mit 7 000 Quadratmetern Nutzfläche unter ähnlichen Voraussetzungen entwickelt, wie sie in Dieburg vorliegen. Ausgangspunkt war auch dort die Schließung eines kleinen traditionsreichen Krankenhauses mit 110 Betten vor vier Jahren. Das Haus sollte abgerissen, das Grundstück anderweitig vermarktet werden. „Das wollte ich nicht mitansehen“, sagte der sehr anschaulich und lebendig berichtende Fachmann. Zehn von elf Befragten hätten ihm damals gesagt: „Das wird nix“. Er habe sich aber nicht entmutigen lassen. Mit verschiedenen anderen Investoren, die sich in einer GmbH &Co.KG zusammenschlossen, habe er das Gebäude für 500.000 Euro erworben und losgelegt. „Der Wert errechnete sich aus dem Grundstückspreis minus der Abrisskosten“, sagte er.

Mit dem Projekt sei auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert worden. „Zum einen verändert sich der Anspruch auf Wohnen im Alter, es entstehen neue Formen“, so Jakschies. Zudem würden die Menschen immer älter, aber natürlich auch kränker, viele müssten sich mit chronischen Erkrankungen arrangieren. Außerdem würden immer mehr Leistungen ambulant erbracht, aus Kostengründen aus großen Kliniken ausgelagert. Auf all das könne man am besten mit einer umfassenden Versorgung im Verbundsystem reagieren.´

Medizin kurios: Bei diesen Patienten staunt sogar der Arzt

Im Sauerland-Campus sind Ärzte, Physiotherapeuten, ambulante Pflegedienste und Anbieter, die Wohn- und Demenzgruppen betreuen, als Mieter jeweils selbstständige Einheiten. Auch ein Medizinisches Versorgungszentrum hat Jakschies dort ansiedeln können. Dazu gibt es ein Sanitätshaus, das eng mit den ansässigen Orthopäden zusammenarbeitet, Reha-Sport, Ernährungs- und Entspannungstraining, einen Kneipp-Verein, Selbsthilfegruppen und ein Bistro.„Der Patient will heute eine ganzheitlich Diagnostik und Therapie. Alles soll möglichst ineinandergreifen. Trotz der verschiedenen Einheiten funktioniert das bei uns“, sagte Jakschies. Voraussetzung dafür sei aber, dass jemand diese Zusammenarbeit moderiere. „Ohne einen Kümmerer, der sich auskennt, geht es nicht. Das ist der Dreh- und Angelpunkt.“

Dass man zuerst defizitär arbeite, sei normal und müsse gestemmt werden, ging er auf die finanzielle Seite des Projekts ein. Im Sauerland habe es drei Jahre gedauert, bis man auf ein Plus kam. „Derzeit stehen 40.000 Euro Mieteinnahmen 30.000 Euro Kosten gegenüber“, nannte er eine konkrete Zahl.

Rubriklistenbild: © dpa

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