Altstadt-Kiosk

Kultiges Stück Dieburg vor dem Aus?

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Martha und Jakob Sehnert vor ihrem Lebenswerk. Der eigentliche Kiosk befindet sich am linken Bildrand, die zusätzliche Trinkhalle gibt es heute nicht mehr.

Dieburg - Es ist ein Stück Dieburg, das seit 65 Jahren zum Stadtbild gehört wie Dalles, Goetheschule oder Gefängnis: der Altstadt-Kiosk neben der Gnadenkapelle und vis-à-vis der Justizvollzugs-Anstalt. Von Jens Dörr

Es ist gewiss nicht der opulenteste Ort im Ort, für viele aber doch mehr als ein Häuschen, an dem man „nur“ Zigaretten und die Zeitung holt und vielleicht noch die Lottozahlen tippt. „Es hieß immer: Wir gehen zur Martha ans Wasserhäuschen. Der Kiosk war und ist für viele ein Teil der Heimat“, sagt Silvia Hermann.

Silvia Hermann ist die Tochter von Martha Sehnert, die den Kiosk 1948 mit ihrem kriegsversehrten Mann Jakob Sehnert errichtete. 1970 bauten sie den Kiosk neu, erhielten ein Jahr später die Zulassung für den Betrieb einer Lotto-Annahmestelle und nahmen östlich des Haupthäuschens 1971 zudem eine kleine Trinkhalle in Betrieb. 1982 bauten sie eine WC-Anlage neu, 1991 einen Lagerraum und 1998 den Unterstand für Lottospieler auf der östlichen Seite. Die separate Trinkhalle gibt es hingegen nicht mehr.

Nachfolger sind schon in Aussicht

Bis 1978 stand Martha Sehnert selbst hinter dem Verkaufstresen, wie sich ihre Enkelin Simone Hermann noch erinnert. „Ich saß auf ihrem Schoß und sie hat dabei die Kunden bedient.“ Es folgten vier verschiedene Pächter. Der Vertrag mit der aktuellen Pächterin läuft Ende Juni dieses Jahres aus, potenzielle Nachfolger sind schon in Aussicht. Silvia und Simone Hermann aber fürchten: Der 30. Juni 2013 könnte auch das Todesdatum für den Altstadt-Kiosk werden – und die Familie zudem in finanzielle Nöte bringen.

Seit 65 Jahren gehört der Altstadt-Kiosk zum Dieburger Stadtbild.

Die Lage der Dinge: Der Kiosk befindet sich am südöstlichen Zipfel des Areals, auf dem die Wallfahrtskirche steht. Das Gelände gehört der katholischen Pfarrgemeinde. Zwischen deren Stiftungsrat und Martha Sehnert bestand einst der Pachtvertrag, der bis Ende der 80er schriftlich, dann mit dem Dieburger Pfarrer Lorenz Eckstein mündlich geschlossen wurde. Auch als 2006 Pfarrer Alexander Vogl seine Arbeit an der Gersprenz aufnahm, wurde kein schriftlicher Vertrag geschlossen. Monatlich zahlen die Hermanns einen kleinen Betrag für die Nutzung des Geländes und nehmen eine höhere Pacht von den Kioskbetreibern ein.

„Kein Öl ins Feuer gießen“

Vor zwei Jahren starb Martha Sehnert. Einige Monate zuvor fand mit ihr, Silvia Hermann, Vogl und zwei Personen des Verwaltungsrats der Pfarrgemeinde ein Gespräch statt, dass die Hermanns sorgenvoll zurückließ. Hier sei das Thema Abriss zur Sprache gekommen. Der Pfarrgemeinde sei der Kiosk seit einigen Jahren ein Dorn im Auge, vermuten die Hermanns. Das könnte auch mit einem Vorfall während der Wallfahrt vor einigen Jahren zusammenhängen, als sich vor dem Kiosk Kunden mit der Bierflasche in der Hand in Stühle fläzten und dergestalt die Prozession beobachteten. „Das fanden wir auch nicht gut, das hing aber auch mit dem Pächter zusammen und wird nicht wieder vorkommen“, sagen die Hermanns.

Pfarrer Vogl möchte bei dem Thema „kein Öl ins Feuer gießen“, sagt aber auch: „Ich will nicht verhehlen, dass der Kiosk kein schönes Aushängeschild für die Gnadenkapelle nebenan ist.“ Auch sei es „nicht schön, wenn die Wallfahrts-Prozession vorbeiführt und die Teilnehmer dort Leute mit Bierflaschen sehen“. Vor allem aber sei die ursprüngliche Nutzung nicht mehr gegeben: Der Altstadt-Kiosk sei von einem Kiosk „eher zu einer Trinkhalle“ geworden. Die Hermanns bestreiten das vehement. Das einstige zusätzliche Trinkhallen-Häuschen gebe es ja nicht mal mehr, zudem habe sich die Kundschaft eher zu Zigaretten- und Zeitungskäufern und Lottospielern hin verschoben als zu jenen, die dort ihr Bierchen tränken. „Das gibt es an Kiosken heute doch kaum noch, auch an unserem viel weniger als früher“, sagt Simone Hermann.

Wirtschaftliche Folgen

Sie fürchten nun, da für Ende April ein Gespräch mit der Pfarrgruppe angesetzt ist, dass – gerade nach dem Tod Martha Sehnerts – die Entscheidung für den Abriss gefallen und das Ende des Kiosks besiegelt ist. Vogl bestreitet das: „Es ist noch keine Entscheidung gefallen.“ Für Hermanns hätte ein Abriss, damit verbundene Kosten und der resultierende Pachtausfall negative wirtschaftliche Folgen: „Es wäre nicht nur das Lebenswerk unserer Großmutter, die viel Arbeit und Geld reingesteckt und es uns auch als Altersvorsorge vermacht hat, zerstört. Wir kämen in wirtschaftliche Schwierigkeiten, auch wegen unserer familiären Situation, die Pfarrer Vogl bekannt ist.“

Simone Hermann ist alleinerziehend und hat ein schwerbehindertes Kind. Silvia Hermanns Mann ist schwerkrank. Bei der Tochter von Martha Sehnert kommt noch die Enttäuschung über die Gemeinde aus einem besonderen Grund hinzu: Sie, wie ihre Tochter Simone katholisch und gläubig, war früher in der Kirche engagiert und Mitglied im Pfarrgemeinderat. „Von der zwischenmenschlichen Seite her finden wir den Umgang mit uns in dieser Sache eine schwache Leistung“, sagen Mutter und Tochter. Sie hoffen trotz aller Skepsis noch auf das Gespräch Ende des Monats – und auf eine Zukunft des nach wie vor rentablen Altstadt-Kiosks.

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