Feuertaufe fürs Gunkes-Paar

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Gunkes und soi Bawett: Die beiden Newcomer (Thomas Buchert und Juliane Kempf) agierten auf der Bühne wie alte Hasen.

Dieburg - Fastnachtssitzung mit Premiere: Einer von vielen Höhepunkten in der starken, mehr als fünfstündigen Äla-Show des KVD. Von Jens Dörr

Konditionelle Probleme schienen die Narren in der bis auf den letzten Platz besetzten „Ludwigshall“ am Freitagabend nicht zu haben: Als die Protagonisten der Fastnachtssitzung des KVD nach fünfeinhalb Stunden Programm und zweimal elf Minuten Pause weit nach Mitternacht ausmarschierten, wirkte das Publikum fast so, als hätte es gerne noch ein wenig weitergeschunkelt. Ihr närrisches Zeugnis hatten die Zuschauer bis dahin längst verfasst – es dürfte voller Einser gewesen sein.

Wo anfangen bei einer Äla-Show voller Höhepunkte? Am besten am Anfang! Da gelang dem Jugendballett nach dem Einmarsch des Elferrats und der Begrüßung des wie immer bestens aufgelegten Sitzungspräsidenten Bernd Wolfenstädter der beschwingte Auftakt in einen Abend, der trotz seiner Dauer nie an Elan verlieren sollte. Das Jugendballett, diesmal tanzend als „Computerladys“, stand dabei letztmals unter der Leitung von Elke Klenk: Sie gibt den Stab nach 35 Jahren an Jeanette Neumann und Andrea Bausch weiter.

Ein Krankenhaus am Rand der Stadt?

Für die eher seltenen nachdenklichen Momente sorgte im ersten Wortvortrag des Abends Protokoller und KVD-Chef Friedel Enders. Weshalb bloß Barack Obama schon zu Beginn seiner Amtszeit mit dem Friedensnobelpreis dekoriert wurde, fragte sich Enders da. Schwarz-Gelb im Bund nannte er die „Biene-Maja-Koalition“. Die Pleiten von Hertie und Quelle trieben den Dieburger Obernarr ebenso um, vor allem aber die Situation bei Opel: „Bei allem, was sie sich erdacht, hamse die Rechung ohne GM gemacht“, fasste Enders die vergeblichen Loslösungsversuche der Rüsselsheimer von ihrem Mutterkonzern in Reimform.

Noch mehr Platz im Protokoll nahmen indes die regionalen und lokalen Ereignisse des vergangenen Jahres ein – so appellierte Enders daran, sich angesichts der „Einkaufshütte“ Loop 5 in Weiterstadt bewusst auf die kleinen Geschäfte vor Ort zu besinnen. Hält ein mächtiger Vollblut-Fastnachter wie der Vorsitzende von Deutschlands größtem Karnevalverein den Dingen den Spiegel vor, tut er dies außerdem in aller Deutlichkeit: Da darf die Lichtsignalanlage zwischen Dieburg und Münster auch mal als „Drecksampel“ bezeichnet werden und jene, die sich für den Erhalt der Asbest-Wohntürme am Campus aus das Landschaftsbild prägenden Gründen aussprechen, als „Spinner“.

Hätte sich Enders im Anschluss an sein Protokoll als Bürgermeisterkandidat vorgestellt, hätte er mit seinen Ansichten an diesem Abend wohl viele Wähler hinter sich gebracht. „Ein Wunsch, den jeder Anwohner hat: ein Krankenhaus am Rand der Stadt“ – auch für diese Aussage erntete Enders laute Zustimmung aus der Hall. An Fastnacht darf auch mal geträumt werden.

Loslassen vom harten Politikalltag durfte anschließend auch Bürgermeister Dr. Werner Thomas, der als Pharao verkleidet mit den „Speeslochfinken“ ein Märchen der etwas anderen Art auf die Bühne brachte (Texte von Horst Kahlen, Musikalische Leitung durch Werner Utmelleki, Kampagnenleitung durch Lothar Wolf). Gesanglich heraus stach dabei Normannenkönig Helmut Sauerwein – als Lohn gab’s die schöne Lolatetre am Ende zur Gemahlin und tosenden Applaus. Die Lolatetre verkörperte Lothar Wolf – obwohl seit nun 22 Jahren auf der Bühne, verschafft der Vorsitzende der Dieburger Sängerlust den Frauenrollen der „Speeslochfinken“ noch immer eine scheint’s nie verblühende sexy Ausstrahlung. Leider habe man nicht jedes Detail der durchdachten Texte hören können, bedauerten nach der Sitzung Zuschauer aus dem hinteren Drittel der „Luha“.

Es Endstück vom Abbel, des is’ halt en Krotze“, klärte anschließend Monika Schledt auf. In feinstem Dialekt animierte Schledt dabei die Narrenschar, seine Dibboijer Sprachkenntnisse zu überprüfen – der Vortrag zum Mitmachen kam bestens an. Das darf man auch vom neuen Schlager „Was e Stadt“ behaupten“, den Bühnenneuling Stefan Mann ohne sichtbares Lampenfieber präsentierte.

Newcomer „Pünk“ rissen alle mit

Gunter Fries sah als Sherlock Holmes derweil den Pleitegeier über der Dieburg kreisen: „Weg – sind Windelsäck“ – so kurz und treffend können Reime sein. „Ja, so manches sieht man nur, wenn man genau verfolgt die Spur“, meinte Detektiv Fries. Ein Vortrag weniger zum Grölen, aber voller präzise beobachteter Dieburger Begebenheiten, die Fries klar und scharf in Worte goss.

Keinen Hehl machte danach Thorsten Bembi Stemmler daraus, dass für Männer Fußball besser als Sex sei. Denn da seien „die Bälle wenigstens noch echt“. Am Ende bekamen von DJKler Stemmler nicht nur die Hassia, sondern auch die eigenen Vereinsleute ihr Fett weg.

Nach wirbelnden Worten standen wieder wirbelnde Beine auf dem Programm: Das Hofballett zeigte unter der Leitung von Annika Fink und Lena Göbel einen fesselnden Tanz als „Queens of Rock“, toppten das in Halbzeit zwei gar noch als „Cats“. „Über den Wolken“ unterhielten sich anschließend Bernd Schneider und Torsten Setzer, wobei das Publikum wegen Anmut und Kostüm bei Setzer auch herzlich einen der wenigen Textaussetzer durchgehen ließ. Spätestens, als Setzer die Zimmner aufs Korn nahm, die nachts zur Sonne flögen, um sich nicht zu verbrennen, hatte er das bunte Volk in der Hall wieder auf seiner Seite.

Als Bereicherung entpuppten sich die beiden Neulinge Sabrina Brandt und Nina Grimm, die zwei „Jagdausübungberechtigte“ spielten. Die „Äla-Kepp“, Johannes Spieß, Achim Weißbäcker und Christoph Wunderlich, die nach einer Pause im vergangenen Jahr wieder fleißig musikalisch karikierten und auch nicht vor den beengten Sitzen in der Luha Halt machten, beschlossen Halbzeit eins.

Mit „Alice im Äla-Land“ startete „Pünk“ (Leitung Patrick „Paddy“ Liste) mit schrillen Outfits, Akrobatik und Party-Hits in den zweiten Abschnitt. Nach diesem optischen Mahl stieg die Spannung besonders – es folgte der erste Auftritt des neuen Verrer Gunkes, Thomas Buchert, und seiner frisch gebackenen Bawett, Juliane Kempf. Wer es sich nicht vergegenwärtigte, merkte schon nach wenigen Minuten nicht mehr, dass beide erstmals in dieser Rolle auf der Bühne standen: Etwas weniger derb, doch ähnlich cool wie sein Vorgänger Karlheinz Braun gab Buchert den Gunkes – und Kempf als Nachfolgerin von Monika Dambier-Blank als Bawett kräftig Contra: „Alkohol is nur was für die Leut, die Gehirnzellen entbehren können“, beschied sie Gunkes. Ein rundum gelungenes Debüt, für das die Zuschauer beide mit langen Ovationen für ihre neuen Rollen adelten.

Spitzenstimmung bis zuletzt

Die Stimmung auf dem Höhepunkt sollte unter dem in Halbzeit zwei begeistert mitmachenden Publikum nicht mehr abreißen. Ann-Cathrin Resch hielt optisch wie stimmlich das Niveau oben auf dem Narren-Barometer, präsentierte ihren neuen Schlager „Fassenacht – Du bist ein Wunder“.

Bei den beiden „Universalgenies“ Matthias Sahm und Bernd Stenner gab’s sogar noch Erstaunliches zu lernen. Vor allem aber erhielten beide zum Abschluss ihrer Nummer reichlich närrische Verstärkung, die Bühne und Saal bis auf den letzten Platz belebte: Die „Dibboijer Philharmonie“ unter Leitung von Klaus Becker, kann zwar keine Geige spielen; doch niemand tut schöner, als ob er es könnte.

In gewohnter Manier verwöhnten anschließend Klaus Gottwald und Jürgen Schaarvogel („Eine Erektion ist wie ein Stuhl von Ikea – da denkste immer, hoffentlich hält er fünf Minuten“) die Ohren und die „Heihupper“ die Augen der Gäste. Letztmals zeichneten Birgit und Hans-Joachim Enders für die Choreografie des Männerballetts verantwortlich. Hoffentlich nicht zum letzten Mal dabei war das Damen-Duo Petra Herrmann-Kahl und Bettina Steinmetz, das mit lauter Stimme das Blatt vor dem Mund wohl gänzlich fortgepustet hatte und Lacher – zu dieser Uhrzeit fast schon Gröler – am Fließband produzierte.

Schöner als im großen Finale mit den Liedern der „Äla-Fetzer“, dem fulminanten Tanz der Prinzengarde und eingehängt bei den Sitznachbarn, die längst wie man selbst auf den Stühlen standen, hätte die starke Äla-Show nach Anbruch des neuen Tages nicht mehr enden können.

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