Jahr der politischen Achterbahnfahrt

Urban Priol wirft in ausverkaufter Campus-Aula einen Blick zurück

+
Wie man ihn kennt: mit buntem Hemd, haarsträubender Frisur und alkoholfreiem Weizenbier – Urban Priol in der Campus-Aula.

Dieburg - Pointiertes Entertainment bot Kabarettist Urban Priol mit unterfränkischem Zungenschlag und seinem typischen verbalen Angriff auf die Politriege. Von Stefan Scharkopf

Am Ende des knapp dreistündigen Rundumschlags durch die nationale und internationale Politik, durch die Welt der Wirtschaft und andere Untiefen wird´s dann doch Zeit für ein richtiges Bier. Zuvor hat der Mann mit der Sturmfrisur seine Stimme mit alkoholfreiem Weizen geölt.
Aber nicht deswegen guckt Urban Priol ab und an mit nach unten gezogenen Mundwinkeln, es sind eher die gesellschaftlichen Umstände, die dem Ascheberscher die Tage versauen – seinen Zuschauern aber einen vergnüglichen Abend bereiten. Witze-Akrobat Priol fackelte am Freitagabend in der ausverkauften Campus-Aula mit seinem satirischen Jahresrückblick „Tilt!“ ein verbales Feuerwerk ab.

Beginnt er auch mit einem seiner neuen „Freunde“ auf der Polit-Bühne, Christian Lindner, dem „Posterboy der FDP“, so wendet sich der Fachmann für Empörung sogleich seinem Lieblingssubjekt zu, der Kanzlerin.

Mit typisch Merkelschem Gebaren karikiert er die „mächtigste Frau der Welt“, als sie etwa Barack Obama, der gerne noch eine Amtszeit als US-Präsident dran gehängt hätte, mit den Worten beschied: „Demokratie lebt vom Wechsel“. Priol: „Ausgerechnet sie sagt das, die Lady Pattex.“ Auch der „mächtigste Mann der Welt“ bietet genügend Angriffsfläche. Beispiel: das neue Enthüllungsbuch über Donald Trump. Der habe sich das Werk mit den Worten angeschaut: „Da gibt es ja nix zum Ausmalen.“

2017 – eine politische Achterbahnfahrt, befindet der Mann mit den farbenfrohen Hemden und den bunten Turnschuhen. Ein Jahr, das es wert ist, satirisch verarbeitet zu werden. Priol reiht eine Absurdität an die andere, lacht, seufzt, schüttelt das Resthaar und arbeitet sich an den Aufregern des Jahres ab, wird polemisch, macht sich lustig über Belanglosigkeiten, die medial hochjazzt werden. Etwa wenn Youtube-Stars die Kanzlerin fragen, wie sie ihre Kartoffelsuppe macht, („Ich zerstampfe die Kartoffeln immer mit einem Stampfer und nicht mit der Püriermaschine. So bleiben in der Konsistenz noch immer kleine Stückchen übrig“). Das soll der kritische Nachwuchs sein?

Umgekehrt will Priol hochgespielte Themen auf den Boden der Realität holen – mit satirischem Anstrich natürlich. Stichwort: Totschlagargument Arbeitsplätze. „Bei uns in Aschaffenburg wollten sie einen Radweg am Main entlang verbreitern. Das wurde abgelehnt. Das kostet Arbeitsplätze in der Fischindustrie.“ Fielen dann aber reale Jobs weg, wie bei Thyssen-krupp oder Siemens – trotz bester Geschäftsjahre – lasse sich die Politik erpressen und der Bürger – wunderbar vorgetragen mit bedröppelter, hilfloser Miene und unterfränkischem Dialekt – habe dafür auch noch Verständnis. Oder, auch schön: Koalitionsverhandlungen. Warum nicht eine Minderheitsregierung, bei der sich alle Parlamentarier anstrengen müssen, mit Argumenten zu überzeugen? Passende Frage von Kanzleramtsminister Peter Altmaier: „Warum haben wir nichts anzubieten, auf das wir verzichten können?“

„2017 – es sind Dinge passiert, die kannst du nicht erfinden“, meint Priol. Beispiel: In Hessen wird ein aus dem „Krisengebiet Offenbach“ stammender rechtsextremer Bundeswehrleutnant wegen Terrorverdachts verhaftet, der sich zugleich als syrischer Flüchtling ausgibt und Waffen organisiert, um einen Anschlag mit rassistischem Hintergrund zu verüben. Köstlich, wie Priol, die Irrungen und Wirrungen auf dem zuständigen Bundesministerium Revue passieren lässt („Das BAMF arbeitet so, wie man es ausspricht“).

Auch Aktuelles lässt der geübte Wortjongleur gerne einfließen, so den Besuch des ungarischen Regierungschefs Viktor Orban bei der CSU-Winterklausur in Seeon; eingeladen von den „bayrischen Diktatorenbeschmusern“.

Bilder zur Dieburger Musiknacht

Beim Austeilen kommen dem Unterfranken auch die politischen Mitbewerber Merkels gerade recht, allen voran das „Spurenelement“ SPD, nunmehr eine „Splitterpartei“ mit ihrem Spitzenkandidat Martin Schulz, der wie ein Pilz nach dem Regen aus dem Boden geschossen sei („Rot-röhrling“). Während Merkel große Politik mache, besuche Schulz dagegen eine Fischfabrik im provinziellen Nirgendwo. Der mache sich klein, der Schulz, und halte es offenbar mit Karl Kraus: „Steht die Sonne tief, werfen auch Zwerge lange Schatten“.

Lustvoll seziert Priol die politischen Zustände und macht auch vor Klamauk nicht Halt: „Wir haben fünf Millionen Aktienbesitzer, für die gibt es eine extra Sendung vor der Tagesschau. Wir haben aber sechs Millionen Alkoholiker. Wo bleibt die Sendung: ,Schlucken vor Acht‘?“ Er mokiert sich über die „Digitalitis“ in Autos, spottet über den FC Bayern und die „geschichtsbewusste Jugend“ und deren Kommentar zum Feiertag am 31. Oktober im Lutherjahr: „Endlich an Halloween mal frei“.

Immer wieder schlüpft der fernsehpräsente Kabarettist in seine Paraderolle als Imitator und legt von Thomas de Maizière bis Winfried Kretschmann vielen seiner Lieblinge Groteskes in den Mund. Dem Publikum gefällt´s.

Auch 2018 dürfte ein Jahr des Drunter und Drüber auf der Politbühne werden. Daher hat Priol schon sein Kommen für 2019 angekündigt - am 18. Januar 2019, Campus Dieburg.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare