Bereiche enger verknüpfen

Landkreis will Primärversorgungszentrum als Pilotprojekt starten

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150 Hausärzte gibt es im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Das Durchschnittsalter: 55 Jahre. Bis zum Jahr 2030 werden zwei Drittel in Ruhestand gehen. Nachfolger werden dringend gesucht.

Dieburg - Der Landkreis Darmstadt-Dieburg stellte zusammen mit dem Consulting-Unternehmen Optimedis AG das „Versorgungskonzept 2025“ vor. Als Pilotprojekt soll ein Primärversorgungszentrum entstehen.

Gleich eingangs einer Pressekonferenz zur Zukunft der medizinischen Versorgung im Landkreis Darmstadt-Dieburg nennt Ulf Werner von der Optimedis AG einige Zahlen, die das Problem recht drastisch illustrieren: Die 150 Hausärzte im Landkreis Darmstadt-Dieburg seien im Durchschnitt 55 Jahre alt. Bis zum Jahr 2030 werden zwei Drittel in Ruhestand gehen. Also müssten rund 100 Nachfolger gefunden werden. In Dieburg sind nach Anmagben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen sieben Hausärzte mit insgesamt 6,3 Versorgungsaufträgen niedergelassen (Stand 1. Juli). Eine davon führt ebenfalls die Fachgebietsbezeichnung „Psychotherapeutisch tätiger Arzt“. Diese Ärztin wird daher im Rahmen der Bedarfsplanung mit 0,3 Versorgungsaufträgen den Hausärzten und mit 0,7 Versorgungsaufträgen den Psychotherapeuten zugeordnet.

Optimedis ist ein Consulting-Unternehmen aus Norddeutschland, das zusammen mit Deltamed Nord im Auftrag und mit Vertretern des Landkreises, besonders der beiden Kreiskliniken, binnen eines Jahres ein „Versorgungskonzept 2025“ erarbeitet hat. Wie Landrat Klaus Peter Schellhaas erläuterte, ist dieses Konzept quasi die Fortschreibung seines Thesenpapiers „Zukunft Gesundheit“, das er zu Beginn des Jahres 2015 vorgelegt hat.

Ein wesentlicher Punkt dieses Thesenpapiers war die Einrichtung medizinischer Versorgungszentren (MVZ) mit angestellten Ärzten überall dort, wo die allgemeinmedizinische Versorgung infrage gestellt ist. Dies ist beispielhaft bereits 2014 in Ober-Ramstadt geschehen. Inzwischen sind weitere vier MVZ hinzugekommen, deren Einrichtung allerdings dazu diente, Arztsitze zu sichern, die sonst verkauft und vermutlich verlagert werden würden.

Pelin Meyer vom Management der Kreiskliniken erläuterte, warum es solcher MVZ und privater Zusammenschlüsse bedarf, um die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung auf dem Land zu sichern. Der Landarzt, der mit einer 60- bis 70-Stunden-Woche seine Patienten versorge und dabei viele Hausbesuche absolviere, sei in die Jahre gekommen und eine aussterbende Gattung. Nur wenige Ärzte strebten gegenwärtig nach dem Studium die Übernahme einer Hausarztpraxis an, viele wünschten sich eher eine Anstellung ohne wirtschaftliche Risiken und mit überschaubaren Arbeitszeiten. Hinzu komme die Tatsache, dass mittlerweile 75 Prozent aller Medizin-Studenten weiblich seien und damit das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine immer größere Rolle spiele.

Auf der anderen Seite verändern sich durch die demografische Entwicklung die Anforderungen an die Angebote und Strukturen der medizinischen Versorgung in ländlichen Regionen. Werner erläuterte das für den Landkreis Darmstadt-Dieburg, für den man bis 2030 mit einem Bevölkerungswachstum von 3,4 Prozent rechnen könne, das aber sehr ungleich verteilt sei. Vor allem im östlichen Teil werde es Kommunen geben, die schrumpfen, und dort werde das Durchschnittsalter der Bevölkerung am stärksten steigen. 2030 werde fast jeder fünfte Kreisbewohner zwischen 65 und 79 Jahre alt sein, damit auch der Grad der „Multimorbidität“ (mehrere, oft chronische, Krankheiten nebeneinander) zunehmen. Die Zahl der Pflegebedürftigen werde von derzeit 2,6 auf 4,5 Prozent steigen.

Medizin kurios: Bei diesen Patienten staunt sogar der Arzt

Auf die sich abzeichnenden Veränderungen gibt das „Versorgungskonzept 2025“ eine Reihe von Antworten, für die grundsätzlich gilt: Die einzelnen Bereiche werden nicht isoliert betrachtet, sondern miteinander verknüpft. „Im Ergebnis“, so heißt es in einer Pressemitteilung, „werden die bereits vorhandenen, guten Versorgungsstrukturen im Landkreis sowie die bereits gegründeten kreiseigenen MVZ gebündelt und in Richtung einer fach-, berufs- und sektorübergreifenden Versorgung zum Nutzen der Patienten weiterentwickelt.“

Im Kern dieser Weiterentwicklung soll ein Pilotprojekt stehen: Aus dem MVZ in Ober-Ramstadt, das demnächst in neue Räume zieht, soll ein „Primärversorgungszentrum“ werden. „PVZ sind nach dem Vorbild der MVZ gestaltet“, so wird erläutert, „mit einem wichtigen Unterschied: Sie bündeln nicht nur unterschiedliche ärztliche, sondern auch pflegerische und andere gesundheitliche Fachdisziplinen und Leistungsangebote, um die Patienten aus einer Hand zu versorgen. Dieser multiprofessionelle Versorgungsansatz macht insbesondere die Versorgung chronisch kranker und/oder älterer Patienten einfacher.“

Zu diesem Konzept gehört ein „Case Manager“, der die einzelnen Fälle in ihrer Gesamtheit kennt und die Patienten durch Diagnostik und Therapie leitet. Außerdem soll eine „Näpa“ das Team ergänzen. Das ist eine „Nicht-ärztliche Praxisangestellte“, die einfache, delegierbare medizinische Dienstleistungen erbringt, besonders durch Hausbesuche, und so die Ärzte entlastet. Für das zunächst auf zwei Jahre befristete Projekt soll im Kreishaushalt 2018 250.000 Euro bereitgestellt werden. Schellhaas kann sich vorstellen, dass das PVZ zur „Blaupause“ für weitere Zentren im Landkreis wird. Als Zahl nennt er drei, ohne sich genau festzulegen. (sr)

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