Lebende Legenden auf bebenden Maschinen

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Dieburgs Innenstadt wurde am Samstag zum Motodrom: Die Renngespanne zeigten spektakuläre Einlagen.

Dieburg - Als das Dröhnen immer stärker wird, die heiße Luft zu vibrieren scheint und es dem wortgewaltigen Moderator Walter Herold am Start sogar die Sprache verschlägt, ist es da, das Dreiecksrenn-Fieber. ++Fotostrecken++Video++Von Lisa Hager

Ältere Dieburger kennen das Gefühl noch gut. „Das vergisst man nicht“, sagt Wolfgang Fach aus der Schillerstraße. Als Vierzehnjähriger stand er schon genauso an der Strecke, um die tollkühnen Kerle auf ihren heißen Öfen zu bewundern. Rund 15- bis 20  000 Zuschauer sind es, die am Samstag die „bebende Legende“ erleben. Und das zweite Revival des Dieburger Dreiecksrennens wird ein sensationeller Erfolg.

Es war rundum großartig, ich bin noch ganz im Taumel“, sagt Uwe Schott, einer der Organisatoren. Viele der Fahrer hätten sich mit Handschlag bedankt. Er selbst hat sich mit der Teilnahme einen Lebenstraum erfüllt. Zusammen mit seinem Sohn Christian hat sich der 68-Jährige eine Rennmaschine gebaut, um mit dabei zu sein. „Ich hatte fast ein bisschen Angst, die lief ganz schön schnell“, gesteht er.

Rund 150 Freiwillige waren am Samstag im Einsatz. Viele hatten sich spontan bei der IG Dreiecksrennen gemeldet und Hilfe angeboten. KVD und Prinzengarde sorgten dafür, dass die Zuschauer an den Strecke nicht hungern und dursten mussten. „Gottseidank ist es nicht so heiß wie Ende der Woche“, meint eine Zuschauerin, die sich mit Schirmmütze und Wasserflasche gegenüber der evangelischen Kirche aufgestellt hat. Die Ohrenstöpsel hält sie in der Hand. Das Rennen geht bei bestem Wetter über die Bühne, kein einziger Regentropfen versucht, die Fahrer ins Schleudern zu bringen.

Wie ein Wiesel spurtet Rennleiter Rainer Wieshoff vor der Spieß-Kreuzung auf und ab, in deren Bereich sich die meisten Zuschauer drängen. Hier gibt es schließlich die spektakulärsten Aktionen zu sehen, wenn sich die Fahrer in die Kurve zur Aschaffenburger Straße legen.

Kurz nach 15 Uhr rollen die rund 150 straßenzugelassenen Motorräder und Gespanne bis Baujahr 1976 ein, die quasi als Anheizer dienen. Der Fahrer einer NSU Quickly landet im Strohballen, steigt aber gleich wieder auf. „Das war zu quickly“, kommentiert ein Zuschauer. Ein besonders eleganter Fahrer in Anzug und Lederhelm steigt kurz ab, um der Dame seines Herzens hinterm Absperrband eine rote Rose zu überreichen. Hin und wieder muss Rennleiter Wieshoff Hand anlegen und Oldtimer ins Rollen bringen.

Der älteste Teilnehmer, der Dieburger Fritz Gullery (82), genoss die Runden mit seiner jungen Beifahrerin in vollen Zügen.

Mit dabei ist auch der älteste Teilnehmer Fritz Gullery, der 1949 das Seitenwagenrennen gewonnen hat. Er ist mit 82 Jahren auf seiner Moto Guzzi mit Beiwagen wieder auf der Strecke - mit einer beachtlich jungen Sozia. „Ich wäre am liebsten gar nicht mehr abgestiegen“, sagt er hinterher. Runde um Runde fährt der Rennarzt standesgemäß in einem Porsche 356 mit. Die Fahrer der Pace Cars, die das Tempo vorgeben und nicht überholt werden sollen, haben ebenfalls ihren Spaß. Mittendrin meldet sich spontan ein Unikum an, das zwei Runden drehen darf: Ein „LaFrance“ aus dem Jahr 1916 mit Kettenantrieb erinnert mehr an einen Traktor, als an ein Auto. Der Verbrauch ist auch nicht gerade umweltfreundlich: 60 Liter auf 100 km. Dann wird den Rennmaschinen Platz gemacht, über die Moderator Walter Herold unzählige Details zu berichten weiß. So war es beispielsweise üblich, dass das Motorenöl stark erhitzt und erst kurz vorm Start eingefüllt wurde, um möglichst viel Power zu erzielen. Die Solo-Rennmaschinen bis Baujahr 1955 - die älteste Maschine ist aus dem Jahr 1928 - müssen alle angeschoben werden, sie kommen mit laufendem Motor an. „Da ist er, der typische Geruch von früher“, sagt ein älterer Dieburger und hält die Nase schnuppernd in die Luft, als die Oldtimer vorbei knattern. „Da wurde früher Rhizinusöl beigemischt.“

Die Legende wird weiterleben

Plötzlich wird das Rennen abgebrochen: Ein 78-jähriger Fahrer ist ausgerutscht, er bleibt - außer einer kleinen Abschürfung - unverletzt. „Seine Hinterradbremse hat versagt, er war nicht zu schnell, obwohl der Mann sogar Willi Bleifuß heißt“, erklärt Uwe Schott später. Die Maschine hat keinen Kratzer abbekommen: gute Vorkriegsware. Es bleibt der einzige kleine Zwischenfall. Die Strecke erweist sich als hervorragend abgesichert und wird von den Fahrern sehr gelobt.

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Rennfieber grassiert

Höhepunkt natürlich auch diesmal wieder: die Renngespanne bis Baujahr 1976. Abenteuerlich, wie sich die Beifahrer mit dem Kopf knapp über den Asphalt legen, um das Gefährt in der Kurve in der Spur zu halten. Einer hat dabei sogar noch die Zeit, den Arm senkrecht in die Höhe zu strecken, um die jubelnden Zuschauer zu grüßen. Die Legende lebte erneut - wird sie aber weiterleben? „Ja, wir wollen das Dreiecksrennen wiederholen“, sagt Uwe Schott auf Anfrage. „Eventuell aber schon in vier Jahren - schließlich werden wir ja alle nicht jünger.“

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