Gedankenstein: Gemeinnütziger Verein blickt auf erfolgreiche Arbeit zurück.

Lebendige Geschichte für mehr Zivilcourage

+
Engagierte Vereinsarbeit unter Freunden: Michael Maschek (l.) und Ulrich Schanze wollen die Erinnerung an die Deportierung und Ermordung Dieburger Juden wach halten und sensibilisieren.

Dieburg (db) ‐ „Als ob man einen Stein ins Wasser wirft, und dieser dann weitere Wellen schlägt“, so beschreibt Ulrich Schanze die Idee, die hinter dem gemeinnützigen Verein „Gedankenstein-Dieburg“ steckt. Allerdings handelt es sich im Falle der dreiköpfigen Vereinigung nicht um einen herkömmlichen, sondern um einen 1,40 mal 1,60 Meter großen und in Bronze gegossenen Gedankenstein, von dem ein Modell seit einiger Zeit im Museum Schloss Fechenbach zu sehen ist.

Wie der Name schon sagt, soll das Relief, gefertigt vom Dieburger Künstler Martin Konietschke, zum Nachdenken anregen, insbesondere diejenigen, die sich noch nicht, oder kaum mit der Deportierung und Ermordung Dieburger Juden beschäftigt haben. Neben Ulrich Schanze engagieren sich zudem Michael Maschek und Carola Dröse, die allesamt in einem Mehrfamilienhaus unter einem Dach wohnten und daher gut kennen, in dem Verein, der seit etwa einem halben Jahr amtlich eingetragen ist, und somit unter anderem berechtigt ist, Spenden für sein Vorhaben entgegen zu nehmen.

Die drei Idealisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, jüdische Geschichte erfahrbar zu machen. Was in Dieburg durchaus nicht ganz einfach ist. Denn wenn die zurzeit noch laufende Ausstellung „Jüdisches Leben in Dieburg“ im Museum Schloss Fechenbach (noch bis 6. Januar) beendet ist, bleibt lediglich der jüdische Friedhof als Erbe übrig.

Ganz bewusst hat sich der Verein nicht der Idee der bekannten Stolpersteine angeschlossen: „In der jüdischen Gemeinde ist man geteilter Meinung darüber. Viele interpretieren diese auf Bürgersteigen installierten Steinen, als ob man auf den Toten herumläuft, sie mit Füßen tritt“, erklärt Maschek.

Umso sinnvoller erschien dem Verein die Idee eines Gedankensteins, um Erinnern auf Augenhöhe zu gewährleisten. Die einmalige Grausamkeit gegenüber deutschen Juden während der Herrschaft der Nationalsozialisten, ist dem Dreiergespann Motivation und Ansporn genug, um die Geschehnisse auf neue Art und Weise wach zu halten.

Der Verein hat bereits den Senioren- und Konfirmandenkreis der evangelischen Kirche besucht und dort mit unterschiedlichen Mitteln das Thema behandelt. „Im Seniorenkreis sind wir gleich auf offene Ohren gestoßen, und haben uns über deren Erfahrungen und Erinnerungen unterhalten“, erzählt Ulrich Schanze.

Ein bisschen anders musste das Trio bei den weitaus jüngeren Konfirmanden vorgehen, um überhaupt für das Leid und die Verhältnisse im damaligen Deutschland zu sensibilisieren. Und auch hier findet sich eine entscheidende Aufgabe des Vereins wieder: „Wir möchten jede Generation mit dem Thema in Berührung bringen und ein entsprechendes Bewusstsein erzeugen“, schildert Maschek.

Ein Bewusstsein, welches zu mehr Zivilcourage und Widerstand gegen Ungerechtigkeiten führen soll. Vor allem aber: „Etwas ähnliches wie im Dritten Reich darf sich nicht wiederholen“, so Maschek. Neben der Verteilung von rund 3 000 Flyern an Privathaushalte, deren Kosten die drei Privatleute aus eigener Tasche finanzierten, plant der Verein im nächsten Jahr Schulen zu besuchen und Workshops oder eigene Gesprächskreise auf die Beine zu stellen. „Unsere Arbeit ist mit dem Gedankenstein noch nicht beendet“, untermauert Ulrich Schanze seinen Tatendrang.

„Alles was gesagt, erzählt und berichtet wird über das schlimme Schicksal in Deutschland lebender Juden ist wichtig“. Daher appelliert der Verein an jeden Einzelnen, der Erfahrungen aus dieser Zeit mitbringen kann, sich an dem zukünftigen Gesprächskreis zu beteiligen.

Der Verein hat bislang etwa 20 Prozent der Kosten des 35 000 Euro teuren Gedankensteins durch Spenden zusammengetragen. der Gedankenstein soll zudem einen Sockel bekommen, auf dem die Namen und Daten der 36 getöteten Juden aus Dieburg auf kleine Platten eingraviert werden sollen.

Zu diesem Zweck sucht der Verein noch Paten für die einzelnen Namensplatten, um somit zusätzlich eine persönliche Bindung zu dem Kunstwerk und seiner Bedeutung zu schaffen.

Kommentare