Was macht Heimat aus?

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Heimat von oben: Man muss nicht in Dieburg geboren sein, um sich hier heimisch zu fühlen.

Dieburg ‐ Heimat ist ein Begriff, über den sich die meisten im alltäglichen Leben keine Gedanken machen. Zum gemeinsamen Nachdenken hatten am Donnerstagabend das Regionalmanagement des Landkreises und die Volkshochschule in den Hörsaal der Aula des Campus Dieburg eingeladen.  Von Ulrike Bernauer

Etliche Interessierte hatten die Einladung wahrgenommen und lauschten erst einmal drei hochkarätigen Referenten, die sich des Themas Heimat aus ganz unterschiedlichen Blickpunkten annahmen. „Eigeplackt“, so nannte Prof. Dr. Heinz Schilling von der Goethe-Universität Frankfurt seinen Vortrag, der von seiner Mitarbeiterin Stephanie Lunau gehalten wurde. Lunau spannte einen weiten Bogen von den Heimatvertriebenen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges auch nach Hessen kamen, bis zu den heutigen „Eingeplackten“, die aktuell von der Stadt aufs Land ziehen. „Wir sind Fremdkörper, wir sind am Dorf vorbei aufs Land gezogen“, so eine Stellungnahme im Vortrag.

Eher übergeordnet näherte sich Dr. Michael Weigl von der Ludwig-Maximilians-Universität München dem Thema. Er übersetzte Heimat sozusagen mit „Identität“ und fragte, wie eine kollektive Identität zu Stande kommt. Zur positiven Besetzung des Begriffs Heimat gehörte für ihn ein ausgeprägtes Wissen um die Region, in der man lebt. Das Aufstülpen von Identitäten von oben funktioniere in der Regel nicht, die Bürger müssten mitgenommen werden.

„Wozu ist dieser Vortrag gut?“

„Landschaf(f)t Heimat?“ hatte Prof. em. Dr. Hans Hermann Wöbse, ehemals am Institut für Umweltplanung an der Universität Hannover tätig, seinen Vortrag genannt. Er führte den Begriff der Schönheit in das Thema ein. „Landschaftsverbrauch ist in der Mehrzahl der Fälle mit dem Verlust von Schönheit verbunden, Schönheitsverlust ist Heimatverlust und Heimatverlust bedeutet Identitätsverlust“, so lautete sein Fazit über die allgegenwärtigen Verluste von Landschaft bundesweit.

Den Bezug zum Landkreis Darmstadt-Dieburg vermisste der Zuhörer Dietmar Köhler aus Reinheim bei den Vorträgen und fragte: „Wozu ist dieser Vortrag gut?“.

Einen eindeutigen Bezug zum Landkreis hatte ein Film von drei Media-Studierenden am Campus Dieburg hergestellt. Die drei Studenten hatten Menschen in verschiedenen Orten des Landkreises nach ihrer Definition von Heimat gefragt. Heraus kam mehrheitlich, „dass Heimat nicht da sein muss, wo ich geboren wurde, sondern Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle“.

Herangehensweise zu theoretisch und „verkopft“

„Ziemlich verkopft und theoretisch“, fand eine Zuhörerin die Herangehensweise an das Thema. Fortuna Marx aus Roßdorf hingegen hatte zwei Motivationen zum Besuch der Veranstaltung: „Zum einen der persönliche Bezug zur Heimat. Da ich viel mit Migranten arbeite, stellt sich mir zum zweiten die Frage, kann man eine zweite Heimat neben der ersten finden.“ Der Roßdörferin hatte auch die theoretische Herangehensweise neue Denkanstöße gegeben.

„Was hat die heutige Diskussion mit dem Landkreis zu tun?“, fragte auch Diskussionsleiterin Kerstin Hülemeyer vom Institut für ländliche Strukturforschung in Frankfurt zum Abschluss die Referenten. „Wir kommen nicht von hier und kennen die Probleme des Landkreises nicht“, so Weigl, „fest steht aber, dass die Brüche in der Region (Ostkreis gegen Westkreis, oder Landkreis gegen die Stadt Darmstadt), die jetzt bei der Diskussion zu Tage getreten sind, nicht verschwiegen werden dürfen. Eine künstliche Einheit herzustellen ist nicht möglich. Wichtig ist auch, sich mit kleinen Schritten und einer gewissen Bescheidenheit realistische Ziele zu setzen.“

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