Ein Mahl mit dem Henker

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Scharfrichter Hans-Christian Wagner kannte mit der Vollstreckung auch bei den „Weibsleuten“ Jutta Failing und Christiane Wagner (r.) keine Tabus.

Dieburg (ula) ‐ Selten nahmen die zum Tode verurteilten ihr Henkersmahl mit soviel Freude ein: Rund 30 Gäste ließen sich am Samstagabend Brühe aus der Folterküche und Fleischgerichte, auf dem Scheiterhaufen gegart, munden. Abgerundet wurde die ungewöhnliche Mahlzeit im „Badhaus“ vom drohenden Gebaren des Henkers, der mit Schwert und Strick anrückte, um die Todesurteile zu vollstrecken.

Das Schicksal Dieburger Sünder erlebten die Gäste der Veranstaltung des Heimatvereins als ein lukullisches Event, gespickt mit vielen historischen Details. Henker und Scharfrichtergattinnen in zeitgenössischen Kostümen entführten das Publikum auf eine Zeitreise in die dunkle Vergangenheit des 18. Jahrhunderts.

Die armen Sünder hatten wochenlang im Stock dahingesiecht, doch kurz vor der Exekution gab es das Henkersmahl“, mit historischen Details stimmten die Kunsthistorikerin Jutta Failing und die Journalistin Christiane Wagner ihr Publikum ein. Als Grundlage ihres schillernden Spiels diente die gemeinsame Publikation „Vielmals auf den Kopf gehacket...“, ein Buch rund um das hessische Henkerhandwerk des 18. Jahrhunderts.

Ein Galgen stand in der Nähe zu Münster

Menschenfett auslassen, Finger abschneiden, Haut abziehen... kaum ein blutiges Detail blieb den Gästen erspart, als die beiden Scharfrichtergattinnen ihr schauriges Handwerk detailreich schilderten. „Den Sekreten der Kadaver wurde eine heilende Wirkung nachgesagt“, erläuterten die Frauen. Als Scharfrichter Hans-Christian Wagner im Publikum Schweinediebe und Ehebrecher ausmachte, war die Stimmung im Saal perfekt. „Eigentlich bin ich Chemiker“, verriet der vermeintliche Scharfrichter.

Lokalhistorische Details konnten die Heimatforscher ebenfalls liefern. Eine historische Karte zeigt den Standort des Galgens nahe Münster. Mit Beginn des 30-jährigen Krieges wurde der Galgen zur Abschreckung zentral auf den Marktplatz verlegt. Aufgrund der Kirchenbücher wurde die Existenz eines eigenen Dieburger Henkers nachgewiesen, der Diebe, Ehebrecher, Kindesmörderinnen und andere Sünder mit Schwert und Strick hinrichtete. Während der Hexenverfolgung sollen rund 100 Menschen in Dieburg geköpft oder verbrannt worden sein. Das schaurige Ritual fand eine große Zuschauerzahl. Ob im alten Rom oder dem späten hessischen Mittelalter – „Exekutionen wurden als Volksfest gefeiert“, erläuterte Wagner.

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