„So saß mein Vater drauf“

Rennfahrer Wilhelm Herz für „Spieß-Kreisel“ in Sandstein gemeißelt 

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Für die Leser unserer Zeitung haben der Münsterer Bildhauer Richard Löbig (2. von rechts) und Initiator sowie Finanzier Norbert Gottlieb (rechts) das Kunstwerk auf dem Dieburger „Spieß-Kreisel“ schon mal kurz enthüllt. Dauerhaft wird es ab Sonntag zu sehen sein. Links Heinz Herz, der Sohn des in Stein gemeißelten Rennfahrers Wilhelm Herz, mit seiner Frau Regina.

Dieburg - Dass die Mitte des Kreisverkehrs-Platzes an der Evangelischen Kirche – im Volksmund schon jetzt „Spieß-Kreisel“ – ein Sandstein-Relief zieren wird, das den Rennfahrer Wilhelm Herz zeigt, ist schon seit Sommer bekannt. Nun sind es nur noch wenige Tage bis zur offiziellen Enthüllung des Werkes. Von Jens Dörr

Jetzt ist das 1,6 Tonnen schwere und 1,90 mal 1,40 Meter große Werk von Bildhauer, Restaurator und Steinmetz Richard Löbig aufgestellt worden. Offiziell enthüllt wird es zwar erst an diesem Sonntag, 12. November, um 11 Uhr; unsere Zeitung durfte sich die Erinnerung ans einstige „Dieburger Dreiecksrennen“ (dessen Strecke auch über die genannte Kreuzung führte) im Beisein nicht nur von Löbig sowie Norbert Gottlieb, der die Gestaltung initiierte und finanziert, aber schon einmal anschauen.

Beim Treffen vor Ort ebenfalls dabei waren Heinz Herz und seine Frau Regina. Heinz Herz ist einer der beiden Söhne von Wilhelm Herz, der im Zentrum von Löbigs in Stein gemeißelter Kunst steht. Wilhelm Herz, geboren 1912 in Lampertheim und 1995 gestorben, zählte in den 30ern, 40ern und 50ern zu Deutschlands bekanntesten Motorradfahrern. 1938 und 1948 wurde er Deutscher Meister, stellte 1951 zudem den damaligen Geschwindigkeits-Weltrekord auf: Auf seiner Maschine raste er mit 278 Stundenkilometern über die Autobahn zwischen München und Ingolstadt.

Noch wichtiger für den Dieburg-Bezug aber: 1948 gewann er in der 350er-NSU-Kompressor-Klasse das legendäre Dieburger Dreiecksrennen. Es war die erste Auflage des Motorsport-Spektakels, das von 1948 bis 1955 achtmal auf einer Strecke, die innerorts die Aschaffenburger und die Groß-Umstädter Straße erfasste und außerorts die den Forst durchschneidende heutige Kreisstraße, stattfand. Zudem lebte das Rennen in bislang drei Revivals (2005, 2009 und 2014) wieder auf.

Als Herz 1948 das Rennen in Dieburg mit haushohem Vorsprung gewann, war Norbert Gottlieb gerade einmal zehn Jahre alt. Spätestens da war er vom Motorsport fasziniert. Mindestens ebenso am Herzen liegt Gottlieb und seiner Frau Karin allerdings Dieburg, wo er drei Jahrzehnte lang als Internist praktizierte. „Ich möchte meiner Stadt etwas zurückgeben“, sagte der 79-Jährige. Und gebar schon vor vier Jahren die Idee, einen der Dieburger Kreisel, die an der ehemaligen Strecke des Dreiecksrennens liegen, mit einem thematisch passenden Relief bestücken zu lassen und auch selbst die Kosten dafür zu tragen.

Inzwischen ist das meiste – nach allen Vorleistungen und der Entscheidung des Dieburger Magistrats – in die Tat umgesetzt worden. Mit Löbig war jener Bildhauer beauftragt worden, der das Relief schaffen sollte und schuf. Im Gegensatz zu einer vollplastischen und freistehenden Skulptur wird das Werk aus Sandstein auf dem „Spieß-Kreisel“ vor allem von einer Seite aus zu erkennen sein: Wenn man aus der Aschaffenburger Straße auf den Kreisel zufährt, wird man Wilhelm Herz besonders gut dabei sehen können, wie er sich in die Linkskurve gen Groß-Umstädter Straße legt.

Bilder: Martinsmarkt in Dieburg

Die Arbeiten am Sandstein, der aus Miltenberg stammt und optisch zu jenem Stein passt, aus dem die Evangelische Kirche vis-à-vis gebaut ist, hat Löbig in mehreren Monaten durchgeführt. Einerseits hat er Wilhelm Herz in seiner typischen Rennfahrerpose abgebildet. „Genau so saß mein Vater immer drauf“, lobte Heinz Herz die Authentizität der Darstellung, während Busse und Pkw die kleine Runde umkreisten und so mancher schon mal einen neugierigen Blick aufs Relief warf.

Löbig ging es darum, „das Gefühl der 50er-Jahre zu transportieren“, wie der Handwerker und Kreative in Personalunion es ausdrückt. Der gezackte Rahmen steht für die Zacken an den Rändern alter Fotos, die Zuschauer auf dem Relief tragen wie in den 50ern so oft Hut, Schiebermütze oder (bei den Frauen) bäuerliches Kopftuch. „Die Zeit ist darin aufgenommen“, so Löbig.

Am Sonntag bei der feierlichen Enthüllung kann vor Ort jeder selbst ein Auge auf sein Werk werfen. Schräg gegenüber, auf dem gen Dieburger Innenstadt führenden Bürgersteig, wird zudem eine Informationsstele über Rennfahrer Wilhelm Herz, das Hauptmotiv des Sandstein-Reliefs, informieren. Richard Löbigs Arbeit wird bald noch ergänzt: Mit der passenden Bepflanzung des Kreisels soll in Kürze begonnen werden, eine Beleuchtung erhält die Mitte des Kreisels ebenfalls.

Wer sich fragt, welche Bedeutung die weiteren Sandstein-Blöcke haben, die neben dem Relief liegen: Sie symbolisieren in der teils abstrakten Darstellung die früher beim „Dieburger Dreiecksrennen“ am Streckenrand platzierten Strohballen, die die schlimmsten Folgen von Unfällen vereiteln sollten.

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