Mosaik aus Erinnerungsfetzen

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Die Beteiligten des Filmprojekts „Jüdisches Leben in Dieburg“ bei der Premiere.

Dieburg ‐  „Es gestaltete sich schwierig, aus dem ganzen Material einen Film zu schneiden“, blickt Stadtjugendpfleger Paul Huttarsch zurück. „Der Film ist sozusagen ein Mosaik aus Erinnerungsfetzen. Jedes einzelne Interview mit den Betroffenen hätte genügend Material gegeben und wäre einen eigenen Film wert gewesen.“ Von Verena Scholze

Am Mittwochabend fand im Sitzungssaal des Rathauses die Filmpremiere „Jüdisches Leben in Dieburg“ statt, zu der sich viele Besucher und Interessierte eingefunden hatten. Der Film entstand in Zusammenarbeit von Stadtarchiv, Filmclub und Stadtjugendring und dokumentiert Interviews mit Zeitzeugen, Gespräche und Erinnerungen an die damalige Zeit.

Für Interviews auf eigene Kosten in die USA gereist

Zu sehen ist die Ausstellung im Museum samt Film noch bis zum 14. Februar. Der Film ist demnächst auch auf DVD erhältlich.

Bereits vor vier Jahren haben wir gemeinsam eine Dokumentation zum Thema 60 Jahre Kriegsende erstellt“, berichtet Huttarsch. „Das Schwierige an diesem neuen Projekt war es, Zeitzeugen zu finden, da niemand der Betroffenen mehr in Dieburg oder Deutschland wohnt.“ Stadtarchivarin Monika Rhode-Reith übernahm die Planung und hatte die Idee, Zeitzeugen zu interviewen. Sie stellte auch den Kontakt zu den Emigrierten her. Das Stadtarchiv hatte Adressen ehemaliger Dieburger, die jetzt in den USA leben. „Der Film sollte ein wichtiger Baustein zu der Sonderausstellung werden und uns waren die Interviews und Einbindung der Zeitzeugen sehr wichtig“, blickt Huttarsch zurück. So reisten vier Mitglieder der Gruppe auf eigene Kosten nach Amerika, um diesen Film realisieren zu können. „Durch privates Engagement und einige Spenden konnte die Reise realisiert werden“, sagt Nina Schepp, Vorsitzende des Stadtjugendrings. Gemeinsam mit Hanna Haibach, ehrenamtliche Betreuerin des Filmclubs, sowie dem selbstständigen Kameramann Peter Liste, flog die Gruppe von Frankfurt nach Boston. „Wir hatten das Equipment auf unser Handgepäck verteilt und mussten bei jeder Kontrolle alles aus- und einpacken“, berichten die Vier.

Auch wenn im Vorfeld die Anfragen für die Interviews gestellt wurden, vor Ort hatte man zunächst nur zwei feste Termine. „Wir erhielten viel Hilfe durch Deborah Vlock, die Enkelin von Nelli Lehmann, die dieses Jahr im Alter von 103 Jahren verstarb“, berichtet Huttarsch. Vlock vereinbarte weitere Interviewtermine und so reiste die Gruppe von Boston über New York durch New Jersey nach Miami und führte in sechs Tagen die Interviews. So standen unter anderem Helen Hansi Kleban, eine geborene Lorch aus Dieburg, Herbert Hain, Harry (Hans) Lorch, Siegbert Lorch, Bernd Strauss und Deborah Vlock vor der Kamera des Filmclubs. „Es war sehr bewegend“, erzählt Haibach. „Diese Erinnerungen zu hören, hat uns alle sehr betroffen gemacht. Es ging einem vermutlich noch näher, weil alles in der Heimat, in Dieburg, passiert ist.“

Aus vielen Stunden Material entstand ein halbstündiger Film

Aus vielen Stunden Material entstand nun ein halbstündiger Film, der begleitend zur Ausstellung im Schloss Fechenbach zu sehen ist. „Aus Utopie wurde mit persönlichem Engagement Realität“, so Peter Liste über das Projekt. In dem Film kommen neben den Erinnerungen der Betroffenen auch Bekannte, ehemalige Nachbarn und Mitschüler oder Lehrer zu Wort, die aus ihrer Sicht einen Rückblick halten. Zeitgenössisches Film- und Fotomaterial unterstreicht eindrucksvoll die Erinnerungen an die Schrecken der Nazizeit und beschreibt die Verluste der Betroffenen.

Nach der Filmpremiere spendete das Publikum lang anhaltenden Applaus. Der Film hinterließ einen starken Eindruck bei den Anwesenden und regte die Besucher zu Diskussionen an.

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