Mundartfreunde Südhessen zeichnen die „Stoawäjer Stubb“ mit Schild aus

Gemütlich heißt „gemiedlich“

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Im Rahmen einer kleinen Feierstunde überreichte Fritz Ehmke (6. v. l.) das „Mer babbele Mundart“-Schild an Birgit Kern und ihre Tochter Franziska Heyne (7. und 8. v. l.).

Dieburg - Mundart verliert immer mehr an Bedeutung, doch nun wurde in Dieburg – auf Vorstoß des Heimatvereins – diesem Trend entgegengewirkt. Die „Stoawäjer Stubb“ ist seit Samstag offiziell Mundart-Lokal. Von Jens Dörr 

„Guure, er Leit!“ So begrüßt Fritz Ehmke die Besucher der Website www.gebabbel-suedhessen.de. Der Vormann der Mundartfreunde Südhessen wäre der Letzte, der mit seinem ausgeprägten „Ourewälder“ Dialekt hinter dem Berg halten würde. Mehr noch: Der Lützelbacher ist ausgesprochen stolz auf sein Mundwerk. „Mundart verbindet und schafft Identität“, heißt es bei dem ehrenamtlich betriebenen regionalen Netzwerk. Oder wie es Ehmke am Samstagvormittag in Dieburg reimte: „Die Mundart wird geschützt, indem man sie benützt!“ So ist es in der Gersprenzstadt ganz besonders in der „Stoawäjer Stubb“ der Fall.

Dort nämlich babbelt nicht nur ein noch relativ großer Teil der Gäste echtes Dibboijerisch oder zumindest auf jene Art, wie sie die Südhessen in Sachen Dialekt auch über Stadt- und Landkreis-Grenzen hinaus verbindet. Vielmehr fand dort Anfang des Jahres auch ein gut besuchter Mundart-Abend mit Karlheinz Braun und Monika Dambier-Blank statt. Dass die „Stoawäjer Stubb“ ihr Lokal für die Veranstaltung zur Verfügung stellte – was sie ob des Zuspruchs nicht bereuen musste –, war wiederum für den dergestalt um Dieburger Dialekt und Redensarten bemühten Heimatverein Anlass zu weiterem Handeln. Der Verein regte bei den Mundartfreunden Südhessen an, sie mögen die „Stoawäjer Stubb“ mit einem ihrer Mundart-Schilder bedenken. Darauf zu lesen: „Mer babbele Mundart“. Darunter befindet sich außerdem der Hinweis auf die Mundartfreunde und ihren Internet-Auftritt.

Am Samstag nun überreichte Ehmke im Rahmen einer kleinen Feierstunde das Schild an Birgit Kern und ihre Tochter Franziska Heyne, die das 2008 unter diesem Namen wiedereröffnete Traditionslokal im Dieburger Steinweg zusammen mit Walter Kern und einer kleinen Belegschaft betreiben (ein ausführlicher Artikel über das Gasthaus folgt demnächst im Rahmen unserer Serie „Dieburg – früher, heute“). Mit dabei waren auch die Mundart-Babbler Braun und Dambier-Blank, einige ihrer Familienangehörigen, weitere Vertreter der Mundartfreunde und Mitglieder des Heimatvereins.

Dessen Vorsitzende Maria Bauer bezeichnete die „Stoawäjer Stubb“ als „eins der ältesten Gasthäuser Dieburgs“ (erste mögliche Datierung 1617) und freute sich, dass zu Jahresbeginn der „sehr gelungene“ Mundart-Abend im Lokal stattfinden durfte. Birgit Kern zeigte sich über das Schild, das neben dem Eingang angebracht werden dürfte, erfreut: „Ich bin ganz stolz drauf, dass wir das Schild kriegen. Das haben wir vor allem dem Heimatverein zu verdanken.“

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Passend zum Grund der Feier dichteten Braun und Dambier-Blank – den Dieburgern viele Jahre lang als Fastnachtsoriginale Gunkes und Bawett bekannt – zwei Mundart-Gedichte. Das erste befasste sich mit dem Dialekt selbst: „Man muss redde, ganz gewiss – wie einem der Schnawwel gewachse is’“, meinte Braun. Und Dambier-Blank war sich sicher: „Schwätzt, schnackt, baww(bb)elt als weiter – so bleibt das Leben immer heiter!“ Anschließend gaben sie Reime des Heimatdichters Franz Herz wieder, der sich in einem seiner Stücke mit dem Verschwinden der Wasserpumpen befasst hatte. Den Wechsel der Pumpen zur heutigen Wasserleitung mit Hahn konnte man auch übertragen auf die zumindest aus manchen Teilen der Bevölkerung mehr und mehr verschwindende Mundart: Oftmals wird’s moderner, dadurch jedoch nicht immer heimeliger. Zugleich waren sich manche Gäste der „Stoawäjer Stubb“ am Samstagvormittag aber auch einig darüber, dass bei jüngeren Menschen durchaus wieder ein Interesse am Pflegen und Bewahren des eigenen Dialekts bestehe und wachse.

Den jüngsten Teilnehmern der Feierstunde – zwei Kindern – und allen anderen nahm Vormann Fritz Ehmke noch eine kleine Mundart-Prüfung ab: Wie spricht man als Südhesse denn das Wort „Gürtel“ aus? Die Antwort fiel nicht schwer, auch ohne Tipp: Es ist der „Gertel“. „Das ,ü’ gibt’s im Odenwälder Dialekt gar nicht“, klärte Ehmke auf. Wie wahr: Schließlich heißt es zumindest in Dibborsch unumstritten auch nicht „Würmer“, sondern „Wermer“. Und aus „gemütlich“ wird natürlich, pardon: nadierlich, ein schön lang gezogenes „gemiedlich“. Darin waren sich in der „Stoawäjer Stubb“ am Samstag alle einig: „Das kann man auf Hochdeutsch doch gar nicht so schön sagen.“

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