„Musste vor mir selbst grade stehen“

Dr. iur. Raimund Lieb begründet seinen Rücktritt als Kuratoriumsvorsitzender der St. Rochus Stiftung in Dieburg

Dieburg - Nein, einer, der schnell das Handtuch schmeißt, ist Dr. iur. Raimund Lieb wahrlich nicht.

Seit zwei Jahrzehnten wirkt er in seiner Heimatgemeinde Otzberg in der Lokalpolitik mit, sitzt für die CDU im Ortsparlament und seit vielen Jahren auch im Vorstand der katholischen Kirchengemeinde. Vorsteher des Ortsteils Hering war der 51-jährige Jurist ebenfalls schon. Dort, bei schönem Wetter mit grandiosem Ausblick bis nach Frankfurt, wohnt er noch heute.

„Gefühlt bin ich aber auch Dieburger“, sagt Lieb. Im St. Rochus Krankenhaus wurde er geboren, in der Schlossgasse arbeitet er seit 1999 in Dieburgs ältester Kanzlei Höck Spieß Fach Lieb und will das „noch 20 Jahre weiter“ tun.

Nicht mehr weiter geht es für Lieb wie berichtet seit Mitte Juli als Vorsitzender des Kuratoriums (Aufsichtsrats) der St. Rochus Stiftung. Nun, zurück aus dem Urlaub und von einer Weiterbildung, äußert sich er sich zu den Gründen.

„Ich musste vor mir selbst grade stehen“, sagt Lieb und macht deutlich, dass er sich die Niederlegung des Vorsitzes nicht leicht gemacht habe. Nachvollziehbar, schaut man zurück: Seit 2002 wirkt der „gefühlte Dieburger“ bereits als Kontrolleur und Berater mit, wenn es um die Belange der St. Rochus Stiftung mit dem Altenheim in der Gerhart-Hauptmann-Straße und besonders dem Krankenhaus in der Kratzengasse geht.

Dieter Höck, wie Lieb Rechtsanwalt und Notar und noch 30 Jahre länger in der gemeinsamen Kanzlei, holte den Katholiken aus Hering damals hinzu. Höck war zu dieser Zeit Kuratoriumsvorsitzender. Nach einem Jahr als kooptiertes Mitglied des Kuratoriums wurde Lieb 2003 als solches gewählt. Am 10. September 2008 wurde Lieb zum neuen Vorsitzenden und Nachfolger Höcks gewählt. „Die gefühlte Vorsitzendenzeit ist schon länger als fünf Jahre“, lächelt Lieb.

Gewählt für zwei Jahre, wurde der Fachanwalt für Arbeits- und Erbrecht 2010 und 2012 aufs Neue für die zweijährige Amtsperiode gewählt. Bei der jetzigen dritten war noch nicht einmal Halbzeit, als Lieb seinen Rücktritt per Schreiben an die Stiftungsaufsicht des Bistums Mainz um Generalvikar Dietmar Giebelmann und Chefjustiziar Prof. Dr. Michael Ling bekanntgab.

Für Lieb die Notbremse: „Als Kuratoriumsvorsitzender habe ich immer das Gespräch mit der Stiftungsaufsicht gesucht. Das Kuratorium (Anm. d. Autors: Ihm gehören insgesamt acht Personen an, darunter zuletzt fünf Dieburger, unter ihnen einer delegiert und einer zur Wahl vorgeschlagen von der Pfarrgemeinde St. Peter und Paul) war in der Vergangenheit auch regelmäßig involviert worden“, sagt Lieb und zeigt wie zum Beweis die in seinem Smartphone gespeicherte Durchwahl zu Giebelmann. Doch zuletzt habe sich dies massiv geändert: „Neuerdings führt die Stiftungsaufsicht Kooperationsgespräche mit der Kreisklinik Groß-Umstadt und mit den Städtischen Kliniken Darmstadt. Darüber wurden wir nicht informiert.“ Erst in einem Treffen vor wenigen Wochen erhielt man Kenntnis: „Da waren die Gespräche aber schon im Gange.“ Als Jurist schaue er „besonders empfindlich“ darauf, wenn „in der Satzung festgeschriebene Mitwirkungsrechte des Kuratoriums verletzt“ würden.

Lieb liest einen Passus vor, der die Einbeziehung des Kuratoriums bei derart schwerwiegenden Entwicklungen vorsehen, die eine strategische Neuausrichtung des Krankenhauses bedeuten könnten. „Das sind ganz wesentliche Dinge. Deshalb war ich menschlich sehr enttäuscht, es ist ein Vertrauensbruch. Ich habe das nach elf Jahren im Kuratorium auch als Undank empfunden.“

In seinem Rücktrittsschreiben nennt Lieb noch einen anderen Grund für seinen Abschied Er soll derzeit aber nicht in der Zeitung zu lesen sein. Es handelt sich um einen Vorgang, der Liebs Vertrauen in die Stiftungsaufsicht ebenfalls erschütterte. Abschließend stellt der Jurist heraus, dass sein Rücktritt nicht mit dem von Vorstand Armin Probst abgestimmt worden sei. Probst trat fast zeitgleich mit Lieb zurück - offiziell wegen anderweitiger beruflicher Belastungen, vor dem Hintergrund von Liebs Schilderungen womöglich aber nicht nur deshalb. Sein Einsatz sei rein ehrenamtlicher Natur gewesen, stellt Lieb des Weiteren heraus. Nicht einmal Kilometergeld habe man abgerechnet, wenn man zu Treffen etwa nach Mainz gefahren sei.

„Ich wünsche den Teilnehmern der Kooperationsgespräche viel Ruhe und Muße“, macht er klar, dass er grundsätzlich nichts gegen diese Verhandlungen habe - nur eben über deren Verheimlichung. Entscheidend sei eine langfristige, gute Zukunft für das Krankenhaus, in dem er das Licht der Welt erblickte. „Denn das St. Rochus ist in Dieburg extrem verwurzelt.“ J jd

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