Auf nach Dieburg - der Buße wegen

+
Wallfahrt in Dieburg: Rund 3 000 Gläubige kamen am Montagabend zur Lichterprozession.

Dieburg - Der Himmel ist sternenklar und die Luft herbstlich frisch, als am Dienstagmorgen die ersten Gläubigen bereits um halb sechs die Wallfahrtskirche für den Gottesdienst um sieben Uhr betreten. Von Michael Just

Viele sind extra etwas früher gekommen, um die Zeit für ein persönliches Gebet zu nutzen oder das bereits 1498 geweihte Gnadenbild der trauernden Maria auf sich wirken zu lassen. Das Gros der Pilger stammt aus Kirchzell: Aufgrund ihrer großen Anzahl feiern sie zu früher Stunde noch eine eigene Messe. Die 2 500 Einwohner umfassende Gemeinde bei Miltenberg kann auf die längste Tradition unter allen Dieburger Wallfahrern zurückblicken: Bereits seit 1630 ist ihr Weg zur schmerzhaften Mutter Gottes in den Geschichtsbüchern belegt: Für die Überwindung von Pest und Krieg legte man damals eine Gelübde ab, das bis heute erfüllt wird.

Vor rund 20 Jahren haben wir uns überlegt, die rund 65 Kilometer wieder komplett zu Fuß zu bewältigen“, erzählt Klaus Mauder. Vorher sei man nur Teile gelaufen und habe den Rest per Bus zurückgelegt. So machten sich am Sonntagmorgen um sechs Uhr 42 Pilger, darunter ein zwölfjähriges Mädchen, auf den ersten Streckenabschnitt nach Groß-Umstadt auf, wo nach rund 45 Kilometern übernachtet wurde. Dieburg erreichte man dann pünktlich am nächsten Tag zum großen Pontifikalamt samt Lichterprozession, wo im Anschluss die zweite Übernachtung anstand. Als Wallfahrtsleiter hatte Mauder rund 70 Übernachtungen in beiden Städten gebucht. Seit neun Jahren begleitet der 58-jährige bereits dieses Amt. Sechs bis acht Wochen bedarf die Wallfahrt an Vorbereitung. Wie der Hausverwalter erzählt, habe sein Chef ein Einsehen, dass er jährlich Anfang September ein paar Tage frei nimmt. „Er sagt immer, dafür soll ich ihn ein bisschen ins Gebet einschließen“, schmunzelt der Kirchzeller. In der Heimatgemeinde gebe es viele, vor allem ältere, Menschen, die ihn bitten, ,drüben’ eine Kerze für sie anzuzünden.

Die Wege beschreiten, die auch schon die Vorfahren gingen

Die Pilger aus dem Bayerischen versuchen jene Wege zu beschreiten, die auch schon ihre Vorfahren gegangen sind. Da ist nicht ganz einfach, da es nur noch wenige Überlieferungen gibt. „Wir wissen aber sicher, dass die Menschen in vorigen Jahrhunderten mit Pferdefuhrwerken zur Wallfahrt nach Dieburg kamen“, so Mauder. Heute wird, wie er sagt, oft vergessen, dass damals auch wieder zurückgelaufen wurde: „Da war man eine Woche unterwegs.“

Zur Großen Wallfahrt am Fest von Mariä Geburt zeigte sich der Außenaltar am Dienstagmorgen gut gefüllt. Die Predigt hielt der Mainzer Prälat Walter Theis.

Mittlerweile liegen am Main auch Anfragen von Nicht-Kirchzellern vor, die mitpilgern wollen. Dieses Jahr schloss sich ein junger Mann mit frisch bestandenem Staatsexamen an: „Vielleicht war die Wallfahrt ein kleines Dankeschön nach oben“, vermutet Mauder, der bereits ein erfahrener Pilger ist. Dreimal war er bereits in Fatima (Portugal), zweimal in Santiago de Compostela (Spanien). Die Strecke nach Dieburg sieht er jedes Jahr als kleine Bestätigung für seine Konstitution: „Wenn ich die Wallfahrt hierher schaffe, dann weiß ich, dass ich gesund bin. Jemand der angeschlagen ist, packt das nicht.“ Was den Kirchzellern die Wallfahrt in die Gesprenzstadt bedeutet, wird an einer Vielzahl von Dingen sichtbar: So gibt es ein eigenes Gesangbuch, was nur für die Gebete und den Gesang auf dem Pilgerweg zum hiesigen Gnadenbild geschaffen wurde. Man verfügt über eine eigene Fahne sowie individuelle Pilgerplaketten.

Und auch der Kirchzeller Pfarrer Franz Grumbach hebt sich von den anderen Geistlichen ab: Als einziger trägt er eine blaue Stola, die der Verbindung zur Dieburger Wallfahrt gewidmet ist und eine kunstvoll aufgenähte Pieta zeigt. Grumbach kommt bereits seit rund 30 Jahren nach Dieburg. „Unsere Pilger sind immer mit dem Herzen dabei“, sagt er lobend. Die Frage, ob es zu dem langen Weg nach Dieburg Alternativen gibt, bejaht der Pfarrer: „Walldürn ist um die Ecke. Das ist uns aber zu einfach, wir müssen und wollen schon ein bisschen mehr Buße tun.“

Kommentare