Landkreis Darmstadt-Dieburg bewirbt sich als Corona-Modellregion

Nach Ostern mit Test vieles möglich?

Nach Ostern wieder mehr Leben in der Dieburger Zuckerstraße? Möglich, wenn der Landkreis und die Gersprenzstadt zur „Corona-Modellregion“ werden. Kreis und Land arbeiten seit Mittwoch daran.
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Nach Ostern wieder mehr Leben in der Dieburger Zuckerstraße? Möglich, wenn der Landkreis und die Gersprenzstadt zur „Corona-Modellregion“ werden. Kreis und Land arbeiten seit Mittwoch daran.

Der Landkreis Darmstadt-Dieburg hat beim Land Hessen beantragt, „Corona-Modellregion“ zu werden. Dieburg könnte dabei eine Pionierrolle zukommen. Der Gewerbeverein wünscht sich derweil ein Testzentrum in der Innenstadt.

Dieburg – Trotz steigender Corona-Fallzahlen und langsamer Impffortschritte: Bei immer mehr Akteuren auf allen politischen Ebenen setzt sich die Erkenntnis durch, dass ein Dauer-Lockdown nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Branchen wie die Gastronomie ächzen seit nunmehr fünf Monaten, Teile des Einzelhandels dürfen – mit Ausnahme einer kurzen Click-and-Meet-Phase im März – seit Mitte Dezember keine Kunden einlassen. Von der Veranstaltungsbranche, die seit 13 Monaten kaum noch Geld verdient, ganz zu schweigen. Die zunehmende Zahl an Schnelltests und lokalen Testzentren bringt nun Bewegung in die Frage, wie man Einkaufen, Essengehen und Eventbesuche besonders sicher mit dem Infektionsschutz in Einklang bringen kann. Vor diesem Hintergrund hat der Landkreis Darmstadt-Dieburg am Mittwoch beim Land Hessen beantragt, schnellstmöglich als „Corona-Modellregion“ eingestuft zu werden. Bei der Umsetzung könnte Dieburg eine Pionierrolle zukommen. Jedoch haben bereits mehr als zehn Städte und Kreise beim Land Interesse bekundet und sich beworben. Für die Rückkehr von mehr wirtschaftlichem, kulturellem, sportlichem und religiösem Leben haben sich nach der ernüchternden Bund-Länder-Konferenz vom Montag sowohl Landrat Klaus Peter Schellhaas (SPD) als auch Landtags-Abgeordneter Manfred Pentz (CDU), der als Generalsekretär der Hessen-CDU einen engen Draht zu Ministerpräsident Volker Bouffier und Landeskabinett hat, stark gemacht. „Wenn man es konsequent umsetzt, dann ist am Ende des Tages alles denkbar“, macht Schellhaas Hoffnung auf viele rasche Lichtblicke. Folgendes schwebt dem Landrat vor: In den Kreis-Kommunen sollen sich die Menschen kostenlos schnelltesten lassen und im Falle eines negativen Ergebnisses mit einer Bescheinigung den restlichen Tag über auch Dinge tun können, die aktuell verboten sind. Etwa Schuhe im Geschäft anprobieren und kaufen, ins Café gehen und vor Ort etwas verzehren, gemeinsam Sport treiben oder den Gottesdienst besuchen. Sogar Lesungen und Konzerte könnten dann wieder drin sein.

Erfolgreiche Vorbilder lieferten vergangenes Wochenende Berlin (Konzert der Philharmonie mit 1 000 getesteten Zuhörern) und Rostock (Fußball-Spiel mit 777 getesteten Fans). Der Landkreis Darmstadt-Dieburg könnte in Kürze nachziehen – mit Dieburg womöglich an vorderster Front. Die Grundlage für all das sind die mittlerweile deutlich gestiegenen Testkapazitäten im Landkreis. „Gerade haben wir uns für unsere Zentren 500 000 Schnelltest-Kits gesichert“, berichtet Schellhaas. Sie bieten jetzt einen gewissen Spielraum, Tests auch für (vermeintlich) nicht ganz so wichtige Dinge wie den Klamottenkauf oder den Eisbecher zu nutzen. Dies soll sowohl digital als auch analog bescheinigt werden, blickt der Landrat voraus. Die Kontrolle kann vor Ort voraussichtlich also über einen Nachweise auf dem Smartphone oder einem Zettel, kombiniert mit dem vorgezeigten Personalausweis, erfolgen. Der Wille, im Kreis voranzugehen, ist also da. Alle Fragen kann aber auch Schellhaas noch nicht beantworten: Welchen Rahmen setzt das Land dem Unterfangen („Da brauchen wir noch einen Korridor“)? Wann könnte es mit den per Tests abgesicherten Lockerungen losgehen („Wenn es mit der Testkapazität und dem Nachschub der Kits passt, warum nicht nach Ostern?“). Und welche Kommunen sollen starten? „Wir werden nicht von null auf hundert gehen“, sagt Schellhaas, der zugleich betont, alle Lockerungen sollten mit den Regeln zu Abstand, Maske und beschränkter Auslastung der Begegnungsstätten einhergehen.

Ein Ansatz sei, sich vorsichtig ranzutasten, etwa erst mal nur in einer Kommune. „Da habe ich an Dieburg gedacht“, verrät Schellhaas. Schließlich bietet die Dieburger Innenstadt mehrere Anreize auf einmal, den Aufwand eines Schnelltests in Kauf zu nehmen. Ohne derlei Anreize, das zeigen die Zahlen für den Kreis, kommen nur wenige der knapp 300 000 Kreisbewohner zu den derzeit 36 Teststationen in den 23 Kreiskommunen: Bis einschließlich vergangenen Sonntag wurden die Angebote 3 654-mal genutzt. Heißt: 99 von 100 Kreis-Bewohnern haben die kostenlose Möglichkeit noch nicht genutzt. Die Nachfrage nach dem zeitlich limitierten „Freitesten“ könnte in Dieburg und im Kreis sprunghaft in die Höhe schnell, wenn Schellhaas’ Antrag bewilligt und die Bedingungen mit dem Land geklärt sind. Die Chancen stehen Manfred Pentz zufolge gut: „Ich werde mich intensiv dafür einsetzen und alles dafür tun, dass die Stadt Dieburg und der Landkreis eine Modellregion zur Öffnung mit intensiven Testungen wird“, verspricht der Groß-Zimmerner. Dazu stehe er „mit Landrat Schellhaas in intensivem Kontakt.“

Die genaue Ausgestaltung müsse „natürlich noch besprochen werden, aber ich gehe davon aus, dass man sich an dem Tübinger Modell orientiert“. In der schwäbischen Stadt findet das öffentliche Leben – bis hin zum Kinobesuch – dank einer Teststrategie auch in den Wochen des bundesweiten Lockdowns und ohne größeres Infektionsgeschehen statt. Für Pentz bedeutet das konkret, „dass an mehreren Stellen – möglicherweise auch in den Geschäften direkt – getestet wird und man mit einem negativen Ergebnis sowohl die Geschäfte wie auch die Gastronomie nutzen kann. Auch vorsichtige Öffnungen bei Kultur und Veranstaltungen kann ich mir durchaus vorstellen.“ Schellhaas ist hinsichtlich der Testorte derweil der Ansicht, „dass schon eine Testinfrastruktur besteht“. In Dieburg kann man sich nach Terminvereinbarung aktuell im DRK-Heim (Auf dem Frongrund 2b, DA vom Donnerstag) und in der Praxis von Allgemeinmediziner Stefan Rosenbrock (Altstadt 29) testen lassen. Zwei weitere Teststationen in Dieburg seien zudem in Vorbereitung. „Deshalb brauchen wir kein extra Testzentrum auf dem Marktplatz“, findet der Landrat.

Dies sieht Detlef Faust, Zweiter Vorsitzender des Dieburger Gewerbevereins, anders. Der Friseurmeister findet es „wichtig, dass man sich auch in der Innenstadt testen lassen kann“. Platz gebe es genug, „zum Beispiel auf dem Marktplatz, im Mini-Café, im Pater-Delp-Haus oder vielleicht auch im derzeit leer stehenden Laden am Eck in der Zuckerstraße“. Andernfalls, so glaubt Faust, sei vielen potenziellen Innenstadt-Kunden der Aufwand zu hoch, erst außerhalb des Zentrums einen Test beim DRK zu machen und anschließend für einen Einkauf oder ein Essen in die Stadtmitte zu kommen. „Wenn Dieburg eine Modellkommune wird, ist das sehr zu begrüßen“, sagt Faust. „Die Umsetzung muss aber möglichst unbürokratisch sein.“ Ziehen alle Beteiligten schnell und pragmatisch an einem Strang, könnte der Lockdown im Landkreis Darmstadt-Dieburg kurz nach Ostern enden. Mit dem Saarland hat am Donnerstag ein ganzes Bundesland Ähnliches angekündigt, sofern die Inzidenz stabil unter 100 liegt. Inwiefern der Plan des Kreises an eine Maximal-Inzidenz gekoppelt wird und inwieweit eine „Modellregion“ zeitlich befristet genehmigt wird, das sind zwei der Fragen, die Kreis und Land in den nächsten Tagen klären müssen.

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