Konflikte des technischen Fortschritts

Nachtwächter-Rundgänge sind gefragt

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Nachtwächterin Andrea Schuler führte ihr stattliches Gefolge durch Dieburg: Stationen waren unter anderem Schloss Fechenbach, das Amtsgericht und das Rochus-Krankenhaus.

Dieburg - Die Nachtwächter-Rundgänge sind ein beliebtes Element des Glückstalermarkts – angereichert werden sie mit historischen Spielszenen. Von Sebastian Richter 

Das Budenrund auf dem Marktplatz, neben der zur Weihnachtskerze mutierten Brunnensäule, erinnert ein ganz klein wenig an das berühmte gallische Dorf. Doch wird hier jeder gastfreundlich begrüßt und das gälte auch für Römer, wenn denn welche vorbeikämen in dieser Vorweihnachtssiedlung. Ja, man würde sie besonders herzlich empfangen und sie nach zwei, drei Krügen Glühwein darum bitten, den antiken Namen Dieburgs zu offenbaren.

Der ist ein noch immer ungelüftetes Geheimnis, erwähnt Nachtwächterin Andrea Schuler eher beiläufig am Rande ihres Rundgangs, zu dem sie ein stattliches Gefolge von rund 50 Teilnehmern versammelt hat. Die Nachtwächter-Rundgänge sind ein beliebtes Element des Glückstalermarkts, wie die vom Gewerbeverein einberufene Versammlung der Buden genannt wird.

Ein wenig sind sie Happening, doch haben sie sich inzwischen auch zu veritablen Stadtführungen gemausert, die mit historischen Spielszenen angereichert sind. Diesmal sind Post und früher Personenverkehr, Strom- und Wasserversorgung Themen. Aber Schuler führt zunächst zum Fechenbach-Schloss, für sich genommen schon ein historisches Unikat, ansonsten ruhiger Raum für eine erste Einführung in die Stadtgeschichte, die mit gestrafften Erklärungen zur Wasserpforte und ihrer Heraldik ihre Fortsetzung findet.

Klar – die alte Stadtbefestigung und der Mühlturm dürfen nicht fehlen. „Sie stehen jetzt vor der alten Erlesmühle“, scherzt Schuler vor einem Publikum, das etwas verwundert auf das Amtsgericht blickt. Aber richtig: Bevor das an dieser Stelle erbaut wurde, musste abgerissen werden, was früher einmal diese Mühle und später das Dieburger Elektrizitätswerk war. Elektrisches Licht statt Nachtwächter-Laterne – mancher möchte gerne in die alte Zeit zurückschlüpfen, die allzu leichtfertig aus heutiger Sicht als die „gute“ verklärt wird.

Von den Konflikten des technischen Fortschritts und den Beschwernissen der Anbindung an die große weite Welt handelt dieser Rundgang. Nächste Zwischenstation: das Rochus. Aber es geht zunächst um die Kratz’sche Hofreite, die dort einmal stand, dann erst um die Gesundheitsversorgung in der Stadt und am Ende dieses Kapitels um die für nicht wenige Dieburger frohe Botschaft, dass die Krankenhauskapelle mittlerweile als Kulturdenkmal vor der Abrissbirne gesichert sein soll.

Das Lorenzgässchen ist sehr unauffällig. Erst Schulers Führung lenkt die Aufmerksamkeit auf das Pflaster, dessen Holprigkeit inzwischen Denkmalwert hat und wohl auch die „grüne“ Straßensanierungswut überdauern wird. Am Ende der Gasse befand sich die alte Posthalterei, jetzt ist dort der Ort für die erste Spielszene, die von der Beschwerlichkeit des Reisens mit der Postkutsche handelt. All das hat der Dieburger Heimatverein mit seiner Vorsitzenden Maria Bauer sehr engagiert in Szene gesetzt.

Das Thema „Hygiene“ passt bestens vor die Fassade des Badhauses, auch die spätere Spielszene in der Löwengasse hat damit zu tun. Es geht um Elektrifizierung und die damit eröffnete Möglichkeit einer zentralen Wasserversorgung. Da werden sie schon deutlich, die Errungenschaften der Moderne – und doch kehren die Rundgänger am Ende wieder ein ins Schummerlicht des Budendorfs und freuen sich an der elektrisch flackernden Säulenkerze.

Weitere Nachtwächter-Rundgänge gibt es am 9. und am 16. Dezember jeweils ab 18 und 18.30 Uhr. Zwar sind die Touren ausgebucht, doch es gibt immer ein paar Restkarten. Am Samstag (10.) lockt eine zusätzliche Stadtführung um 17 Uhr. Startpunkt ist das Budenrund des Glückstalermarkts auf dem Marktplatz. Die Kinder-Nachtwächter-Rundgänge beginnen an den gleichen Terminen um 16.30 Uhr ebenfalls dort.

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