Namen sind Schicksale

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Gedenktafeln mit Namen von allen Dieburger Opfern des Zweiten Weltkriegs soll es bald auf dem Friedhof geben. Eine Gruppe Dieburger Bürger hat dies in die Hand genommen. Im Rathaus bat sie die Bevölkerung, die bisherigen Listen auf Vollständigkeit zu überprüfen.

Dieburg - „In fremder Erde liegt ihr dort, geopfert ohne jeden Sinn. Kein in Stein gemauertes Wort, kein Kreuz weist auf Euer Schicksal hin. Nun seid ihr in Gottes heiligem Frieden - das weiß ich.“ Dieses Gedicht hat Else Enders (geb. Wiedekind) vor rund 20 Jahren in einer Zeitschrift entdeckt. Von Michael Just

Seitdem zitiert es die 90-jährige jeden Morgen nach dem Aufstehen. Sie liest es für Georg und Josef Wiedekind, ihre zwei Brüder, die aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr heimkamen, als vermisst gelten.

In Dieburg gibt es viele weitere Schicksale, die mit den Kriegswirren von 1939 bis 1945 verbunden sind. Zwar existiert auf dem Friedhof ein Gedenkbereich, der an die Opfer erinnert, Namen gibt es aber keine. Das soll sich ändern: Eine Gruppe engagierter Bürger nimmt dies nun in Zusammenarbeit mit der Stadt in die Hand. Drei große Acrylglastafeln sollen bald unter dem Motto „Sie haben ihr Leben verloren - Sie dürfen nie ihren Namen verlieren“ Auskunft über Dieburger Gefallene, Vermisste als auch zivile Opfer geben. Vorgesehen ist, die Tafeln zum Volkstrauertag am 18. November an der Außenwand der Friedhofskapelle anzubringen. Die Finanzierung übernimmt die Gruppe der Bürger sowie das Atelier Schelter, das sich mit einem Drittel an den Kosten beteiligen möchte.

Nachmeldungen oder Korrekturen

In den Jahrbüchern „Dieburg - Erbe und Gegenwart“ von 2006 und 2008, herausgegeben vom Heimatverein, wurde den Opfern bereits gedacht, diese namentlich aufgeführt. Die Namen stammen aus dem Stadtarchiv, vom Standes- und Einwohnermeldeamt, den Sterbebüchern der katholischen Kirche oder den Gedenktafeln der evangelischen Kirche.

Jetzt besteht die Möglichkeit, Nachmeldungen oder Korrekturen anzubringen. Die Liste der vorliegenden Namen ist an einer Litfaßsäule im Foyer des Rathauses ausgehängt. Bis zum 15. August sind Nachträge möglich. Bisher finden sich auf dem Plakat 259 Gefallene, 50 Vemisste und 29 zivile Opfer.

Die Initiative bezeichnete Bürgermeister Dr. Werner Thomas als vorbildlich. Wie er sagte, wollte die Stadt viele Jahre lang ähnliches auf den Weg bringen. Da man aber keinen vergessen wollte, sei es nie zur Ausführung gekommen. „Jetzt wird die Sache akribisch und genau vorbereitet“, lobte der Bürgermeister, weshalb er die Bevölkerung bittet, das Projekt zu unterstützen und die Listen auf Vollständig- und Genauigkeit zu prüfen.

Keine finanzielle Unterstützung

Für Anneliese Rüth, die zu den Initiatoren gehört, geht mit den Tafeln ein Herzenswunsch in Erfüllung. Ihr Vater gilt bis heute als vermisst, sein Name taucht in keinem der Bücher auf. „Aus Hoffnung, dass er wieder zurückkommt, hat ihn meine Mutter nie für tot erklären lassen“, berichtet die 76-jährige. Dadurch gab es aber auch nie eine finanzielle Unterstützung. „Meine Großmutter hat zwei Äcker gehabt. Mit ein paar Nutztieren haben die uns durchgebracht“, erzählt sie weiter. Ihren Vater sah sie das letzte Mal bei ihrer Kommunion am Weißen Sonntag. Damals zog man extra das erste Abendmahl des Bruders um ein Jahr vor, denn Urlaub von der Front gab es nur, wenn zwei Kinder etwas zu feiern hatten. Wenige Wochen später, bei den letzten Kämpfen in Russland, verlor sich seine Spur.

Zur Initiatorengruppe gehört auch Josef Hach (77) . Er verlor seine Mutter auf tragische Weise. Die damals 39-Jährige verließ gerade hochschwanger die Wallfahrtskirche nach der Messe, als alliierte Bomber zum Sturzflug ansetzten. Am Palmsonntag 1945 floh ein Teil der Gottesdienstbesucher ins Gebäude gegenüber, das heutige Gefängnis. Doch nicht alle schafften es, darunter auch Christina Hach. Sie wurde am Oberschenkel getroffen und starb wenige Stunden später. Der Pilot dürfte die Reihe der Kirchgänger für marschierende Soldaten gehalten haben.

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