Narren bringen Ludwigshalle ein letztes Mal zum Beben

Dieburg ‐ Die diesjährigen Fastnachtssitzungen des Karnevalvereins Dieburg (KVD) sind die letzten in der Ludwigshall – doch von Wehmut war beim Auftakt am Freitagabend nur wenig zu spüren. Von Jens Dörr

Die Närrinnen und Narrhallesen versprühten bei der ersten Sitzung der Kampagne Heiterkeit wie eh und je – und blickten schon mal erwartungsfroh gen „Römerhalle“. Die Erinnerung an zig schöne Stunden in der bisherigen „gut Stubb“ Dieburgs spielte beim wieder einmal äußerst gelungenen, fünf Stunden und 33 Minuten dauernden Programm nur eine Nebenrolle.

Die Premierensitzung in Bildern:

Premierensitzung des KVD

Stattdessen konzentrierten sich die Bühnenaktiven auf das Hier und Jetzt. Wie immer war es am Jugendballett, den beschwingten Auftakt in einen bunten Abend voller Tanz, Gesang und Wortvorträgen zu übernehmen. Unter der Leitung von Jeanette Neumann und Andrea Bausch präsentierten sich die jungen „Schaufensterpuppen“ als gar nicht steif – Hofballett und Tanzgarde müssen sich angesichts dieses Nachwuchses keine Sorgen um die Zukunft machen.

In seinem Protokoll fand KVD-Präsident Friedel Enders nach Beobachtungen zum Weltgeschehen rasch den Bogen zu Dieburger Themen. „Der Festplatz, der neu wurd hergericht – der entspricht nem Festplatz nicht“, kritisierte Enders in der Rückbetrachtung zum Schlossgartenfest. Und: „Die, die den Schotterrasen ham geplant und beschlosse – die müsst mer jetzt bezahle losse.“

Jenseits von Staub und kaputtem Rasen könnten sich Vereine als Vorbild fürs Parlament die Fraktionen im Stadtparlament aber ein Beispiel an der partnerschaftlichen Arbeit der Vereine beim erstmals gemeinsam ausgerichteten Heimatfest nehmen, fand Enders. Auch war die „Römerhalle“ Thema – und angesichts der Kostenexplosion natürlich Aufreger. Stuttgarts Bahnhof, Lena, Aschewolke und Fußball-WM mussten da aus Zeitgründen kürzer treten.

Formation von Annika Fink und Lena Göbel im Dschungel

Die „Speeslochfinken“ werden in dieser Kampagne 60 Jahre alt – entsprechend führten sie unter dem roten Faden „Geburtstag im Seniorenheim“ eine Art „Best of“ auf. Horst Kahlen war das erste Solo des Sitzungsreigens 2011 vergönnt, des Bürgermeisters „Rathaus-Rock“ durfte nicht fehlen. Die Leitung der „Finken“ hat weiter Lothar Wolf inne. Die musikalische Begleitung übernahm wie gewohnt Werner Utmelleki. „Ich bin so schee“ auf „YMCA“ animierte schon zu früher Sitzungsstunde zum Mitmachen.

Thorsten Bembi Stemmler pickte sich ein lokales Thema für seinen Reimvortrag heraus. In „fünf Silvester“ erlernte der „Braumeister vum Braunwarth“ sein Handwerk und gab den Zimmnern an diesem Abend erstmals Zunder. Zudem fielen ihm zig Gründe ein, weshalb ein kühles Blondes einer kühlen Blonden vorzuziehen sei. Letztlich war er aber doch kompromissbereit: „Gerstensaft UND stramme Weiber sind die schönsten Zeitvertreiber.“

Keine Kompromisse schloss das Hofballett bei der Qualität seiner Darbietungen. Unter anderem zum WM-Song von Shakira ging die Formation von Annika Fink und Lena Göbel in den Dschungel. In Halbzeit zwei kehrte das Hofballett nimmermüde mit dem Programm „Britisches Königshaus“ zurück. Den leichtesten Part hatten dabei die Hoheiten Heiner Kern und Hans-Friedrich-Busch, die nur durch sich anmutig bewegende Körper hindurchschlendern mussten.

Frische, talentierte Gesangs-Asse

Wie immer auf laute Lacher und viel Zustimmung stieß der Vortrag von Monika Schledt. Sie geht in ihrer Ehe offenbar durch die Hölle: Nicht nur, dass ihr Mann aus „Minsder“ ist, inzwischen mutiert er auch zum „Individuum 50 plus“.

Stefan Mann blieb auch im zweiten Bühnenjahr bei den Aktiven cool-charmant und  sang  den neuen Schlager „Fastnacht,    meine  große Liebe“.  Ann-Cathrin „Kira“ Resch zeigte dem Äla in „Fastnacht, Du bist die Nummer eins“ Halbzeit zwei mit wunderbarer Stimme ihre Zuneigung: Ihr Song hieß „Fastnacht, Du bis die Nummer eins“. Der KVD darf sich glücklich schätzen, zwei solch frische, talentierte Gesangs-Asse in seinen Reihen zu haben.

Dasselbe gilt für das junge Duo Nina Grimm und Sabrina Brandt, die im zweiten Aktiven-Jahr auf der Bühne „Zwei sportliche Weiber mit sportlichen Leibern“ gaben. Grimm offenbarte dabei ihre Flugangst – immerhin hätten die Fluggesellschaften im letzten Jahr zehn Prozent ihrer Passagiere „verloren“.

Ein Bühnenneuling, dem das aber kaum anzumerken war, stand zusammen mit dem Duo Bernd Schneider und Thorsten Setzer als „Eingeborene von Trizonesien“ auf den Brettern, die die Narrenwelt bedeuten. Christel Ludwig kam dabei aus dem exotischen Münster, Setzer verkörperte den Dieburger. Schneider hatte offenbar bei „Schere, Stein, Papier“ verloren und musste den Horrorpart des Zimmners übernehmen. Und das in seinem 22. Bühnenjahr.

Vor der Pause gab es dann noch zweimal Wellness fürs Publikum: Die Heihupper verwöhnten als „Indianer“ die Augen, Bettina Steinmetz und Petra Herrmann-Kahle mit äußerst „lieblicher“ Stimme die Ohren. Die Empfehlung der beiden, die in einigen Wochen auch noch im Hessenfernsehen zu sehen sein werden: Frauen, nehmt Euch einen Mann mit Piercing! „Der kann Schmerzen ertragen und hat schon mal Schmuck gekauft“, begründeten sie.

Nach der Pause ließen die Äla-Fetzer unter der Leitung von Klaus Becker erst gar keinen müden Auftakt in Halbzeit zwei zu. Da stand das Publikum erstmals auf den Stühlen. Und da war sie wieder, die „Römerhalle“: Als deren Bauarbeiter hatten sich die Fetzer, die altbewährtes Äla-Liedgut darboten, nämlich verkleidet.

Die stets selbe Verkleidung tragen „Verrer Gunkes unn soi Bawett“. Thomas Buchert und Juliane Kempf machen ihren Vorgängern, Karlheinz Braun und Monika Dambier-Blank, alle Ehre. Gunkes startete diesmal zumindest den Versuch, sich von seiner „Fraa“ nicht unterjochen zu lassen. Bawett, mit Sicherheit die ungeeignetste Bürgermeisterkandidatin der Dieburger Stadtgeschichte, wusste unterdessen schon, wer Rathaus-Chef    wird,    wenn   nicht „Höllenbrut“ mit „Deiwelsgeije“

sie selbst: „Dr. Harald Thomas Werner Schöning“. In gruseliger Szenerie dachten, taten und sagten Bernd Stenner und Matthias Sahm als „Höllenbrut“ Böses. „Deiwelsgeije“ Johannes Stemmler hielt sich dagegen still im Hintergrund. Stenner zählt zu den Darstellern, auf die es sich wegen intensiven Mienenspiels zu schauen lohnt, auch wenn gerade wer anders spricht. Als die Damen der Prinzengarde und Gaststar und Sitzungspräsident Bernd Wolfenstädter der „Höllenbrut“ ihren Besuch abstatteten, hatte das aber die ungeteilte Aufmerksamkeit verdient.

Ihren Witzvortrag gestalteten im Anschluss die „Zwei Franzosen“ Klaus Gottwald und Jürgen Schaarvogel trocken wie stets. Keiner spricht „Dékolleté“ – also „ausgeschnittene Frauen“ – so schön falsch aus wie Schaarvogel.

Vor dem Finale hatten zudem Wolfgang Brandt und Stefan Ludwig aufs Neue eine aufwändige Playback-Show inszeniert. Käfers „Wies’n Schänke“ auf dem Münchner Oktoberfest diente ihnen als Schauplatz. Neben den Hits der Nummer macht vor allem die Vorstellung Spaß, in welcher ungemeinen Hektik sich die beiden in wenigen Sekunden hinter der Bühne umziehen müssen, um sogleich in völlig neuem Look vor die Trennwand zu treten. Vier Frauen helfen ihnen dabei hinter der Bühne. Brandt gab unter anderem einen pinken Indianer, Ludwig posierte als lässiger Country-Sänger.

Schierer Wahnsinn war im großen Finale der diesjährige Gardetanz. Dass die Tänzerinnen unter der Leitung von Melanie Eisentraud regelrecht über die Bühne wirbelten, ist in diesem Zusammenhang wahrlich keine Floskel.

Erst als es mit Prinzengarde, den Aktiven und den Zuschauern abschließend hieß „Lasst uns in Freundschaft die Fastnacht begehn“, wurde wohl vielen Narren erstmals bewusst: Das war mein letztes Sitzungserlebnis in der „Luha“.

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