Nicht jeder durfte genießen

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Liane Mannhardt (l.) von der Kreisdenkmalbehörde führte am „Tag des offenen Denkmals“ zu Dieburger Stätten des Genusses. Dazu zählt auch der Schlossgarten, der einmal das sechsfache der heute noch vorhandenen Fläche einnahm.Fotos(2): Friedrich

Dieburg - Lustwandeln im englischen Garten. Abtauchen im Zuber des Badhauses in netter weiblicher Gesellschaft. Oder eine exzessive Schlemmerorgie - natürlich im Liegen - diese sinnliche Seite der Dieburger Historie ließ Liane Mannhardt am „Tag des offenen Denkmals“ aufleben. Von Ursula Friedrich

Die Leiterin der Unteren Denkmalbehörde des Kreises entführte ihr Publikum anhand historischer Dieburger Stätten auf eine sinnliche Zeitreise.

Ausgangspunkt der Wanderung zu den „historischen Orten des Genusses“ war der heutige Schlosspark, der in seiner Jugend im 17. Jahrhundert etwa die sechsfache Fläche einnahm. Herzstück der barocken Parkanlage nach französischem Vorbild war das Schloss, in dessen Gemächern sich das Adelsgeschlecht der Herren von Groschlag mitunter obskuren Genüssen hingab: „Es gab eine Elektrisiermaschine, mit der man sich durch Reibung selbst aufladen konnte“, wusste Liane Mannhardt. Als köstliches Vergnügen empfanden es derart „geladene“ Adelige mittels eines elektrischen Kusses einem lieben Mitmenschen einen Schlag zu versetzen.

Das 1699 erbaute Schloss wurde im 19. Jahrhundert an den österreichischen Oberst von Brüsselle veräußert, der weder dessen Schönheit noch die Anmut des umliegenden Gartens zu schätzen wusste (immerhin war die Parkanlage selbst Johann Wolfgang von Goethe einen Abstecher nach Dieburg wert).

Das Schloss wurde abgerissen, die Steine an Dieburgs Bevölkerung verkauft und der Schlossgarten 1863 an die Stadt veräußert. Tüchtige Häuslebauer errichteten nun ihre Eigenheime, Sportanlagen entstanden, das Konviktgebäude wurde errichtet und nur ein Bruchteil des riesigen Parkareals blieb erhalten. Doch: Statt wenigen Adeligen als Erholungsstätte zu dienen, darf sich die gesamte Bevölkerung heute an dem verbliebenen „Bürgerpark“ erfreuen.

Wo einst Holzzuber standen, schlemmen heute hungrige Gäste. Allerdings trägt das Badhaus in der Badgasse 10 noch immer seinen historischen Namen. Bereits 1579 entdeckten Dieburgs Bürger an diesem Ort nicht nur die Vorzüge der Reinlichkeit, sondern auch andere Sinnesfreuden: alkoholische Genüsse und sexuelle Ausschweifungen gehörten ebenfalls zu den Badefreuden und wurden von der Kirche mächtig angeprangert.

Zähne ziehen und Knochen einrenken

Für das leibliche und körperliche Wohl sorgte der Bader: Ein handwerklicher und medizinischer Tausendsassa, der nicht nur rasierte und „Schröpfköpfe“ setzte, sondern auch Zähne zog und Knochen einrenkte.

Nicht nur der Körperpflege fröhnte man dereinst im Badhaus.

Als Ort der geistigen Genüsse ist die ehemalige Gaststätte und alte Post in der Altstadt 10 überliefert. Da nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung des Lesens und Schreibens mächtig war, diente das Gasthaus „Zum Schwarzen Adler“ den ungebildeten Einheimischen als „Vorlesestätte“. Hier wurde außerdem Post per Kutsche versendet und empfangen. Bereits 1658 soll der „Schwarze Adler“ als Postservicestelle gedient haben, Ställe für Postpferde, Kutscher- Remisen und Unterkünfte für die Postillione geboten haben.
Zum Abschluss der mehrstündigen, historischen Stadtwanderung wurde die Delegation von Hobbyhistorikern in die Freuden der kulinarischen Genüsse eingeweiht. Am Schloss Fechenbach erfuhr das Publikum, wie bereits zu römischer Besatzungszeit gespeist wurde: Auf Kissen und Polstern liegend, umgeben von Haussklaven, die reichlich gewürzten Wein, Getreidebrei mit Obst und Gemüse, Milch, Käse und Eier auftrugen. Diese kulinarischen Orgien waren freilich nur einem erlesenen Kreis betuchter Menschen vorbehalten.

Bin ich froh, dass ich in der heutigen Zeit lebe“, entfuhr es einer Dieburgerin spontan, denn während der mehrstündigen informativen Führung war auch deutlich geworden, dass sinnliche Genüsse vom Mittelalter bis in die Antike lediglich von einem winzigen Teil der Bevölkerung genossen werden konnten.

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