„Not geht um in der Stadt“

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Lustwandelten am Muttertag im Schlosspark: Freiherr Karl Friedrich Willibald von Groschlag alias Christian Eiddenschink (links) samt Gärtner (Peter Maack) und bürgerlichem Gefolge.

Dieburg (ula) ‐  Mit Adeligen im Schlosspark lustwandeln, war dem einfachen Dieburger Volk im 18. Jahrhundert nicht beschieden. Doch die Zeiten wandeln sich. Anno 2010 begaben sich die „Blaublütigen“ am Muttertag mit rund 60 Bürgerlichen im Schlepptau zum Spaziergang durch den Schlossgarten. Zum Ausklang tafelten alle fürstlich bei Sekt und süßem Kuchen. Ulrike Posselt von der Stadtkommunikation führte die Gruppe.

Acht Laiendarsteller schlüpften in historische Rollen, um in Samt, Seide und üppige Perücken gewandet, Lokalhistorie möglichst authentisch und kurzweilig zu vermitteln. Neben einem Intermezzo mit Madame Sophie La Roche und Frau von Groschlag samt Gefolge, wurde Besuchern des Schlossgartens ein Einblick in die Sorgen des Schlossherrn beschieden. „Die Not geht um in der Stadt“, klagte Gärtner Johann Ludwig Petri, der im Jahr 1771 mit der Pflege des 25 Hektar großen Schlossparks betraut war. „Ja, finanziell sind die Dieburger recht schwach auf der Brust“, bilanzierte Freiherr Karl Friedrich Willibald von Groschlag. Und in Klein-Zimmern habe die Not die Menschen gar vom rechten Weg abgebracht: „Die sammeln unsere Äpfel immer auf“, stimmte der Gärtner sein Klagelied erneut an. Probates Mittel Groschlags: Die Mauern hochziehen, um die diebischen Nachbarn abzuhalten.

Humorvoll und sachverständig nahmen die Protagonisten des Vereins „Freunde und Förderer Museum Schloss Fechenbach Dieburg“ ihre Gäste mit auf eine Zeitreise. In die Epoche Dieburgs, als der barocke, niederländisch und französisch geprägte Schlossgarten noch fünf Mal so groß war wie heute, rund 25 Hektar.

Unterhaltung und Bildung aus einer Hand

1799 verstarb Groschlag“, wusste Klaus Rüth, Vorsitzender des Fördervereins, „und seine Nachfahren verkauften den schönen Park Stück für Stück.“

Zum dritten Mal wurde der historische Ausflug auf Bitte der Stadt initiiert - Anlass war die Veranstaltungsreihe „Parkgeschichten der Kulturregion Frankfurt Rhein-Main“. „Unser Förderverein hat sich zwar mit seinem ureigensten Ziel dem Museum im Schloss Fechenbach verschrieben“, erklärte Klaus Rüth, doch nebenbei wolle der Verein gerne etwas für die Unterhaltung und Bildung der Einwohner leisten.

Und der informative, unterhaltsame Ausflug gefiel. Im Gegensatz zu Johann Wolfgang von Goethe, der bei seinem Besuch bei den Groschlags schlechten Wein und Kälte beklagte, hatte das zeitgenössische Publikum viel Spaß und genoss die abschließende Einkehr in das Open-Air-Café, das liebevoll installiert worden war. Einziger Wehmutstropfen: Die erste Führung am Vormittag fiel wegen Regens ins Wasser.

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