„Da oben sind noch ganz viele Leute drin!“

+
Wenn es im St. Rochus-Krankenhaus zu einem Brand oder einer Explosion kommt, ist eine dreistellige Zahl an Helfern nötig. Diesmal war zum Glück alles nur „Übungssache“.

Dieburg ‐   „Da oben sind noch ganz viele Leute drin, die sterben! Machen Sie schneller!“, ruft eine verletzte Frau aufgeregt und reißt den Feuerwehrmann, der gerade am Einsatzort eingetroffen ist, am Arm. Sie ist blutverschmiert, steht sichtlich unter Schock und deutet immer wieder auf ein hochgelegenes Stockwerk des St. Rochus-Krankenhauses. „Ich bringe Sie erstmal zur Sammelstelle für die Verletzten“, sagt der Feuerwehrmann ruhig. Von Michael Just

An dem Baby, das die Frau auf dem Arm trägt - einer Stoffpuppe - wird deutlich, dass es sich bei dem Großeinsatz um eine Übung handelt. Das angenommene Szenario: Bei Bauarbeiten im Hospital kommt es zu einem Feuer, das eine Verpuffung auslöst. Ein Arbeiter wird durch ein Rohrstück aufgespießt und lebensgefährlich verletzt. Hinzu kommen weitere 17 Verletzte, die die Johannitern filmreif geschminkt haben.

Mit dem Krankenhaus hatten sich die Rettungskräfte am Donnerstagabend einen schwierigen Einsatzort ausgesucht. „Für Gebäude dieser Größe existieren Alarm-Sonderpläne“, erklärt Kreisbrandinspektor Ralph Stühling. Dabei ist in drei verschiedenen Alarmstufen festgelegt, welche Feuerwehren aus der Umgebung im Bedarfsfall unterstützend anrücken.

Sonderalarmplan für 65 Objekte im Kreis

Bei Stufe eins kommen Dieburg und Münster. Die Münsterer Kollegen sind bei allen Einsätzen am Rochus-Krankenhaus dabei, da sie über einen weit ausfahrbaren Teleskopmast verfügen. Stufe zwei entscheidet über die Anforderung eines speziellen Einsatzleitwagens aus Pfungstadt, den es im Kreis nur einmal gibt. Er verfügt über vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten und einen Besprechungsraum. Bei Stufe drei stoßen noch die Blauröcke aus Groß-Zimmern und Groß-Umstadt hinzu.

Fastnachter Wolfgang Dörr als Statist. Freiwillige, die Verletzte spielen, sind für eine authentische Übung unerlässlich.

Insgesamt gibt es im Kreis 65 Objekte, für die ein Sonderalarmplan vorliegt. Bei einigen, wie dem Lohbergtunnel bei Nieder-Ramstadt, ist eine jährliche Übung vorgeschrieben. „Bei den Krankenhäusern gibt es keine gesetzlichen Vorgaben. Übungen machen wir aber im Schnitt alle drei bis fünf Jahre“, sagt Stühling. Dazwischen obliebe es der örtlichen Wehr, Begehungen zu machen. Durchschnittlich stehen jedes Jahr zwölf bis 14 Großübungen an, 2010 unter anderem in einem Zugtunnel bei Groß-Umstadt, dem Kreiskrankenhaus in Groß-Umstadt sowie dem „Loop 5“ und einem Chemiebetrieb in Weiterstadt.

Das Szenario im Rochus hatten sich Kreisbrandinspektor Ralph Stühling und Dieburgs Stadtbrandinspektor Winfried Storck ausgedacht und mit dem Betreiber abgesprochen. Die Patienten wurden vorher informiert und waren nicht in die Übung eingebunden. Ihre Rolle übernahmen 18 Komparsen.

Insgesamt waren 121 Einsatzkräfte im Einsatz. Sie setzten sich aus den Feuerwehren von Dieburg, Münster, Groß-Umstadt und Groß-Zimmern, dem DRK von Dieburg und Münster, der SEG Groß-Umstadt sowie drei Notärzten zusammen.

Sowohl von der Vorder- als auch von der Hinterseite rückte man an das Gebäude heran, was reichlich Koordination erforderte. Vor allem das Ineinandergreifen von Feuerwehr und Sanitätern erwies sich immer wieder als Herausforderung. Das wird gleich zu Beginn deutlich, als ein Feuerwehrmann zwei Leichtverletzte Jungen aus dem Gebäude führt. Als sie aus dem Haupteingang kommen, erfahren sie, dass der Verbandsplatz auf der Rückseite des Hauses liegt. Für kurze Zeit wird die Übung einmal unterbrochen: Ein „Realfall“ kommt dazwischen, als ein Intensivpatient verlegt werden soll.

„Ihr dürft jetzt abschrauben, wir sind rauchfrei“

Im dritten Stock liegt das Zentrum des Geschehens. Das Schnaufen der Atemschutzträger der Feuerwehr, die als erste Retter eintreffen, erfüllt das obere Treppenhaus. Die Stromversorgung ist in Mitleidenschaft gezogen, so dass nur mit wenig Licht agiert werden muss. Das große Heer der Verletzten verlangt den Helfern alles ab. Bald wird klar, dass es an Tragen fehlt.

Wolfgang Dörr, sonst im Rathaus als Eigenbetriebsleiter tätig, unterstützt den Trupp der Komparsen. Bewusst- und damit regungslos liegt er auf einem Krankenbett und wird in seiner dunklen Ecke fast übersehen. „Wenn der Doktor sagt, dass wir ihn mitnehmen können, tragen wir ihn runter“, gilt die Aufmerksamkeit von zwei Blauröcken erstmal einem anderen Verletzten. Die Arbeit der Retter wird erleichtert, da sie kurze Zeit später ohne Atemschutz agieren können: „Ihr dürft jetzt abschrauben, wir sind rauchfrei“, geht die Info durch die Reihen. Das erleichtert die Kommunikation mit den Verletzten.

Kunstblut lässt sich schwer entfernen

Marco Gerbershagen (14) sitzt mit einem gebrochenen Unterschenkel, bei dem der Knochen rausguckt, auf dem Boden. „Was ist passiert? Wie heißt du? Was macht du im Krankenhaus?“, fragt ihn ein Feuerwehrmann. „Ich hab' Verwandte besucht“, sagt der junge Dieburger. Der Retter versucht alles, um ihn bei Bewusstsein zu halten.

Kurz vor 20 Uhr geht die Übung zu Ende. Einsatzleiter und Stadtbrandinspektor Winfried Storck, zieht ein positives Fazit: „Ich bin soweit zufrieden, wir hatten genügend Personal vor Ort.“ Auch für die Statisten ist alles vorbei. Seine Hände hat Dörr in blaue Gummihandschuhe gepackt - nicht zum Spülen, sondern zum Autofahren. „Der Gummikleber für die Wunden und das Kunstblut gehen ziemlich schwer ab. Dazu färbt das Ganze“, sagt er. Seine Arme und eine klaffende Wunde auf der linken Backe leuchten immer noch knallrot. Da in wenigen Minuten ein KVD-Treffen beginnt, ist er nicht sicher, ob er die Reinigung noch hinbekommt. „Ich werd' heut wohl so ausgehen“, sagt er. Als stadtbekannter Ur-Fastnachter wird er so geschminkt nur wenig Aufsehen erregen.

Kommentare