Wie Olympia die Kreizverrenker gebar

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Haben Jahrzehnte der Fastnacht beim Turnverein miterlebt und mitgestaltet: Friedel Knapp (links) und Helmut Jonas.

Dieburg - Eigentlich – es war das Jahr 1949 im Nachkriegs-Dieburg – wäre Friedel Knapp ja fast Hassianer geworden und nicht zum Turnverein gegangen.

„Ich wollte Fußball spielen, hätte das bei der Hassia damals aber erst ab meinem zehnten Geburtstag gedurft, wollte aber bis dahin keine drei Monate mehr warten“, erzählt Knapp im Wohnzimmer von Helmut Jonas, auf den gleich auch noch die Rede kommen wird.

Also ging Knapp stattdessen zum TV, wo er sofort lossporteln durfte. Das war ein Glücksfall für den Turnverein, dem Knapp später in vielerlei Funktionen, in vorderster Front und bis heute zur Seite stand und steht. Ein Stückweit prägte er - wie Jonas (seit 26 Jahren Schatzmeister und Personaler des Turnvereins) - auch die fastnachtlichen Aktivitäten des TV mit, um die es in diesem Artikel gehen soll.

Nicht mehr alle Kreiverrenker auch TV-Mitglied

Das betrifft auch, aber nicht nur die Gruppe Kreizverrenker, die gemeinhin als Gruppe des Turnvereins verstanden wird, obgleich längst nicht mehr alle Kreiverrenker auch TV-Mitglied sind. Die Kreizverrenker gründeten sich 1973, doch gibt es eine 23-jährige Vorgeschichte. 1950, beim zweiten Dieburger Fastnachtszug nach dem Krieg, lief der heute 73-jährige Knapp als Kind bereits bei einer Gruppe des TV mit: den Fahnenschwingern. Die liefen direkt vor dem Prinzenpaar.

„Meistens waren es starke Turner, die die Fahnen schwangen, denn die Stangen waren ja drei bis vier Meter lang und aus Holz“, erinnert sich Knapp. Auch Jonas, 63, betont: „Das war im Umzug immer ein Hingucker, etwas Besonderes.“

Knapp selbst schwang die Fahne im Umzug bis 1968, hörte dann auf, weil er Vater wurde. „Zwei, drei Jahre wurde weitergeschwungen und ich habe mir den Umzug von außen angeschaut.“ Ein Blick in Knapps Gesicht verrät, dass dies das Mitlaufen aber nicht adäquat ersetzte. Ja, das habe fast schon „wehgetan“, meint Knapp in der Rückschau. Wie gut, dass 1972 Olympia in München folgte, die schlimmen Begleiterscheinungen einmal außen vor gelassen. Die Spiele lösten in der Bundesrepublik jene Breitensport-Welle aus, die sich bis heute stetig aufgebäumt hat. Zuvor gab es meist Leistungssportler im Verein sowie ganz und gar Unsportliche. Einfach mal eine Runde joggen war damals kaum angesagt.

Jedermann-Gruppe

Im Vorfeld der Olympiade allerdings gründete sich beim TV eine Jedermann-Gruppe, in der beide Geschlechter gemeinsam Sport trieben. Aus dieser Gruppe entsprangen auch die - namentlich passend - Kreizverrenker: 1973 liefen sie beim Umzug erstmals mit, stellten „Närrische Vögel“ dar.

Die Gruppe stand in einer Reihe mit weiteren Fastnachtsgruppen, die sich aus zunächst einmal nicht närrischen anderen Dieburger Vereinen heraus gründeten. Beispiele sind etwa die Notenschnuffler der Freien Sänger und die Schlappmailer der DJK. Bis heute gibt es viele dieser Gruppen, so auch die Kreizverrenker. Ehrensache, dass sie auch im Jahr des 150-jährigen Bestehens des TV Dieburg beim Umzug dabei sind.

Jonas bildet als in Dieburg wohnendes Gruppenmitglied zwar eine Ausnahme, die meisten hat es in die Umgebung oder auch weiter weg verstreut. Am Fastnachts-Dienstag werden sie jedoch aufs Neue gemeinsam durch Dieburgs Straßen ziehen.

Immer am Sonntag nach dem Kinderumzug steht eine andere Veranstaltung des Turnvereins an, die Tradition hat: der Kindermaskenball. Den gibt es schon seit vielen Jahren, inzwischen wendet er sich vor allem an Kids im Kindergarten-Alter und im frühen Grundschulalter.

Bilder zur Fastnacht

Straßenfastnacht: Äla uff de Gass

Damit teilt sich der TV auch das Publikum mit dem KVD auf, der sich in der Römerhalle eher den Kindern ab der zweiten, dritten Klasse aufwärts zuwendet. In der TV-Halle, wo später dann auch immer das Kinder-Prinzenpaar vorbeischaut, sorgt der Turnverein für die Unterhaltung der Kleinen mit reichlich Animation. Ein wenig steht der Kindermaskenball trotz der Altersunterschiede auch in der Nachfolge des „Teenager-Balls“, den der TV bis Ende der 80er Jahre ausrichtete. Bis zu 800 junge Leute seien in den 80er dorthin gekommen, blickt Knapp zurück. Randale gab’s auch vor 30 Jahren schon. Neben steigenden Kosten einer der Gründe, warum der Ball Ende der 80er „starb“.

Kostengründe waren es auch, die den TV-Maskenball für die Erwachsenen einschlafen ließen. 1988 fand er letztmals statt.

Wenn Knapp und Jonas alte Heimatzeitungen hervorholen, wirken die fast unwirklich: In der Fastnachtszeit wurden dort etliche Bälle per Anzeige beworben, die es heute alle nicht mehr gibt. Seitens des TV gehörten Turner- und Turnerinnenball dazu, ziemlich lange – bis 1994 - hielt sich auch der Neujahrsball.

Inzwischen stehen in puncto Maskenball beim TV Dieburg also „nur“ noch die Kids im Zentrum des Geschehens und mit der „Äla-Nacht“ des KVD einmal auch die Erwachsenen. jd

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