Paten sollen jungen Referees helfen

Der Rettungshubschrauber auf dem Sportplatz der FSV Münster. Der durch einen Faustschlag niedergestreckte Schiedsrichter wurde ins Krankenhaus geflogen. Foto: lahe

Die Schiedsrichtervereinigung Dieburg unterstützt ihre Neulinge. Nach dem Faustschlag in Münster gibt der erste Unparteiische seine Spiele zurück. Der 79-jährige Wilfried Wick hat 3 500 Spiele gepfiffen – und wurde nie körperlich attackiert. VON JENS DÖRR

Dieburg – Der Faustschlag eines Spielers der FSV Münster im C-Liga-Spiel am vergangenen Sonntag gegen den TV Semd (wir berichteten auf unseren überregionalen Sportseiten) war in den vergangenen Tagen nicht nur in der regionalen Fußball-Szene großes Gesprächsthema.

Der bewusstlos geschlagene Unparteiische, der auch Tage später noch starke Schmerzen am Kiefer spürt, gehört dem GSV Breitenbrunn und damit der Schiedsrichter-Vereinigung Odenwald an. Passiert ist der Vorfall im Fußball-Kreis Dieburg, wo die Unparteiischen ebenfalls betroffen reagierten. Vor allem aber geben sie eine Antwort darauf, wie man nach der Attacke gerade junge Anfänger im Schiedsrichterwesen schützen und stärken könnte.

Gerade erst im September hat die Schiedsrichtervereinigung Dieburg ihren jüngsten Neulingslehrgang veranstaltet. Sechs meist junge Unparteiische haben die Prüfung bestanden und dürfen ab sofort Spiele pfeifen. „Meist setzen wir sie zunächst bei Spielen in der E-Junioren-Kreisliga sowie bei den C- und B-Juniorinnen an“, sagt Florian Tesch. Der 26-jährige Groß-Zimmerner ist Obmann der Vereinigung und damit sozusagen der Chef der rund 150 Referees im Fußball-Kreis Dieburg. Tesch pfeift für den SC Hassia Dieburg und leitet Spiele bis hinauf zur Männer-Hessenliga.

Weil die Einsteiger in ihrem faktischen Ehrenamt –für das C-Liga-Spiel in Münster hätte der Schiedsrichter 22 Euro plus Kilometergeld bekommen – die Routine erst noch entwickeln müssen, gerade unsichere Neulinge leicht zu Opfern durchgeknallter Eltern und Betreuer im Junioren-Fußball werden können und die Unsicherheit nach der Attacke in Münster noch wachsen dürfte, haben sich die Dieburger Schiedsrichter etwas einfallen lassen. „Wir setzen in dieser Saison erstmals das vom Hessischen Fußball-Verband entwickelte Patenmodell ein“, sagt Tesch.

Dies war schon vor dem Faustschlag in der Nachbarschaft geplant gewesen, erfuhr nun aber nochmals Dringlichkeit. „Schon an diesem Wochenende werden wir die ersten Paten mit den neu ausgebildeten Schiedsrichtern auf den Sportplatz schicken.“

Das Patenmodell sieht im Kern vor, dass erfahrene Unparteiische die Neulinge zu ihren ersten Spielen begleiten, ihnen vorher Tipps und nachher Feedback geben. Zudem können die Paten bei Kritik vom Spielfeldrand unter Umständen beruhigend einwirken und verdeutlichen, dass der Schiedsrichter eine seiner ersten Partien leitet und dabei naturgemäß noch viele Fehler macht. Sieben erfahrene Referees hätten sich für diese Aufgabe fürs Erste zur Verfügung gestellt, so Tesch. Weitere Maßnahme: Im Neulingslehrgang habe man auch einen theoretischen Teil über Gewaltprävention installiert.

Obwohl der Dieburger seit Jahren zu den größten Schiedsrichtertalenten seines Kreises gehört und in vielen Vereinen als anerkannter Spielleiter gilt, hat auch er schon seine Erfahrung mit einem körperlichen Angriff gemacht: „In meinem zweiten oder dritten Jahr hat mich ein damaliger A-Junior vom FV Eppertshausen angegriffen, sodass ich das Spiel abgebrochen habe.“ Der letzte schlimmere Vorfall gegen einen Schiedsrichter der Vereinigung habe vor ein paar Jahren einen Kollegen von Viktoria Klein-Zimmern ereilt: „Der wurde in den Oberschenkel getreten, hat sich dann in seine Kabine geflüchtet und seine Karriere direkt danach beendet.“

Nach dem Vorfall am Sonntag in Münster habe derweil auch ein aktueller Schiri des Kreises „alle seine Spiele zurückgegeben. Er fühlt sich momentan nicht in der Lage zu pfeifen.“

Dass man ein langes Schiedsrichterleben unterdessen auch ohne körperliche Gewalt verbringen kann, bezeugt Wilfried Wick: Der 79-jährige Dieburger, der noch immer für den SC Hassia pfeift, hat in seiner Laufbahn mehr als 3 500 Spiele fast aller Ligen geleitet. „Ich wurde in dieser Zeit nie körperlich attackiert - toi, toi, toi!“ Heiße Wortwechsel habe es freilich viele gegeben; „doch was da jetzt in Münster passiert ist, das verurteile ich ganz gewaltig. Der Ton ist rauer geworden, und der Kontakt zwischen Spielern, Betreuern und Schiedsrichtern war früher deutlich besser.“

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