Philippinenhilfe von unserer Redakteurin Lisa Hager

„Yolanda war stark ...“

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Uff, geschafft! Die Helfer sind am Ziel: Lisa Hager und ihr Mann Bruno Fuchs. Dale Escario, der die beiden in Bantayan begleitet hat, sagt: „Ihr werdet ja empfangen wie Popstars!“

„Das war der schönste Geburtstag meines Lebens!“ Diesen Satz bringe ich gerade noch heraus. Dann heulen mein Mann und ich drauf los. Die rund 800 Filippinos, die unseren Spenden-Lkw umringen, klatschen und johlen. Von Lisa Hager

„Danke, dass ihr gekommen seid“, schreien sie zu uns hoch und immer wieder: „Wir werden euch nie vergessen!“ Wie es zu dieser emotionalen Szene auf der Ladefläche eines philippinischen Mülllaster kam, ist eine lange Geschichte. Sie beginnt mit unseren türkischen Nachbarn zuhause, die mit vier Kindern zu den sozial Schwächeren gehören. Als die Bilder des Taifuns Haiyan Anfang November täglich die Abendnachrichten beherrschen, drückt mir die Mutter im Treppenhaus 20 Euro in die Hand. Sie weiß, dass wir bald auf die Philippinen abreisen. Seit Jahren helfen wir dort auf ganz privater Basis Opfern von Naturkatastrophen oder einfach den Ärmsten der Armen. Ausnahmslos haben wir es immer abgelehnt, Geld von Freunden für die Hilfe anzunehmen. Diesmal machten wir eine Ausnahme. Es folgen sechs weitere Freunde, die uns unaufgefordert Geld geben. Und so beschließen mein Mann Bruno und ich, jeden eingehenden Betrag mindestens zu verdoppeln.

Was aber sollen wir tun, wie und wo? Auf keinen Fall wollen wir uns – wie es jetzt die Journalisten und Hilfsorganisationen der ganzen Welt taten – auf das Zentrum, die Region um Tacloban stürzen. Zum Beispiel wurden die Schäden in der Stadt Guiuan, mit rund 50 000 Einwohnern auf der Insel Samar gelegen, die als erste vom Taifun Haiyan getroffen und fast völlig dem Erdboden gleichgemacht wurde, kaum von den Medien beachtet. Tacloban aber hat einen Flughafen, deshalb können die „Katastrophenjournalisten“ dort bequem einfallen. Von den betroffenen Menschen leben nur gut zwei Prozent in Tacloban. Das bedeutet, dass fast 98 Prozent woanders leiden. Warum wurde darüber kaum berichtet? Zum Beispiel, weil es wesentlich schwieriger ist, in abgelegene Regionen in den Bergen oder im Dschungel zu gelangen, oder eine mehrstündige Bootsfahrt auf sich zu nehmen.

Gedränge auf Tacloban

Vor Ort sind wir bald nach Rücksprache mit philippinischen Behörden darin bestärkt, uns nicht an dem unsinnigen Gedränge auf Tacloban zu beteiligen. Unter Berücksichtigung unserer Möglichkeiten (wir sind nur zu zweit und haben keine Organisation im Rücken) wählen wir die Insel Bantayan aus, wo mehr als 95 Prozent der Häuser zerstört oder beschädigt wurden.

Da dort 130 000 Menschen leben (zum Vergleich: in Tacloban sind es 220 000), können wir nur einem kleinen Teil helfen, da es niemand nützt, wenn wir ihm einen Löffel Reis geben. Andererseits wäre es auch unsinnig, einer Familie einen ganzen Sack zu spenden. Also wählen wir die mit 60 000 Einwohnern größte Stadt aus, die auch Bantayan heißt. Sehr große Schäden gibt es auch hier. In Bantayan fällt die Wahl auf den Ortsteil (Barangay) Baod mit 771 Familien, etwa 5000 Menschen. Wir wollen also 5000 Menschen von insgesamt etlichen Millionen Betroffenen helfen. Wenig Hilfe für die Philippinen, aber bereits eine große Herausforderung für uns.

Bantayan ist eine völlig flache Insel, umgeben von einer weitläufigen Schlickschicht. Diese Schicht und der Umstand, dass der Taifun während der Ebbe kam, rettete vermutlich mehr als 100 000 Menschen das Leben. Sonst wäre wohl die komplette Insel von der durch den Sog des Taifuns ausgelösten Welle überspült worden, mutmaßen die örtlichen Behörden.

Omnibus für den Transport

Die Polizei fährt voraus. Rund 800 Menschen erwarten uns schon.

Wir erfahren von der Möglichkeit, in einem Nachbarort einen großen Omnibus für unseren Transport zu leihen. Aber dann können wir durch mehrfaches Nachfragen bei unserer Gemeindeverwaltung in Moalboal auf Cebu in Absprache mit dem Bürgermeister den größten Müll-Laster leihen – samt Plane, denn es regnet ja immer wieder. Zeitgleich erkundigen wir uns über bereits durchgeführte Hilfsaktionen. Die Art der verteilten Dinge überzeugt uns nicht. Zum Beispiel: Wasser in Plastikflaschen: Mehr als 90 Prozent des Preises gehen für die Verpackung drauf und der Müllberg wächst.

Wir entscheiden uns daher, die nationalen Grundnahrungsmittel einzukaufen, das sind Trockenfisch und Reis. Dazu das billige philippinische Brot, da man es, anders als Reis, sofort essen kann, auch wenn gerade keine Kochmöglichkeit besteht. Leider sind die Preise infolge der Mangelsituation stark gestiegen – um etwa 50 Prozent. Wir vergleichen viele Händler und entscheiden uns dann für eine der größten Reismühlen in der Nähe von Cebu City. Aber auch dort hätten wir nur kleine Restbestände kaufen können.

Dann geschieht das kleine Wunder: Mit Hilfe des Bürgermeisters von Moalboal können wir über die Gemeinde Reis von der National Food Authority (NFA) kaufen, der aus Vietnam stammt, von der Regierung bezuschusst wird, und nur in kleinen Mengen an arme Filippinos verkauft wird. Dazu müssen wir der Gemeinde Geld geben, diese benötigt für den Kauf einen bankbestätigten Scheck, den sie 60 Kilometer entfernt besorgen muss, wodurch sich unsere Aktion wieder um einen Tag verzögert und genau auf meinen Geburtstag am 29. November fällt.

Bürokratischer Aufwand

Dieser bürokratische Aufwand aber ist nötig, um jeglichen Missbrauch auszuschließen. Denn für einen Sack Reis haben wir statt gut 2000 Peso nur 1250 Peso bezahlt. Wir kaufen den Restbestand des 20 Kilometer entfernten Großlagers auf, müssen uns aber verpflichten, den Reis nur entsprechend der Vorschriften in kleinen Mengen (maximal zehn Kilopro Familie) abzugeben. Da es viele Gerüchte über Unregelmäßigkeiten gibt, haben wir überraschend die Belege der Gemeinde geprüft, und Kopien einbehalten. Alles war absolut korrekt.

Wir erkundigen uns beim örtlichen Polizeichef nach der sichersten und besten Strecke. Allerdings folgen wir seinem Rat nicht, weil uns seine Sicherheitsbedenken für die westliche Strecke nicht überzeugen. Dann bitten wir die Polizei um Nachtwache für den bereits voll beladenen Lkw. Auch die beiden Security Guards im angrenzenden Park werden informiert. Der Truck wird auf einem eingezäunten Gelände hinter dem Rathaus fertiggemacht und mit der Plane abgedeckt. Ein Gemeindemitarbeiter und eine freiwillige Helferin sollen auf der Ladefläche mitfahren. Als Verpflegung für uns nehmen wir ein paar hartgekochte Eier, Brot und Wasser mit. Plastikschüsseln zum Umpacken vom Reis – an vieles muss gedacht werden, auch an die Telefonnummern von Fahrer und Beteiligten.

Beim Bürgermeister der Gemeinde Bantayan haben wir mindestens zehn Helfer für das Umpacken angefordert, dazu 2000 Plastiktüten, einen Begleitservice ab Fähr-Ankunft und Polizeischutz auf der Insel. Dazu hatte man uns geraten, wahrscheinlich aufgrund unqualifizierter Berichte. Der Polizeischutz stellte sich nämlich als absolut überflüssig heraus.

Philippinische „Volontärin“

Diszipliniert in Reih und Glied - und lächelnd.

Pünktlich um 2 Uhr nachts kommt auch unsere philippinische „Volontärin“ an. Um 2.10 Uhr wird ein Wachmann auf uns aufmerksam, dem wir die Situation erklären. Dann fährt ein Kollege von ihm los, um unseren Fahrer zu holen. Der ist aber bereits auf dem Weg. Bald sind zwei Menschen unter der Plane verstaut, ein Reservekanister mit Diesel gefüllt. Pünktlich um 2.30 Uhr sind wir wie verabredet unterwegs.

Filippinos sind angeblich unpünktlich. Dieser Unsinn wurde ein weiteres Mal widerlegt. Man liest das in manchen Reiseführern, die wahrscheinlich von Leuten geschrieben wurden, die weder die Landessprache sprechen, noch sich jemals ernsthaft auf die Kultur eingelassen haben. Unsere Organisation funktioniert jedenfalls wie ein Uhrwerk. Die Fahrt durch die Berge auf teilweise unbefestigten Straßen ist mühsam, der vollbeladene Lkw kann nur Schritttempo fahren. An der Küste entlang geht es dann flott voran, es ist ja noch kein Berufsverkehr.

Gegen 4.30 Uhr sind wir bereits in Toledo City, einer Großstadt mit 160 000 Einwohnern. Dort wollen wir Brot kaufen. Die erste Bäckerei kann uns keinen Rabatt geben, weil der Chef nicht da ist. Anders bei den weiteren. Sie räumen uns schnell Rabatt ein, so dass wir den gesamten Bestand aufkaufen. Alles wird penibel abgezählt und zusammengerechnet. Das Spiel wiederholen wir noch zweimal. Drei Bäckereien kaufen wir komplett leer. Schätzungsweise 3 000 Brote und Brötchen.

Dann ist es bereits 5.50 Uhr. Der Fischmarkt beginnt zu öffnen. Wir suchen einen sehr großen Händler für getrockneten Fisch und verhandeln die Preise. Die sind hier leider etwas höher als gewohnt. Wir bekommen zwischen 20 und 40 Prozent Rabatt und kaufen dafür etwa 8000 Stück getrockneten Fisch, das philippinische Standardessen. Dabei ist unsere Volontärin sehr nützlich, denn der „herb duftende“, getrocknete Fisch gehört nicht zu unseren Leibspeisen. Nachdem auch die Säcke mit dem Trockenfisch zusammen mit dem Helfer und der Volontärin auf dem Lkw unter der Plane sind, geht es weiter.

Kein Handy-Netz mehr

Dann gibt es kein Handy-Netz mehr. Unvermittelt kommen wir durch stark verwüstete Gegenden. Genau die Bilder, die man aus Berichten kennt, nur nicht in Tacloban, sondern im Norden der Insel Cebu. Überall sind Menschen emsig wie Ameisen damit beschäftigt, Ordnung ins Chaos zu bringen. Blechteile werden gesammelt, Bäume mit der Machete oder – falls vorhanden – der Säge gefällt. Kettensägen wären zu Tausenden nötig, um aufzuräumen, was der Taifun angerichtet hat. Die Straßen sind bereits überall wieder befahrbar, wenn auch eingeschränkt. Neben der Straße große Haufen gefällter und beiseite geräumter Bäume.

Lesen Sie dazu auch Teil 2:

„... aber wir sind stärker“

Kurz nach 9 Uhr sind wir an der Autofähre zur Insel. Da der Transport eines großen Lkw inklusive fünf Menschen teuer ist, verhandelt mein Mann kurz. Leider fährt die Fähre gerade los. Der Fahrplan wurde mangels Nachfrage zusammengestrichen, anders als erwartet. Wir hatten damit gerechnet, dass Tag und Nacht ununterbrochen Hilfsgüter auf die Insel gebracht würden. Aber wir waren die ganze Zeit die Einzigen. So hatten wir es uns nicht vorgestellt.

Die letzte Fähre zurück fährt schon um 16.30 Uhr ab, statt um 18 Uhr. Da wir den Lkw noch in der kommenden Nacht zurückbringen müssen – die Gemeinde braucht ihn wieder für die Müllabfuhr –, bleibt nicht viel Zeit. Um 15.15 Uhr muss die Aktion beendet sein, da über eine Stunde Weg auf der Insel zurückzulegen ist, damit wir die letzte Fähre bekommen.

Endlich kommt der „Manager“ der Fährgesellschaft, ein junger Kerl. Er gibt uns Rabatt. Da eine der zwei Anlegestellen auf der Insel kaputt ist, verzögert sich das Anlegen. Um 11.30 Uhr sind wir drüben am Anleger der Gemeinde Santa Fe. Die rechte Hand des Bürgermeisters von Bantayan, Dale Escario, wartet schon und eskortiert uns in den Ort Bantayan.

Hilfsaktion auf den Philippinen

Hilfsaktion auf den Philippinen

Vor dem Krankenhaus und der Gemeindeverwaltung laufen ein paar kleine Notstromaggregate. Sonst gibt es nirgends auf der Insel Strom. Am nur teilweise zerstörten Big Dome, einer Art Mehrzweckhalle, wo normalerweise Basketballspiele und Hahnenkämpfe stattfinden, soll umgepackt werden. Die freiwilligen Helfer machen gerade Mittag. Wir sollen uns in Spendenlisten eintragen, Bürokratie muss sein.

Zwei bis drei Tage wird das Umpacken und Verteilen dauern, erklärt man uns. Wir rechnen aus, dass wir nur zweieinhalb Stunden für das Umpacken der großen Lieferung haben, sowie eine Stunde zur Verteilung. Das scheint unmöglich. „Es ist uns egal, ob wir auf irgendeiner Liste stehen, wir müssen nur schnell fertig werden“, erklärt mein Mann. Den Barangay Captain (so etwas wie ein Ortsteil-Bürgermeister) des ausgewählten Barangays Baod bittet er dann, sofort je einen Vertreter der 771 Familien zusammenzutrommeln, so dass die Verteilung schnell starten kann.

Sofort werden die Helfer geholt, anfangs etwa 15 Frauen und Männer. Sie zeigen uns ihre eigene Technik, den Reis in die Plastiktüten umzufüllen, die viel effektiver ist. Mit Reis können sie halt umgehen. Es wird wieselartig gearbeitet, Sack um Sack schleppen die Jungs auf dem Kopf balancierend herbei.

Hier geht es zum zweiten Teil der Reportage

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