Philippinenhilfe von unserer Redakteurin Lisa Hager

„... aber wir sind stärker“

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Die Geschichte einer privaten Hilfsaktion: Wie vier Tonnen Reis, 8000 Trockenfische und 3000 Brote auf eine vom Taifun zerstörte Insel kommen. Und warum die beiden Helfer aus dem Dieburger Land auf einem philippinischen Mülllaster heulen wie die Schlosshunde.

In der nächsten Station werden jeweils etwa zehn Fische in Plastiktüten verpackt. In der dritten eine Handvoll Brötchen oder Brot zusammen mit dem Reis und den Fischen in einer größeren Tüte verstaut und zugeknotet. Von Lisa Hager

Jeweils sechs fertige Tüten kommen zurück in einen leeren Reis Sack, später wieder zurück auf den Lkw. Es geht drunter und drüber. Das Kommando über die Helfer soll ein sogenannter Ladyboy führen, also jemand der zum „dritten Geschlecht“ gezählt wird. Das funktioniert leider nicht so gut, es hätte zu lange gedauert. So muss ich mich, unterstützt von unserer Volontärin Emmerlyn, um die Organisation kümmern – und natürlich gleichzeitig mitarbeiten. Der Ladyboy ist darüber etwas eingeschnappt, muss sich aber fügen und packt mit an.

Als Schwachstelle erweisen sich die Männer, die die Fische einpacken. Sie sind viel zu langsam. So stelle ich ihnen nach und nach immer mehr Frauen zur Seite, damit der Rückstau aufgearbeitet wird. Es kommen auch immer mehr Freiwillige, so dass wir zeitweise knapp 30 Heinzelmännchen und -frauchen haben. Derweil steigen Begeisterung und Arbeitslust an unserer Umpackstation weiter, weil abzusehen ist, dass das ehrgeizige Ziel erreicht werden kann. Dass wir als Ausländer soviel Enthusiasmus zeigen, bringt uns natürlich Sympathie ein. Und alles auch noch selbst bezahlen…

Gloria ist die Schnellste. „Ich mache das jeden Tag“, beantwortet sie meine entsprechende Frage. „Außer Sonntag, da muss ich Wäsche waschen.“ Auch ihr Haus steht momentan ohne Dach da, aber hier mithelfen, damit alle zu essen bekommen, erscheint ihr wichtiger. „Wenn du so weitermachst, nehme ich dich mit nach Deutschland, Gloria“, scherze ich und streiche mir eine schweißnasse Haarsträhne aus dem Gesicht. „Okay, Lisa“, schreit sie mir beim Abschied noch hinterher: „Lisa, don´t forget my Visa!“

Der Lkw ist nach der Ladeaktion randvoll. Die Helfer haben so sauber gearbeitet, dass nicht mehr als vielleicht ein Löffel Reis am Boden verstreut ist. Hilfreich war die untergelegte Plane. Dann geht es in Richtung Baod – mit Polizeischutz. Der ist völlig unsinnig, weil wir auf der Fahrt wie Helden gefeiert werden. Von überall kommen Leute herbei, winken und rufen uns zu. Rührend die Szene an einer Schule, wo uns erst ein paar Schüler bemerken und danach die ganze Schule mit vielleicht 800 Kindern in ein Jubelkonzert ausbricht.

Was wir auf dem Weg sehen, ist bestürzend: Trümmerhaufen aus Nipa (Dachdeckmaterial aus Palmenblättern), Holz und Blech überall, Bäume wie bei einem Mikado-Spiel. Dazwischen Menschen, die wie Ameisen emsig sortieren und hacken.

„Geisterhühnerfarmen“: Alles tot

Dann kommen wir an mehreren „Geisterhühnerfarmen“ vorbei. Alles tot! Da die Barangay Hall – einem Buswartehäuschen nicht unähnlich – zerstört ist, findet die Verteilung an einem Privathaus statt. Als wir uns nähern, werden wir von den etwa 800 Menschen – mitgebrachte Babys nicht mitgezählt – begeistert empfangen. „Ihr seid ja wie Popstars!“, freut sich unser örtlicher Betreuer Dale. Nach einer kurzen Ansprache meines Mannes, die ohne Mikrofon etwas schwierig ist angesichts der Menschenmasse, singt mir die ganze Menge ein Geburtstagslied. Sogar eine Torte haben die „officials“ der Gemeinde irgendwoher organisiert. Wer hätte das erwartet in einer derart zerstörten Region. Wie kriegt man das hin?

Dann bitten wir alle – inzwischen wurde ein Batterie- Lautsprecher mobilisiert – zum Zeichen des Wiederaufbaus die Nationalhymne zu singen: „Lupang Hinirang“, was ausgerechnet „auserwähltes Land“ bedeutet. Das ist derart rührend, dass wir beide heulend auf dem Lkw stehen. Ich nehme das Mikrofon und bringe nur noch den Satz heraus: „Das ist der schönste Geburtstag meines Lebens!“

Gemeindemitarbeiter zeigen uns handgeschriebene Listen der 771 Familien und beginnen, Namen aufzurufen. Es zeichnet sich ab, dass das zu lange dauern wird. Schließlich können wir sie von einer „unbürokratischen“ Verteilungsmethode überzeugen. Mehrfach müssen wir kurz unterbrechen, weil die Lage unübersichtlich wird. Wir verteilen so schnell wir können, übermüdet, durchgeschwitzt, erschöpft.

Es ist wie ein Rausch

Es ist wie ein Rausch. Zig Hände strecken sich uns entgegen. Die Menschen schreien vor Begeisterung. Wenn man in die fröhlichen Gesichter schaut, ist es nicht vorstellbar, was diese armen Menschen eben erst durchgemacht haben. Stehen im Wald vor einem Nichts, schlafen auf der nackten Erde, aber sind bestens gelaunt. Wahrscheinlich gibt es dieses Phänomen nur auf den Philippinen. In Momenten wie diesen vergisst man Müdigkeit, Rückenschmerzen, die anstrengende Organisation, man ist einfach nur glücklich. Ein Zustand, den man nicht für alles Geld der Welt kaufen kann. Das entschädigt für alle Strapazen und zwar reichlich.

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„Yolanda war stark ...“

Als sich der Lkw allmählich leert, sind wir dem Kollaps nahe. Leider haben unsere Tüten doch nicht für alle gereicht. Einige Dutzend Menschen gehen leer aus. Anstatt sich zu beschweren, wie es ja verständlich wäre, kommen sie her, schütteln uns die Hände, bedanken sich. Es tut uns leid, dass wir nicht etwas kleinere Portionen Reis abgefüllt hatten, so dass es für alle gereicht hätte. Wir können aber mit Sicherheit ausschließen, dass etwas abgezweigt worden ist. Nur unsere Messmethode war offensichtlich etwas ungenau. So wie wir bei unserer Ankunft bejubelt wurden, so werden wir es auch bei unserer Abfahrt.

Auf dem Rückweg kommen wir nochmal bei unserer Umpackstation vorbei. Da die meisten Helfer noch da sind, haben wir jetzt auch ein Abschiedsfoto. Zehn Minuten vor Abfahrt sind wir an der Fähre, wo gerade noch Platz für unseren Lkw ist. Und dort sehen wir die ersten ausländischen Helfer an diesem Tag: drei Mediziner aus Frankreich. Ich möchte nicht behaupten, dass auf der Insel keine Hilfe ankommt. Aber: Außer den drei Franzosen haben wir nur ein kleines Zelt gesehen, das vom Roten Kreuz gespendet wurde. Sonst nichts. Für uns war es nicht die komplizierteste Aktion, die wir bislang organisiert haben. Aber es war die, die am besten geklappt hat und uns am meisten ans Herz ging.

Hilfsaktion auf den Philippinen

Hilfsaktion auf den Philippinen

Die Heimfahrt geht zum Glück glimpflich ab. Unser Fahrer ist wie wir sehr erschöpft. Nur hat ein Sekundenschlaf bei ihm schlimmere Folgen als bei uns Beifahrern. So müssen wir uns von Dorf zu Dorf, von Kaffeeautomat zu Kaffeeautomat hangeln, damit er uns nicht einschläft. Mehrfach machen wir kurze Pausen, damit er sich ausruhen kann. Immer wenn uns auffällt, dass er während der Fahrt nicht mehr wie üblich hupt, halten wir nach dem nächsten Koffeinspender Ausschau.

Um 3 Uhr früh, also nach 26 Stunden, endet die Aktion. Auf dem Heimweg teile ich meine etwas ramponierte Geburtstagstorte mit vier jungen Kellnerinnen (Monatsverdienst um die 40 Euro), die um diese Zeit noch arbeiten müssen. Sie singen mir – unter viel Geklatsche – das zweite Geburtstagslied. Auch sie danken uns, dass wir ihren Landsleuten geholfen haben. Und dann kommt bei einer der jungen Frauen die typische philippinische Haltung des „Immer-wieder-Aufstehens“ durch: „Yolanda war stark, aber wir sind stärker“.

Hier geht es zum ersten Teil der Reportage

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