Gespräch mit vier jungen Dieburgern der neuen Partei / Stadtverordnete live im Netz?

Piraten auf Gersprenz gesichtet

Klar zum „Ändern“ (von links): die Dieburger Piraten Markus Brechtel, Isabelle Sattig, Tobias Grunert und Jan Wölfelschneider. Foto: Dörr

Dieburg - Egal wie man sie findet - an der Piratenpartei kommt derzeit keiner vorbei, der politisch interessiert ist. Vor allem auf Bundesebene und in den Ländern, in denen sie die Landtage „geentert“ haben, sind sie in vieler Munde. Von Jens Dörr

Im Landkreis gibt es schon seit 2006 aktive Piraten - bislang noch eher unbeachtet. Das ändert sich gerade - und am Samstag zeigten sie auch auf dem Marktplatz Flagge. Dort standen mit Isabelle Sattig, Markus Brechtel, Tobias Grunert und Jan Wölfelschneider vier junge Dieburger (alle ohne offizielles Parteiamt), um über ihre Arbeit zu informieren. Im Interview mit dem DA sprachen sie über ihre Motivation und die Idee, die Sitzungen des Stadtparlaments eines Tages live zu übertragen.

Klärt mich bitte auf: Wer sind die Piraten im Landkreis und in Dieburg?

Markus Brechtel: Im Landkreis gibt es schon seit der Gründung der Piratenpartei 2006 aktive Piraten. Durch das starke Wachstum der Partei sind wir jetzt auch vermehrt im Kreis tätig und organisieren Stammtische und Informationsveranstaltungen. Die erst kürzlich initiierten Stammtische im Kreis finden jeden ersten Montag im Monat in Dieburg (19 Uhr, „Zur Rose“) und jeden zweiten Freitag im Monat in Groß-Umstadt (19 Uhr, „Journal“) statt. Unsere Mitglieder gehören den unterschiedlichsten Alters- und Berufsgruppen an. Zwischen 18 und 70 kann man bei uns jedes Alter antreffen. Alle eint der Wille, sich politisch zu engagieren. Im Moment nutzen 20 Mitglieder, davon vier aus Dieburg, die Möglichkeit, sich auf kommunaler Ebene zu beteiligen. Den Kreisverband gibt es seit 2009, 2011 fusionierte er mit Darmstadt zum Kreisverband Darmstadt/Darmstadt-Dieburg. Einen reinen Stadtverband Dieburg gibt es nicht. In der Piratenpartei gibt es seit jeher sehr flache Strukturen. Der Vorstand wird jährlich gewählt und vertritt die Partei nach außen. Die inhaltliche Arbeit wird von der Basis gelenkt.

Was motiviert Euch? Wart Ihr zuvor schon in anderen Parteien oder allgemein politisch und gesellschaftlich engagiert?

Markus Brechtel: Mein Interesse für Politik war schon früh geweckt und begann 2003 in Form einer Demonstration gegen die Kürzungen im Bildungswesen. In den folgenden Jahren habe ich angefangen mich für netzpolitische Themen zu interessieren und wurde Mitglied im Chaos Computer Club. Als ich 2006 von der Bürgerrechtsbewegung in Schweden hörte, begann mein Wunsch, auch in Deutschland eine entsprechende Gruppierung zu gründen. Daher beteiligte ich mich nicht nur an den Vorbereitungen, sondern wurde auch Gründungsmitglied der Piratenpartei Deutschland.

Isabelle Sattig: Vor meiner Aktivität bei den Piraten war ich politisch nie besonders aktiv. Was sich jedoch änderte, als ich 18 Jahre alt wurde. Auf einmal sah ich die Möglichkeiten, etwas zu ändern, statt nur zuzuschauen, da jeder Anträge einreichen und programmatisch mitarbeiten kann. Ich habe den festen Glauben, dass das, was ich als eine bessere Welt ansehe, möglich ist. Ich arbeite selbst darauf hin, indem ich in einer Hilfsorganisation aktiv bin und mein Konsumverhalten und meinen Lebensstil entsprechend meinen Werten und Idealen gestalte. Ich finde, die Piraten haben in ähnlicher Weise einen Idealismus, den sie in die Politik einzubringen versuchen. Dies habe ich bei den etablierten Parteien oft vermisst.

Jan Wölfelschneider: Ich war generell schon immer sehr politikinteressiert, konnte mich jedoch mit der Art und Weise der Entscheidungsfindung nicht anfreunden. In der Piratenpartei werden Beschlüsse basisdemokratisch getroffen, was mir in anderen Parteien fehlt. Neben der Piratenpartei bin ich auch für die Johanniter aktiv.

Tobias Grunert: Ich bin in der Piratenpartei, weil ich mich für mehr direkte Demokratie und mehr Transparenz in Staat und Wirtschaft einsetzen möchte. Die Piratenpartei geht hierbei mit gelebter Basisdemokratie und den Möglichkeiten des Internets mit gutem Beispiel voran. Dies unterscheidet die Piratenpartei von den etablierten Parteien, die meiner Ansicht nach mit einem Delegiertensystem weit davon entfernt sind, wahre Demokratie zu praktizieren. Es begeistert mich zudem die Offenheit gegenüber dem Bürger. Jeder Bürger kann zu unseren Stammtischen und Parteitagen kommen oder unsere Mailinglisten lesen, ohne dafür Mitglied sein zu müssen.

Sind es die Inhalte der Bundespartei, die Euch bewegen, oder vor allem lokale Themen? Ihr vier als Dieburger: Welche Dieburger Themen liegen Euch besonders am Herzen - und wie sehen Eure Positionen dazu aus?

Markus Brechtel: Früher haben mich vor allem Themen auf Europa- und Bundesebene interessiert, heute beschäftige ich mich mit politischen Themen auf allen Gliederungsebenen. Auf kommunaler Ebene möchte ich erreichen, dass die Bürger besser in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Aus meiner Sicht ist es besonders wichtig, die Menschen in die Lage zu versetzen, die kommunalpolitischen Fragestellungen vollständig nachvollziehen zu können. Die Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung per Video live zu übertragen und auf der Webseite zu veröffentlichen, wäre ein erster Ansatz, dem gerecht zu werden.

Isabelle Sattig: Ich arbeite an den Themen Umwelt- und Tierschutz, bei denen ich noch Erweiterungsbedarf sehe. In Dieburg möchte ich konkret die typischen „Piratenthemen“ Transparenz und Bürgerbeteiligung erreichen. Mir ist wichtig, dass jeder Bürger die Möglichkeit hat, nachzuvollziehen, wie und mit welcher Begründung eine Entscheidung gefällt wurde. Nur so kann man gegebenenfalls in den Entscheidungsprozess eingreifen.

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