Plappern ganz vergessen

Erdkunde mal anders: Lehrerin Sabine von Mörner hat es sich mit den Zweitklässlern Fatima (9, vorne) und Christian (7) zum Schmökern auf dem Boden gemütlich gemacht. Foto: Hoven

Dieburg - (hov) Marlina liegt auf dem Tisch. Fatima und Christian haben es sich mit Lehrerin Sabine von Mörner auf dem Boden gemütlich gemacht.

Derweil haben Sven und Hendrik die Schuhe ausgezogen, einen Vorrat an Süßigkeiten angelegt und sich mit Robin Hood in einer Ecke eingerichtet. „Das macht endlich mal Spaß und ist viel besser als Unterricht“, betont der achtjährige Sven. „Ja, das kann man laut sagen“, stimmt Hendrik entschlossen zu. Anarchie in der Marienschule? Nein, Bücherwurmtag.

Der Projekttag fand am Donnerstag erstmals in der Dieburger Grundschule statt, und Rektor und Initiator Lothar Oberle war von der Premiere sehr angetan. Auch wenn er gerne mehr Zeit gehabt hätte, die Sache gründlicher vorzubereiten. „Aber wir haben Zeitmangel mit Improvisationstalent ausgeglichen“, lacht er. Aus den altersübergreifenden Angeboten wurde also nichts. Und das „Promi-Vorlesen“ wurde nach der Absage von Dr. Bürgermeister Werner Thomas kurzerhand zur „Vorlesewerkstatt“. Aber Hauptsache, es wird gelesen am 23. April, dem weltweit ausgerufenen Feiertag für das Lesen und für Bücher. Seit 1996 feiert Deutschland den „Welttag des Buches“ der UNESCO mit. Buchhandlungen, Schulen und Bibliotheken organisieren am Todestag von Shakespeare und Cervantes alljährlich Veranstaltungen rund ums Buch.

Die literarischen Klassiker sind für die 300 Schützlinge der Dieburger Grundschule natürlich ein paar Nummern zu groß. Doch auch hier wird einiges geboten. Eine professionelle Theatergruppe ist eigens aus Belgien angereist, um den „Bücherwurm“ lebendig werden zu lassen. Die ehemalige Konrektorin Anita Bosselmann und Schulsekretärin Susanne Gotta legen sich bei Vorleserunden mächtig ins Zeug, Hausmeister Horst Mann trägt die Erlebnisse von Detektiv Nick Nase stilecht mit Hut und geheimnisvoller Mine vor. Und dass man keine Stecknadel fallen hört, während Rektor Oberle Cornelia Funkes „Tintenherz“ ausschüttet und den „kleinen Drachen Kokosnuss“ vorträgt, liegt ausschließlich daran, dass niemand eine mitgebracht hat. Aber wozu braucht man auch Stecknadeln, wenn so eine wundervolle Stille herrscht. Mit der ist es natürlich aus, als nachmittags der Elternbeirat zum Bücherflohmarkt auf den Schulhof lockt.

Aber vorher, da beschäftigen sich die Grundschüler in 19 Workshops mit Büchern und dem Lesen. Von der Autoren-Werkstatt (Astrid Lindgren, Ottfried Preußler oder Wilhelm Busch) bis zum Basteln von Lesezeichen reicht das Repertoire, das viele das Plappern vergessen lässt. Bei einigen klappt es natürlich trotzdem nicht mit der absoluten Konzentration. „Gibt es eigentlich auch etwas, wofür du dich wirklich interessierst?“, fragt Lehrerin Karin Sommer eine Schülerin, die durch ihr zappeliges Verhalten immer wieder Unruhe in den Gesellschaftsspiel-Workshop bringt. „Ja, fürs Fernsehen“, pampt die Drittklässlerin zurück. Aber auch und gerade solche Momente bestätigen den Direktor in seinem Engagement für den Bücherwurmtag, dem „Großereignis für die Marienschule“.

Lehrerin Sabine von Mörner, die mit ihren Zweitklässlern noch immer gemütlich am Boden liegt und die Schmökerrunde quasi als besondere Variante einer Erdkunde-Stunde auskostet, ist vom neuen Projekttag ebenso überzeugt wie ihr Chef. „Die Atmosphäre ist schön und wir haben endlich Zeit, uns in Ruhe mit Büchern zu beschäftigen.“ Dass ihre Schüler das genauso sehen, beweist die siebenjährige Marlina ganz beiläufig. Beherzt hat sie zum Band mit dem Titel „Schule ist klasse!“ gegriffen. „Das stimmt heute“, strahlt sie und verschwindet wieder zwischen den Buchdeckeln.

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