Power-Eltern und Hardcore-Mütter

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Nicht nur als Familienberater spitze: Jan-Uwe Rogge strapazierte die Lachmuskeln seines Publikums.

Dieburg (ula) ‐   Ein grimmiger Blick in 250 erwartungsvolle Gesichter. „Möchte ich bei ihnen Kind sein?“ säuselt er. Dann: „Nein!!“ Mit einer solchen Klatsche zum Auftakt hat in der Sporthalle der Marienschule keiner gerechnet.

Mit der Visite des deutschen „Erziehungsgurus“ Jan-Uwe Rogge hatten unbedarfte Zuhörer noch die naive Vorstellung eines wissenschaftlichen Vortrages verknüpft. Weit gefehlt. Das pralle Leben selbst wurde beim Bestsellerautor und Familientherapeut zur Realsatire. Mit Geschichtchen und Episoden führte Rogge „Power-Eltern“, „Hardcore-Mütter“ und deren „pädagogisches Vollwertprogramm“ vor - derart charmant, charismatisch und von Ironie triefend, dass kein Auge trocken blieb.

Da musste sich ein Papi sogar den Kopf halten. Die Marienschule hatte ihre Sporthalle spontan für die Veranstaltung der Bücherinsel zur Verfügung gestellt.

Während er sich als kabarettistischer Rhetoriker, ein süffisantes Lächeln im Gesicht, behutsam zum Höhepunkt seiner Geschichten vorarbeitete, wappneten sich Väter, Mütter und Pädagogen im Publikum gegen die nächste Watsche. Die kam, so sicher wie die Pickel im Gesicht des pubertierenden Nachwuchses, dessen Tyrannei verzweifelte Menschen in den Vortrag trieb. „Mütter sind immer im pädagogischen Nirwana“, witzelte der Dozent, „Väter sind anders: Die lassen die Bolognesesoße länger anbrennen!“ Zwei Jahre lang hatte sich die „Bücherinsel“ um den Besuch Rogges bemüht. Und endlich war im prall gefüllten Terminkalender des ehemaligen nautischen Assistenten der Bundes- und Handelsmarine Platz: „Was Kinder heute brauchen“, verriet er bei seinem humorvollen Gastspiel in Dieburg.

Goldene Regeln für das perfekte „Gedeihen“ des Nachwuchses konnte der Familienberater zwar niemandem mit auf den Weg geben. Mit seinem humoristischen Ausflug in den bitteren Alltag mit kleinen Nervensägen, Haustyrannen, Trotzkopf und Co, hielt er seinem Publikum den Spiegel vor. Botschaft: Weg von Perfektionismus, modernen Absolutheitsansprüchen, und Übermutterideologien. „Eltern heute sind so omnipotent, dass sie noch die eigenen Eltern miterziehen!“ Sein Credo: Mütter dürfen durchdrehen, Fehler sind menschlich.

Französischer Weißwein als Heilmnittel ist legitim

Völlig legitim nach einem strapaziösen Tag sei das Heilmittel im Kühlschrank: ein Fläschchen französischer Weißwein. Und überhaupt: Humor sei die Grundlage jeder Erziehung. Wermutstropfen: „Man will heute alles planen, aber Erziehung ist wirkungsunsicher!“, so die Botschaft, „und wenn du während der Erziehung denkst, du siehst Licht am Ende des Tunnels, schau genau hin: Es könnte der entgegenkommende Zug sein.“

Statt allgemein gültiger Erziehungsweisheiten zum Besten zu geben, machte der Dozent bekannte Alltagssituationen transparenter - wenn sich der Nachwuchs beispielsweise an der Supermarktkasse in einem cholerischen Anfall am Boden windet.

Rogge, der mit 1,7 Millionen verkauften Büchern als Erziehungsexperte in Deutschland die Spitzenposition hält, tröstete alle Verzweifelten: „Wenn sie nachher beschwingt nach Hause gehen, wecken sie das Kind und sagen: Du bist normal.“

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