Frisöre und Tischler legen ihre Gesellenprüfung ab

Präzision mit Föhn und Fuchsschwanz

Die angehende Frisörin Saskia Krebs stylt Freundin Sabrina Heusel zur „Lady of the castle“ um.

Dieburg - (hov) Die Locken fallen perfekt über die Schulter, die Türen des Garderobenschränkchens sanft und sauber ins Schloss. Dass die Auszubildenden der Friseur-Innung Dieburg-Erbach ihr Handwerk in den vergangenen Jahren ebenso solide beherrschen gelernt haben wie die der Tischler-Innung Dieburg, daran mag man beim Blick auf ihre Gesellenstücke gerne glauben.

Nur eine Qualifikation können weder die angehenden Frisöre, noch die Tischler nachweisen: Der Auftragslage mehr Volumen zu verleihen oder an der Konjunkturschraube zu drehen, da suchen selbst die Ausbilder und Innungs-Oberen noch nach dem passenden Werkzeug.

16 Lehrlinge treten in diesen Tagen im Salon der Kreisberufsschule zur Gesellenprüfung in der Friseur-Innung Dieburg-Erbach an, sechs weitere sind während der dreijährigen Ausbildung auf der Strecke geblieben. Acht Prüflinge haben den praktischen Teil bereits hinter sich, den übrigen stehen die „echt anstrengenden Tage“ in der nächsten Woche bevor. Einen Schnitt samt Fön-Frisur für den Herrn und die Dame müssen die Prüflinge in der Pflicht ebenso präsentieren wie die Dauerwelle oder das Einarbeiten von Haarteilen. Dazu eine kosmetische Gesichtsbehandlung. In der Gesellenprüfung muss es aber noch ein bisschen mehr sein: Aus einem Damenmodell eine „feierliche“ Gesamtkomposition zu kreieren, das ist die Kür. Kein Wunder also, dass am Prüfungstag auch mal eine Braut durch die Landrat-Gruber-Schulflure flaniert. Oder die „Lady of the castle“. „Ich habe mir dieses Thema ausgesucht, weil ich mich gerne mit der Gothic-Szene beschäftige“, erzählt Saskia Krebs, die ihre Ausbildung in Gelas Frisierstudio in Lengfeld - dem Betrieb ihrer Mutter - macht. Also wird Freundin Sabrina Heusel zum „Gesellenstück“ samt edler Robe, Federschmuck und Röschen im gelockten Haar. Sogar ihren Arbeitsplatz hat die 20-jährige angehende Frisörin mit Kerzen, Samt und Blumen dekoriert, das Gesamtbild stimmt. „Ich hab’ schon im August angefangen, an meiner Freundin zu üben, und anfangs ging schief, was schief gehen konnte.“ Besonders die Suche nach dem passenden Kleid sei eine Herausforderung gewesen. Doch die Mühe hat sich für Saskia Krebs gelohnt; die Prüfungskommission – Fachlehrerin Petra Loos-Steinmann, Prüfungsvorsitzender Andreas Koch und Arbeitnehmervertreter Timo Seemann – ist beeindruckt.

Trotz der vielversprechenden Leistungen des Nachwuchses plagen Detlef Faust aus Dieburg, den Obermeister der Friseur-Innung Dieburg-Erbach, laut einer Pressemitteilung der Innung Sorgen. Die Mitgliederzahl sinkt jährlich, derzeit sind es im Odenwaldkreis und Altkreis Dieburg nur noch 66 Betriebe. Zudem schießen Ein-Mann-Betriebe wie Pilze aus dem Boden, werben mit Billigangeboten Kunden ab. Weil die jedoch in Krisenzeiten weniger Geld in den Taschen haben, gehen viele auch seltener zum Frisör.

Nicht frei von Sorgen ist auch die Tischler-Innung Dieburg, bei der derzeit sieben Lehrlinge ihre Gesellenprüfung in der Kreisberufsschule ablegen. Ein achter muss wegen einer Verletzung die Prüfung nachholen. Vier Lehrverträge wurden während der Ausbildungszeit gelöst. Wer antritt, hat sein Gesellenstück in 100 Stunden erstellt – darunter eine Esszimmeranrichte, ein edler Nachttisch, ein Barschrank und Varianten des Garderobenmöbels. Die Ergebnisse gefallen der fünfköpfigen Prüfungskommission: „Es geht von ,sehr gut‘ bis ,ausreichend‘, alle haben solide gearbeitet, auch wenn in diesem Jahr kein Stück besonders herausragt“, zieht LGS-Lehrervertreter Manfred Brückmann Bilanz. Nun warten auf die Prüflinge noch die theoretische Prüfung und die Handprobe, bei der ein Möbelstück nur mit kleinem Werkzeug unter Aufsicht angefertigt werden muss.

Innungs-Obermeister Johann Wandingers (Münster) Furcht, dass der Berufsschul-Standort in Dieburg angesichts sinkender Ausbildungsbereitschaft der Tischlerbetriebe nicht aufrecht erhalten werden kann, ist laut Fachlehrer Ralph von Kymmel derzeit nicht mehr akut nötig. „Aus unserer Sicht ist der Standort derzeit überhaupt nicht gefährdet“, betont er. Die Innung habe großes Interesse daran, den Standort zu erhalten. Deshalb wurde vor einigen Jahren die Unterrichtsgestaltung in Dieburg reformiert, Lehrlinge des zweiten und dritten Lehrjahres werden teilweise gemeinsam unterrichtet.

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