Die Geschichte eines unbekannten Denkmals

Der „Prußenstein von Dieburg“

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Am Eingang ins Industriegebiet-Nord steht der „Prußenstein von Dieburg“ – ein nahezu unbekanntes Denkmal.

Dieburg - Das vermutlich weltweit einzige Denkmal, das an das Volk der Prußen erinnert, steht in Dieburg: der „Prußenstein von Dieburg“. Seit Jahren ist dieser im Industriegebiet Nord zu finden, dürfte den meisten Dieburgern aber trotzdem unbekannt sein. Von Stephanie Stiefler

Tag für Tag passieren unzählige Menschen den Findling, der auf der Grünfläche Ecke Frankfurter Straße und Lagerstraße steht, aber kaum jemand nimmt Notiz von dem Stein. Dabei ist er etwa 1,50 Meter hoch, also nicht so einfach zu übersehen. Die Inschrift auf dem Stein lautet „Pruse 1283“, die Erläuterungstafel direkt daneben verrät: „Dieses Denkmal, als ,Prußenstein von Dieburg’ bekannt geworden, erinnert als einziges der Welt an das Volk und Land der Prußen, denen Preußen und Borussia ihren Namen verdanken. Stiftung Tolkemita“ Aber dem Betrachter hilft das meist nicht weiter, wirft vielmehr neue Fragen auf: Prußen? Tolkemita? Und was hat das mit Dieburg zu tun?

Um dies zu verstehen, muss man fast 40 Jahre zurückschauen. „Hauptakteure“ waren damals Ruth und Hans-Gerd Kauffmann, ein Ehepaar, das sich nach den Wirren des Krieges in Dieburg niedergelassen hatte. Den älteren Dieburgern ist Hans-Gerd Kauffmann vielleicht noch als evangelischer Pfarrer in Erinnerung: Er war ab 1968 in der Justizvollzugsanstalt sowie in der Kirchengemeinde Münster tätig.

Ab den 1970er-Jahren befasste sich die gebürtige Ostpreußin Ruth Kauffmann verstärkt mit der Geschichte des „Volkes ohne Schatten“, wie das untergegangene Volk der Prußen einmal von einem Wissenschaftler genannt wurde – und mit der Geschichte ihrer Familie, die aus dem uralten Prußen-Geschlecht der Tolkmitt stammt.

Zunächst gründete das Ehepaar im Jahr 1980 einen prußischen Freundeskreis, aus dem später die „Prußenarbeitsgemeinschaft Tolkemita e.V.“ hervorging. Benannt wurde die Vereinigung nach der ehemaligen Prußenburg „Tolkemita“, die in der Nähe der polnischen Stadt Tolkmicko (früher: Tolkemit) am Frischen Haff liegt. Der Verein war sehr rührig, gab etliche Schriften („Tolkemita-Mitteilungen“ sowie „Tolkemita-Texte“) heraus, Prußen-Treffen wurden veranstaltet, Dokumente, Bücher und Schriften über die Prußen gesammelt. Dies alles geschah, um die Geschichte, Kultur und Religion dieses baltischen Volkes zu pflegen und in der Öffentlichkeit darzustellen.

Bilder vom Schlossgartenfest in Dieburg

Den „Prußenstein von Dieburg“ ließen die Kauffmanns auf ihrem Grundstück in der Werkstraße 4 im Jahr 1983 errichten, 700 Jahre nach einem für die Prußen wichtigen Ereignis. Denn im Jahr 1283 war der letzte von ursprünglich einem Dutzend Prußenstämmen vom Deutschritterorden besiegt worden, was die Aufschrift „Pruse 1283“ auf dem Granitfindling erklärt. Dieser ist ein „Denkmal für das Volk und das Land, in dem die Prußen und ihre Nachfahren 3 000 Jahre lebten“, erläuterten die Kauffmanns in einem Text für den Prußen-Freundeskreis aus dem Jahr 1984. Damit ist die Herkunft des Prußensteins und die Bedeutung der Inschrift geklärt. Aber wie kam der Stein auf seinen jetzigen Platz?

Das erklärt sich durch folgenden Sachverhalt: Zusätzlich zum Verein gründeten die Kauffmanns im Jahr 1988 die Stiftung Tolkemita, deren Sitz zunächst Dieburg war. Der Dieburger Anzeiger titelte am 29. September 1988: „Stadt nun im Vorstand der Stiftung Tolkemita“. Stiftung und Verein wurden im Jahr 2008 nach Potsdam verlegt, die Stadt Dieburg hat zu der Stiftung keinen Kontakt mehr.

Als das kinderlose Ehepaar Kauffmann 1994 verstarb, bedachte es in seinem Testament die Stadt Dieburg und die Stiftung Tolkemita mit Haus und Grundstück Werkstraße 4. Im Rahmen des Verkaufs des Anwesens wurde der Prußenstein von der Stadt zunächst in die Nähe des Bahnübergangs der Dreieichbahn (Am Bauhof) und im Zuge des Umbaus des dortigen Bahnübergangs dann auf den heutigen Standort versetzt. Dort steht der Stein gut sichtbar, aber kaum jemand nimmt Notiz von ihm.

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