Vom Radkäppchen und dem bösen Golf

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Als Sprachjongleur und an der Gitarre ein Meister seines Fachs: Willy Astor.

Dieburg ‐  Kaum zu glauben, dass Willy Astor bereits seit 25 Jahren auf der Bühne steht, so aktuell sind seine Texte. Und doch, in seinem Programm „Tonjuwelen“ präsentiert Astor das Beste aus (s)einem Vierteljahrhundert Bühnenkarriere. Von Verena Scholze 

Der bayrische Komödiant und Gitarrist gastierte am Mittwochabend in der sehr gut besuchten Campus-Halle und bot dem Publikum Unterhaltung auf höchstem Niveau. Das wortgewaltige Sprachgenie ist ein Mann der leisen Töne, auf schrille und reißerische Possen oder Anspielungen unter der Gürtellinie kann er getrost verzichten. Dafür begeistert er die Zuschauer mit gewaltigen Wortspielen, bei denen man sehr konzentriert zuhören muss, um nur keinen Gag zu verpassen. Sein Humor zeugt von intellektuellen Anspruch, und das Publikum lacht bei Astor nicht unter Niveau. Für Personen mit einer etwas längeren Leitung ist dieser Künstler jedoch ungeeignet. Wer zu lange über ein Wortspiel nachdenkt, hat das nächste schon verpasst.

Gleich zu Beginn steigt er in den Dialog mit dem Publikum ein und speichert jede noch so kleine Information ab, um sie bei passender Gelegenheit einfließen zu lassen. Besucherin Simone, die bei der Messe Frankfurt arbeitet, konnte auf die Frage nach ihrem Wohnort nicht schnell genug antworten. So wurde sie kurzerhand in „Messe-chussettes“ wohnhaft.

Guter Draht zum Papst macht sich bezahlt

Die Interaktion mit dem Publikum ist sein Ding: „Ist das schön hier, so viel Spaß hatte ich lange nicht mehr“, wurde Astor nicht leid, immer wieder zu betonen.

Auch zum Papst hat der Komödiant einen guten Draht, von Bayer zu Bayer sozusagen. So kennt er die Hobbys des katholischen Kirchenoberhauptes: „Ich male gerne, besonders amAbend-mal“. Auch per Handy, dem „papa mobil“ hat er direkten Kontakt zum Papst und besitzt sogar die persönliche Mailadresse, die er nur dem Dieburger Publikum mitteilte: urbi@orbi.

Auch weiß er, dass der Oberhirte gerne singt, ein „Rat-Singer“ eben, die „P-Riester-Rente“ mag oder sich im Urlaub gerne mal an einem „Ministrand“ (Ministrant) aufhält und sich sonnt, bis weiße Wölkchen aufsteigen.

141 Filmtitel zu einer Geschichte gezimmert

Ob in wortgewaltigen Geschichten oder in seinen Liedern - Astor baut aus mehrdeutigen Wörtern Satzkonstrukte, die einen neuen (Un)-Sinn ergeben. Als er die Liebesgeschichte vom „Radkäppchen, dem bösen Golf und Kater Lysator“ erzählt, ist das Publikum aus dem Häuschen. Sein Märchen baut er aus Autoersatzteilen zusammen.

In viereinhalb Minuten packt der Wortjongleur 141 Filmtitel hintereinander zu einer einzigen Geschichte. „Ben, zähl mal mit, ob die Zahl stimmt“, fordert er den neunjährigen Besucher auf, mit dem er das Hobby Gitarre spielen teilt. Oder der Ausflug in die Literatur, bei dem er sich Fragen stellt, wie „War Hermann Hesse“ oder „Ist Ranicki Reich?“

Heimisches Gefühl in der Dieburger Halle

An dem Abend in der Campus-Aula beweist Astor, dass sein Herz besonders für die Franken und die Hessen schlägt. So stellt er im schönsten fränkischen Dialekt fest: „Mein Dackel ist speckig - was ein Speggdaggl (Spektakel).“ Und nur in Hessen gibt es ein Wort, in dem vier Mal „Sch“ vorkommt, nämlich „Schornsteinfegerärsche“.

Dass sich Astor in Dieburg heimisch fühlt, zeigt er auch an seinen zahlreichen Zugaben. Das Publikum fühlt sich ebenfalls in der großen Astor-Familie aufgenommen. Zum Abschluss seines fast dreistündigen Programms entführt er die Zuschauer mit dem Titel „Nautilus“ seiner aktuellen CD („Sound of Islands“) in eine andere Welt. Krönender Abschluss eines gelungenen Abends, den das Publikum mit lang anhaltenden Applaus zu würdigen weiß. Wer noch kein Fan von Astor war, jetzt ist er es bestimmt geworden.

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