Anwohnern des Nordrings stinkt’s

Raserei, Krach, Lkw-Abgase in Dieburg

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Appell via Beschilderung: Die mehrsprachige Aufforderung an Lkw-Führer im Nordring fruchtet nur teilweise. Die Anwohner pochen auf ein lebenswertes Wohnen und eine sichere Verkehrssituation in ihrem Quartier.

Dieburg - Der Magistrat wurde zum Auftakt seiner Besuchsreihe „Dieburger Quartiere“ im Nordring vorstellig – um gemeinsam mit Bürgern nach Lösungen für ein lebenswertes, sicheres Wohnen im Nordring zu suchen. Von Ursula Friedrich 

Der Ostwind pfiff am Samstag heftig um die Nase, sodass die Krisensitzung in die Warenannahme des Ateliers Schelter verlegt werden musste. Gut so, denn rund 50 Anwesende hatten beim Auftakt der Reihe „Dieburger Quartiere“ des Magistrats Redebedarf. Doch auch hier wehte eine ordentliche Brise: Die Mängelliste, die Anwohner der nördlichsten Dieburger Straße durchweg sachlich vorbrachten, war umfassend. Ausgangssituation: Der Nordring ist ein Mischgebiet, das sowohl Gewerbe und Industrie als auch Wohnbebauung in Ein- und Mehrfamilienhäusern aufweist.
Hier gelten andere Regeln als in reinen Wohngebieten, etwa was die zulässigen Lärmpegel (65 Dezibel am Tag, 50 nachts) betrifft. Damit, und mit dem großzügigen Straßenzuschnitt, der zum rasanten Fahren verleiten mag, zeichnet sich eine Kernproblematik ab. Anwohner pochen auf ein lebenswertes Wohnen und eine sichere Verkehrssituation. Insbesondere Anlieferverkehr, schwere Lkw, kleinere Sprinter, oder Temposünder unter den Pkw-Fahrern konterkarieren jedoch die Sehnsucht nach weniger Lärm, Abgasen, Müll und Raserei.

Bürgermeister Frank Haus sammelte Beschwerden: zu schnelles Fahren, Missachtung der Vorfahrtsregelung (rechts vor links), Lärmbelastung durch Schwerlastverkehr (vor allem nachts), fehlende Beleuchtung, wilder Müll, Krach durch neu aufgestellte Glascontainer (Ecke Liebigstraße), Dieselabgase durch unbemannte Lkw, deren Fahrer beim Bäcker ein Frühstück einkaufen, während der Motor tuckert. „Es wird so gerast, da herrscht das Gesetz des Stärkeren“, beklagte eine Anwohnerin.

Mit Anwohnern und Firmenchefs auf Augenhöhe: Der Magistrat startete seine „Quartiersbesuche“ am Samstag im Nordring.

Bürgermeister Haus war gut vorbereitet. Die Polizeistatistiken wiesen den Nordring nicht als Unfallschwerpunkt aus – im Gegenteil. Durchschnittlich sausten nicht mehr Verkehrssünder durch den Nordring als anderswo, wusste der Rathauschef, allerdings seien Raser mit Spitzengeschwindigkeiten von 80 Stundenkilometern gemessen worden. Das Aufstellen fester Radarfallen wurde verworfen – es rechnet sich nicht. Den Effekt zweifelte der Rathauschef an. Die Hoffnung manchen Anwohners nach Tempo 30 auf dem Nordring erstickte Haus im Keim. Nach einer Ortsbegehung mit der Unteren Verkehrsbehörde und der Polizei kamen die Entscheidungsträger zum Schluss, dass Tempo 50 bleiben soll. „Wir bräuchten mehr Radverkehr und mehr Fußgänger, die die Fahrbahn kreuzen“, so der Magistratschef. Stattdessen sollen Fahrbahnverengungen und -markierungen sowie „aufgeklebte Verkehrsinseln“ die Attraktivität zum schnellen Fahren schmälern.

Auch für ein gefordertes Nachtfahrtverbot für Lkw machte der Bürgermeister keine Hoffnung. Zusätzlich Schilder, die den anliefernden Brummiverkehr alternativ über die Lagerstraße leiten, verwarf Frank Haus als wenig hilfreich. „Die meisten Lkw-Fahrer orientieren sich nach dem Navi und wählen die vorgegebene Route“, so der Bürgermeister. Um Verkehrsströme zu lenken, müsste Kontakt zu den Softwarebetreibern gesucht werden, die spezielle Navi-Software für Lkw-Fahrer entwickeln.

Auch Toilettenhäuschen für Schwerlastfahrer lehnte der Bürgermeister ab. Kritik: Berufsfahrer werfen nicht nur Müll und Unrat ex und hopp aus dem Fenster. Das Urnieren im Freien, ja sogar das Hinterlassen menschlicher Fäkalien auf dem Bürgersteig wurde beanstandet. „Dieburg geht es gut. Aber unseren Speckmantel haben wir Gewerbe und Industrie zu verdanken“, resümierte Evelin Allmann (Gewerbeverein), „der Nordring ist ein Mischgebiet. Wir müssen ein Miteinander finden.“ In einem ersten Schritt werden Anwohner, die ihre Email-Adresse hinterließen, in den städtischen Verteiler aufgenommen, der über alle Anstrengungen informiert, die angepackt werden. „Wir werden nicht alle Probleme lösen“, so der Bürgermeister. Sensibilisiert wurde er für das Thema Beleuchtung. Auch den Ausfällen beim schnellen Internet will der Magistrat auf den Grund gehen.

Die Anbindung des Nordrings per ÖPNV ist auf einem guten Weg, die Busroute steht. Mit der Nahverkehrsgesellschaft DaDiNa würde abgeklärt, wo künftig Bushaltestellen eingerichtet würden – barrierefrei versteht sich. Ein Dauerbrennerthema seien die knappen Kita-Plätze gestand der Bürgermeister ein. Das unbefriedigende Betreuungsangebot für Kinder im Kindergartenalter hat der Bürgermeister auf der Agenda. Die Kita Dreikäsehoch liegt dem Nordring am nächsten. „Es gibt dort eine gewisse Selektion“, erklärte Haus, der ein Gespräch mit der Leitung des Trägervereins führen möchte. Für die kleinsten Bürger gelte die Regel „kurze Beine, kurze Wege“.

Quelle: op-online.de

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