Wanderung durchs Messeler Hügelland

Im Reich des Ziegenmelkers

Die sechsjährige Leonie bestaunt einen Käfer. Fotos: Just

Dieburg - „Wir müssen sehr leise sein“, sagt Uwe Avemarie von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises. Die rund 20-köpfige Gruppe folgt ihm daraufhin bedacht an einen abgestorbenen Baum nicht weit vom Skihügel der Moret. Von Michael Just

Ohne Rinde und Äste, dafür mit zahlreichen Löchern, ragt dieser kerzengerade in den Himmel. „Da oben brütet ein Buntspechtpaar. Spechte sind Pioniere, die nicht für immer in dem Loch bleiben. Dann folgt oft ein Kauz oder Bienen“, weiß der Experte.

Während man die hungrigen Mäuler schreien hört, fliegt ein Alttier mit Futter im Schnabel heran. Ins Loch geht’s aber erst, als sich die Gruppe zum Weiterziehen entschließt.

Auf Einladung des Regierungspräsidums Darmstadt konnte am Samstag die Natur im Projektgebiet „Messeler Hügelland“ erkundet werden. Anlass war der bundesweite Aktionstag „Gemeinsam Wandern - Deutschlands Vielfalt erleben“. Mit Blick auf den biologischen Artenreichtum ging das Ziel einher, dessen Schutzbedürftigkeit zu erkennen. Los ging es am Naturfreundehaus, im Mittelpunkt der Erläuterungen von Uwe Avemarie und Revierförster Peter Sturm standen der Moret-Hang als Brutstätte der seltenen Vogelart des Ziegenmelkers und die Dieburger Tongruben, deren Biotop-Charakter derzeit gefördert wird.

Dass sich der Ziegenmelker auf der Moret ansiedelte, ist vor allem dem Sturm „Wiebke“ vor 20 Jahren zu verdanken, denn der Bodenbrüter liebt seine Umgebung schwach bewachsen. 50 Hektar Wald wurden damals vernichtet. Damit der seltene Ziegenmelker sich auch weiterhin wohl fühlt, werden Hecken und junge Bäume auf dem Skihügel regelmäßig entfernt. Gesehen haben Sturm und Avemarie den Vogel mit der perfekten Tarnung noch nicht, nur gehört. Seit jeher ist die Nachtschwalbenart geheimnisumwittert: Einst glaubten die Menschen, dass er Schafen und Ziegen die Milch aussaugt. Daher rührt sein Name.

Das Naturschutzprojekt „Messeler Hügelland“ gibt es seit zwei Jahren. Zum Erhalt der dortigen Lebensräume hatten sich 2010 das Land, der Kreis und weitere Partner zusammengeschlossen. Die große Artenvielfalt, die hier anzutreffen ist, bringt vor allem der strukturreiche Übergang des Odenwalds in die Rhein-Main Ebene mit sich. 9 000 Hektar umfasst das Gebiet, für das es nur ein relativ kleines Budget von jährlich 50 000 Euro gibt. Dies fließt zum Teil in die ehemaligen Dieburger Tongruben im Stadtwald, die schon die Römer nutzten. Über die Jahrhunderte wurden kleine Tümpel daraus. Die werden derzeit neu ausgebaggert und vernetzt. Ganzjährig wohl fühlen sich hier seltene Amphibienarten wie Gelbbauchunke, Salamander oder Molche.

Viel Neues erfuhren die Wanderer und staunten beispielsweise über das Klettenlabkraut, das als Vorbild für den Klettverschluss diente. Und kaum einer wusste, dass die Nacktschnecke Penicilin absondert, um ihre feuchte Oberfläche pilzfrei zu halten. „Wir dürften nur zu einem geringen Teil wissen, was in der Tier- Pflanzenwelt für Möglichkeiten schlummern“, sagte Gabriele Fillbrandt, RP-Dezernatsleiterin für den Bereich Schutzgebiete.

„Gerade im Boden sind noch viele Abläufe unbekannt“, bestätigte Avemarie und erinnerte an die Pilze, die sich dort über hunderte von Metern verzweigen können. Man laufe zwar drauf, „und dennoch wissen wir gar nicht, was unter uns alles so abgeht.“

Zum Teil mit ganz einfachen Mittel sensibilisierten die Wanderführer für die Natur: „Achten Sie doch einfach mal auf die verschiedenen Grüntöne im Wald“, schlug Avemarie beispielsweise vor.

Kommentare