„Mit Gewissen nicht zu vereinbaren“

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Kündigung von Intensiv-Ärzten des St. Rochus Krankenhauses / Mediziner contra Klinik-Leitung

Dieburg ‐ Das St. Rochus Krankenhaus bekommt eine Intensivstation, wird zum Beatmungszentrum, richtet eine ärztliche Notdienstzentrale ein, erhält ein Katheterlabor und kooperiert auf diesem Gebiet mit der Kreisklinik in Groß-Umstadt. Von Laura Hombach

Eine Erfolgsmeldung nach der anderen war in den letzten zweieinhalb Jahren über das Krankenhaus im Herzen Dieburgs zu verkünden: Seit Montag dieser Woche blicken die Dieburger wieder intensiv in Richtung „ihres“ Krankenhauses, diesmal aber eher mit besorgter Miene. Denn die kollektive Kündigung von vier Ärzten der Intensivstation hat viele Fragen aufgeworfen.

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Fürsorge erste Pflicht

Zu Wochenbeginn hatten der Leiter der Intensivstation, Dr. Patrick Schmenger, der Leitende Oberarzt Dr. Andreas Herwig, der Oberarzt Dr. Daniel Gütlich und der Assistenzarzt Dr. Gregor von Nagy ihre Kündigung eingereicht. Eine Ärztin, die im Rahmen einer Kooperation mit der Uniklinik Mainz in Dieburg tätig war, geht nach Mainz zurück. Auf der Intensivstation verbleibt lediglich eine Ärztin mit halber Stelle.

Besorgte Mienen am Montag bei der Pressekonferenz der Intensiv-Ärzte: Dr. Andreas Herwig (l.) Dr. Patrick Schmenger und Dr. Gregor von Nagy verkünden, dass sie und ein weiterer Kollege die Kündigung eingereicht haben.

Die Intensiv-Ärzte begründen ihr Vorgehen am Montag in einer Pressekonferenz damit, dass Anforderungen an sie herangetragen worden seien, die sie mit ihrem Gewissen den Patienten gegenüber nicht hätten vereinbaren können. Die Formulierung ist bewusst vage gehalten, weil die Ärzte Repressalien und rechtliche Konsequenzen fürchten. Man könne sich nicht erklären, um welche Anforderungen es sich dabei handeln solle, so am Dienstag Krankenhaus-Chef Markus Bazan in einer nun seitens der Klinik einberufenen Pressekonferenz. Eine solche Anforderung kommt im Gespräch mit der Krankenhausleitung dann aber doch auf den Tisch: Die Mediziner sollten im Bedarfsfall während ihrer Schicht auf der Intensivstation auch für Einsätze als Anästhesisten im Kreißsaal zur Verfügung stehen. Als reine Notfallmaßnahme will das die Krankenhausleitung verstanden wissen. Die Ärzte dagegen sehen darin eine generelle Regelung, die nicht mit ihrer Fürsorgepflicht gegenüber dem Patienten vereinbar ist.

Ärzte wandten sich schließlich an den Pfarrer

Laut Bazan sei ein solcher Einsatz der Intensiv-Ärzte im Kreißsaal übliche Verfahrensweise und durch Vorgaben der Landesärztekammer gedeckt. Bei der Landesärztekammer weiß man von solchen Vorgaben ihrerseits allerdings nichts. „Solche Regelungen müssen die Krankenhäuser selbst treffen“, erklärt Katja Möhrle, Pressereferentin der Landesärztekammer auf Nachfrage unserer Zeitung.

Dass die Ärzte einen rapiden Vertrauensverlust zwischen ihnen und der Krankenhausleitung im letzten halben Jahr beklagen, findet Bazan verwunderlich. In zahlreichen Gesprächen mit der Krankenhausleitung habe man die Probleme zu klären versucht - vergeblich, so schildern es die Ärzte. Von zahlreichen Gesprächen wisse er nichts, so Bazan.

Die Ärzte wandten sich schließlich an Pfarrer Alexander Vogl als Vorstand der St. Rochus Stiftung und führten weitere Gespräche mit Mitgliedern des Kuratoriums. Vogl und die angesprochenen Mitglieder des Kuratoriums trugen die Problematik, die inzwischen ihren Niederschlag in einer mehrseitigen Liste gefunden hatte, zum Bischöflichen Ordinariat Mainz. „Als die Verantwortlichen aus Mainz dann der Krankenhausleitung den Rücken gestärkt haben, blieb uns nur die Kündigung“, so Schmenger. Eine Stellungnahme zu der Problematik wollte das Bischöfliche Ordinariat gestern auf Anfrage unserer Zeitung nicht abgeben.

Abteilung als „sein Baby“

Solche Personalveränderungen passieren im Krankenhauswesen immer wieder“, kommentiert indes Krankenhaus-Sprecher Jörg Nolte die Vorgänge. Man habe sich ohnehin bereits seit einem halben Jahr um weiteres Personal für die Intensiv-station bemüht, so Bazan. Neben einem Ausbau der Station auf 21 Betten sei zudem eine völlige Neuausrichtung angedacht. Statt wie bisher mit Anästhesisten, soll die Station künftig verstärkt mit Internisten besetzt werden. Pulmologen (Lungen-Fachärzte) und Kardiologen sollen eine neue Ausrichtung des Beatmungszentrums zulassen.

Der Betrieb an der Intensivstation könne auch nach dem Weggang des bisherigen Ärzteteams zum Jahresende und ohne Einschränkungen aufrecht erhalten werden. Dem Krankenhaus sei bei einer extern beauftragten Revision noch im November dieses Jahres attestiert worden, dass die neu eingeführten Strukturen im St. Rochus Krankenhaus effektiv und professionell seien. „Die Patienten sind in Dieburg gut versorgt“, ist Bazan überzeugt.

Während die Ärzte als Grund für die Kündigung ihren Gewissenskonflikt angeben, hat die Krankenhausleitung dafür andere Erklärungen. Schmenger, der die junge Intensivstation seit Juni 2008 mit aufgebaut hatte, habe von Anfang an einen hohen Grad an Freiheit genossen. Deshalb hätten hier überzogene Autonomieansprüche bestanden.

Mit Verwunderung quittiert Bazan, dass „Dr. Schmenger das, was er aufgebaut hat, jetzt nicht weiter betreiben will“. Und in der Tat bezeichnet dieser die Abteilung als „sein Baby“. Gerade deshalb sei ihm und seinen Kollegen die Entscheidung nicht leicht gefallen. „Aber wir wollten die von uns begonnene Arbeit nur so fortführen, dass wir es auch verantworten können“, so Schmenger.

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