Schulunterricht wie vor 150 Jahren

Rohrstock als Erziehungsmittel

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Wer in der Klasse Antwort geben wollte, musste aufstehen. Ansonsten hatten die Hände meist brav auf dem Pult zu liegen – und bekamen auch mal den Rohrstock zu spüren.

Dieburg - Schulunterricht erleben wie vor 150 Jahren - dazu lud der Heimatverein Dieburg kürzlich in die Marienschule ein. Das historische Klassenzimmer im Knabenschulhaus bildete dabei die passende Kulisse. Von Fabian Sell 

Und das Interesse an dieser Zeitreise war enorm: Als die verkleidete Schulmeisterin Karin Gottlieb samt Schülern den frisch renovierten Raum betraten, saßen die Zuschauer in Schulbänken, auf zusätzlichen Stühlen oder standen gar am Eingang. Unbesetzt waren lediglich vier harte, dunkelbraune Doppelbänke in den ersten Reihen - waren diese doch reserviert für neun schauspielernde Schüler der aktuellen vierten Klasse.

Stehend beginnt der Unterricht mit einem Gebet. Strengen Blickes und mit der Haselnussrute in der Hand schreitet Karin Gottlieb dann durch die Reihen. „Warst du heute in der Kirche?“, fragt sie den einzigen Jungen. „Nein, weil ich auf dem Feld helfen musste.“ Es ist nicht die Antwort, die die Schulmeisterin mit dem strengen Dutt hören möchte. Sie fordert ihn auf, das Wort „Kirche“ zu buchstabieren. Auch dies misslingt. Nun muss er aufstehen, ihr den Rücken zuwenden und bekommt zur Strafe – angedeutete – Hiebe auf den Hintern.

„Dorfschulmeisterin im Schwabenland“

Das waren noch Zeiten: Die Schülerinnen mit der historischen Haartracht beginnen den Unterricht mit einem gemeinsamen Gebet. Schule wie vor 150 Jahre zeigte jetzt der Heimatverein Dieburg mit der gestrengen, aber gerechten Lehrerin Karin Gottlieb am Pult.

Ruhig sitzen die Mädchen da – und kerzengerade. Auf diese Weise soll Haltungsschäden vorgebeugt werden. Als die Schulmeisterin durch die Reihen geht, liegen ihre Hände flach auf den Tischen. Penibel prüft die Lehrerin die Fingernägel auf Sauberkeit. Der Sinn für Reinlichkeit soll mit dieser Kontrolle - insbesondere bei den Bauernkindern - geweckt werden. Hier, im historischen Klassenzimmer der Marienschule, vermitteln die Schüler jene Angst vor dem Lehrer, die damals im Unterricht präsent war. Allerdings genossen die Lehrer in der Gesellschaft kein hohes Ansehen, wie die Schüler mit dem spöttischen Volkslied über ein „Dorfschulmeisterin in einem Dorf im Schwabenland“ verdeutlichen. So singen sie von dem armen Lehrer, der sich bei Hochzeiten den Magen vollschlägt, Holzbalken von Baustellen stiehlt und nach dem Tod „auf seinem Mist“ begraben liegt.

Frauen hingegen waren im Lehrberuf um die Wende zum 20. Jahrhundert unerwünscht, wie Gottlieb später erläuterte. „Die Frau ist der Berufsausübung körperlich, geistig und nervlich nicht gewachsen“, zitierte sie aus einem Dokument des Schulmuseums Ludwigshafen. Demnach würden Mädchen, die mit 20 Jahren „in blühender Schönheit in ihr Amt treten, schon nach sechs bis acht Jahren wie alte Jungfern aussehen“. Ohnehin gelte: „Der männliche Lehrer ist geeignet für die Erziehung der Mädchen.“ Schließlich könne nur der Mann das Weib erziehen. Denn er wisse besser als sie selbst, welche Eigenschaften ihm an ihr am besten gefielen.

Wie seltsam teilweise auch die Lehrerauswahl erfolgte, erläuterte Karin Gottlieb anhand eines Protokolls aus dem Jahre 1729. So hatten sich in einem Auswahlverfahren auf dem Lande fünf Männer gemeldet: ein Schuster, ein Weber, ein Schneider, ein Kesselflicker und ein einbeiniger Unteroffizier. Der hohen Bedeutung der Religion im Schulalltag entsprechend, mussten die Bewerber drei Kirchenlieder singen. Mit Zungenbrechern aus dem alten Testament („Joktan zeugte Almodad, Scheleph, Chazarmawet, Jerach“) kamen auch ihre Fähigkeiten im Buchstabieren auf den Prüfstand.

Am Ende bekam der Weber die Stelle, gleichwohl der Kesselflicker und der Unteroffizier gut abschnitten. Doch sei dem Kesselflicker nicht zu trauen, da dieser durch die Lande streiche. Und beim Unteroffizier äußerte man die Vermutung, dass er die Fuchtel zu stark gegen die Kinder gebrauchen würde. Dass auch im Unterricht der Marienschule der Rohrstock einst zum Einsatz kam, das bestätigte Hans Dörr, der vor über 70 Jahren hier Schüler war. 1903 wurde die Marienschule erbaut. Jene fragwürdigen Erziehungsmethoden der damaligen Zeit wie sie manch alter Dieburger noch erlebt hat, gibt es heute – gottseidank – nur noch im Schauspiel.

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