Ruhe ist das „A und O“

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Ein schneereicher Winter ist für das Wild keine einfache Zeit. Jagdpächter appellieren an Spaziergänger, ihre Hunde in Wald und Flur anzuleinen. Das Wild sollte vor zusätzlichem Stress geschützt werden.

Dieburg/Groß-Zimmern ‐  Es ist bereits der zweite harte Winter in Folge und diesmal fiel der erste Schnee besonders früh. Was des einen Freud' ist, ist des anderen Leid: Viele Menschen nutzen die weiße Pracht für lange Spaziergänge oder Ausflüge in Wald und Feld. Von Verena Scholze

Diese Aktivitäten wiederum bringen besonders bei den momentanen Verhältnissen das Wild in Gefahr, denn Schnee und Eis setzen Reh, Hirsch und Wildschweinen heftig zu. Und die Winterausflügler sorgen noch für zusätzlichen Stress. Im Winter geht die Körpertemperatur des Rehwilds nach unten, um den Energieverbrauch niedrig zu halten. Infolge dieses Abkühlens sind die Tiere weniger aktiv und auch weniger fluchtbereit. Wird nun diese Ruhephase durch Einflüsse des Menschen gestört, muss das Wild mehr fressen, um die Energie wieder aufzubauen.

Nur wenn das Wetter bis zum März so bleibt, wird es für das Wild kritisch

Im Bereich des Dieburger Waldes ist das Wild bislang noch in guter körperlicher Verfassung, wie Thomas Schmalenberg vom Forstamt berichtet. „Der Pulverschnee ist weniger das Problem“, sagt er. Erst wenn sich durch Tauwetter und neuen Schnee eine feste Eisschicht bildet, ist die Nahrungsaufnahme für die Tiere gefährdet. Bislang reichen dem Wild die noch erreichbaren Brombeerblätter zum Äsen aus. „Es ist ein normaler Winter wie wir ihn früher hatten“, sagte Schmalenberg, so dass Zufütterung, wie sie laut Gesetz vom 1. Januar bis zum 31. April erlaubt ist, nicht nötig ist. Kritisch wird es erst, wenn das Wetter bis Ende März so bleibt, dann werden die ersten Frischlinge geboren.

Dem kann der Klein-Zimmerner Jagdpächter Walter Angermeier nur zustimmen. Angermeier ist seit 1957 Jagdpächter und Jäger und betreut eine rund 300 Hektar große Fläche rund um Klein-Zimmern, die von der Gersprenz als Lebensader durchzogen wird. Bereits zu Beginn der Achtziger Jahre hat er auf den freien Flächen Feldholzinseln angelegt. „Dort stellt sich das Wild ein“, berichtet er. Auch er sieht derzeit keine Notwendigkeit zuzufüttern, denn der Groß-Zimmerner Wald bietet Rehwild und Wildschweinen noch genügend Nahrung. Angermeier ist oft selbst unterwegs und befreit die Bäume und Büsche von den Schneelasten, um sie zugänglicher für das Rehwild zu machen.

Der Mensch ist das größte Problem

Das größte Problem bei dieser Witterung stellt der Mensch für das Wild dar: Viele ziehe es jetzt mit Schlitten, Skiern und Hunden in den Wald. sagt Angermeier. Die Besucher dringen oft rücksichtslos in den sehr beengten Lebensraum der Tiere ein, bewegen sich abseits der Wege, bringen Unruhe in den Wald und scheuchen oftmals das Rehwild auf. Viele Rehe finden unter kargen Bäumen oder Hecken kaum noch Deckung und Schutz.

Angermeier weiß davon aus eigener leidvoller Erfahrung zu berichten. Bereits im November hatte er den ersten Wildschaden zu verzeichnen, einen von inzwischen fünf. „So viele hatten wir die vergangenen Jahre nicht zu beklagen“, sagte er. Viele Hundebesitzer leinen ihre Tiere nicht an und lassen sie frei durch den Wald und übers Feld laufen. Oftmals kommt es hier zu Zusammenstößen, bei denen das Wild aufgescheucht und in Panik versetzt wird. Wenn das Wild mit einem Tunnelblick losrennt, ist die Verletzungsgefahr auf dem harschen Boden besonders groß, die schlanken Läufe können bei der Flucht verletzt werden. Und wenn der Hund noch anfängt zu hetzen, hat das Tier meist keine Überlebenschance.

Zwei Fälle, bei denen nur noch der Gnadenschuss half

So wurde Angermeier unlängst zu einem knapp einjährigen Wild gerufen, das schwer verletzt zwischen den Gitterstäben eines Rolltors aufgefunden wurde. Auf der Flucht wollte sich das verendende Reh noch verzweifelt durch das enge Tor zwängen. Angermeier konnte nichts mehr tun, als das Tier von seinen Qualen zu erlösen. Ein anderes Tier wurde mit gebrochenen Schulterblättern und zerquetschtem Magen aufgefunden. Auch hier blieb nur der Gnadenschuss.

Der Appell an die Spaziergänger, Jogger und Hundebesitzer ist eindeutig: Ruhe ist das „A und O“ für die Tiere. „Bleiben Sie auf den ausgeschriebenen Wegen und meiden Sie Hecken und dichtes Gehölz. Lassen Sie Hunde an der Leine oder nur an großen überschaubaren Flächen frei laufen. Das Wild wird es Ihnen danken“, sagt der erfahrene Jäger.

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