Ruhe für gestresste Frankfurter

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Beim Einkehrtag im Kapuzinerkloster kam am Ende ein gemischter Kreis aus Klein- und Großstädtern zusammen.

Dieburg ‐  „Ich bin gekommen, weil mir die Vorweihnachtszeit zu hektisch ist. Ich möchte wenigstens an einem Tag im Advent Stille und den Sinn dieser Zeit spüren“, sagt Hannelore Wenzel. Von Michael Just

Die 51-jährige Frankfurterin gehört zu den rund 20 Teilnehmern, die im Kapuzinerkloster am „Einkehrtag im Advent“ teilnahmen. Die Idee kam von Bruder Harald vom Kapuzinerkloster Liebfrauenberg in Frankfurt. Da das Kloster mitten in der Innenstadt liegt und keinen Garten besitzt, hatte er die Idee, die gestressten Großstädter in Dieburg zur Ruhe kommen zu lassen. Da am Einkehrtag auch in der Dieburger Bevölkerung Interesse bestand, kam am Ende ein gemischter Kreis aus „Klein- und Großstädtern“ zusammen.

In Frankfurt bedeutet der Advent vor allem, Geschenke kaufen“, ergänzt Wenzel. In der City abschalten, den Alltag hinter sich lassen und Zeit für sich haben, sei dort nur schwer möglich. Die Worte der Arbeitsamtsangestellten bestärken Bruder Harald in seiner Überzeugung, mit diesem Angebot eine Sehnsucht von Stadtmenschen zu erfüllen. „Ich glaube, viele Menschen suchen so etwas“, so der 40-Jährige.

„Wo stehe ich, wo will ich hin?“

Der Tag begann mit einem Rundgang im Kloster, um Oasen zum Verweilen zu zeigen. Dann folgte ein Einführungsgespräch, bei dem Bruder Harald Hilfestellung für den Einstieg in Meditation und Kontemplation gab. „Man kann einfach mal in Ruhe dasitzen und in sich hineinhören. Wer will, macht die Sache konkreter, indem er ein Bild betrachtet oder einen Psalm liest“, so der Kapuziner.

Das Leben gezielt zu sortieren, sei eine andere Möglichkeit der Einkehr. Dabei könnten ungeklärte Dinge aus der Vergangenheit erörtert werden. Dann sollte man sich der Frage „Wo stehe ich gerade und wo will ich hin?“ stellen. Nach der kleinen Einführung war jeder Teilnehmer vor und nach dem gemeinsamen Mittagessen auf sich alleine gestellt, die Stille aufkommen zu lassen. Das konnte in der Kapelle, im Klostergarten, in der Bibliothek, beim Malen oder auch bei einem Spaziergang durch Dieburg geschehen. Ein persönliches Gespräch mit einem der Patres war ebenso möglich. Dass diese individuelle Einkehr einen ganzen Tag lang einigen Teilnehmern zu lange werden könnte, glaubt Bruder Harald nicht: „Im Urlaub flimmert auch die ersten Tage noch der Alltag vor den Augen rum, erst später beginnt man wirklich abzuschalten.“

Pause machen, durchatmen, das Leben sacken lassen

Hannelore Wenzel sieht mit Blick auf die mehrstündige Einkehr für sich kein Problem. Sie hat sich Lesestoff mitgebracht und will auch ein bisschen malen. „Langweilig wird es mir nicht“, sagt sie. „Manchmal fahre ich eine ganze Woche lang zum Urlaub in ein Kloster“, erzählt die 51-Jährige. Dort soll es dann ganz still um sie werden und alles weitestgehend ohne Gespräch ablaufen.

Eine Pause machen, durchatmen und das Leben sacken lassen, sieht auch Bruder Harald nicht nur als ein hilfreiches Vorhaben, sondern als notwendigen Lebens-Einschnitt. Er vergleicht die Folgen der Meditation, durch die es oft zu einem inneren Aufbruch komme, mit einem Pflanzentrieb, der abbricht oder abgeschnitten wird: „Die Bruchstelle scheint zuerst schmerzlich. Doch dann bricht neues Leben hervor.“

Auch die Adventszeit stehe für Aufbruch, dafür, dass „immer wieder etwas in uns neu geboren wird“. Menschen sieht der Mönch deshalb alle als „Adventskinder“ an. „Am besten verfährt der, der sich diese Botschaft nicht nur in der Vorweihnachtszeit, sondern das ganze Jahr vor Augen führt“, so der Kapuziner.

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