Heimatverein macht wieder ganz schön Theater

Beim „Safter“ und im „Kolpinghaus“: Saftige Heimatgeschichten

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Die Schauspieler des Stücks „Vom Katholischen Gesellenverein zur Kolpingsfamilie“ (oben) und die von „Beim Safter Jakob“ (unten).

Dieburg - Nicht nur die Nachtwächter sind alljährlich die Stars der gleichnamigen Rundgänge des Dieburger Heimatvereins. Die informativen Trips durch die Innenstadt sind in der Adventszeit auch wegen der unterhaltsamen Theater- szenen stets ausverkauft. Von Jens Dörr 

Aufs Neue würzt der Heimatverein seit der Premiere gestern Abend die Nachtwächter-Rundgänge der aktuellen Saison mit zwei kleinen Stücken. Mehr als 20 Darsteller machen bei insgesamt zehn Aufführungen das Dieburg vor einigen Jahrzehnten wieder lebendig. Eine Szene präsentiert der Heimatverein wieder im Steinweg – allerdings in einem anderen Hof als im vergangenen Jahr. „Beim Safter Jakob“ nennt sich das rund 15-minütige Stück, das aus der Feder von Sonja Werner stammt und auf Grundlage von Gesprächen mit der Familie Jakob geschrieben wurde. Ehrensache, dass die Schauspieler in schönstem „Dibboijerisch“ schwätzen.

Dargestellt werden unter anderem „Safter“ Josef Jakob, seine – in der Szene noch ganz jungen – Söhne Friedel und Karl-Josef sowie Tochter Christel. Besonders charmant: Ein echter Enkel, eine Enkelin und sogar eine Ur-Enkelin der Jakobs spielen in der Szene andere Mitglieder der eigenen Familie. Das kurze Stück handelt im Nachkriegs-Dieburg, und natürlich (ohne den hunderten Rundgängern der nächsten Wochen schon zu viel zu verraten) dreht sich alles ums Saftmachen. „Erdbeerwoi“ darf’s dabei allerdings auch mal sein. Schließlich zählen auch die Amerikaner in Babenhausen zur Kundschaft des kleinen Dieburger Betriebs. Das Schauspiel endet mit Reimen: „De Äbbelwoi, de Äbbelwoi – den trinke mehr liewer als de Woi vom Rhoi! Is nit ner gut fer die Gelenke – er dudd sogor de Blutdruck senke!“

Einen etwas ernsteren Hintergrund hat die zweite Szene mit dem Titel „Vom Katholischen Gesellenverein zur Kolpingsfamilie“. Urheberin ist Monika Dambier-Blank, die als Textquellen Artikel des Dieburger Heimatforschers Valentin Karst sowie Monsignore Pfarrer Richard Neumann herangezogen hat.

Die Szene, die in einem Hof der Steinstraße (unweit des Originalschauplatzes) gezeigt wird, schildert die Umbenennung des „Katholischen Gesellenvereins“ zur „Kolpingsfamilie“. Mit dem zweiten Namen waren nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 weniger Schwierigkeiten verbunden. Die Darsteller nehmen zunächst ins Jahr 1925 und in die Gaststätte „beim Köllisch“ mit. Vier Jahre später sichert sich der Gesellenverein das ehemalige Reichspost-Haus in der Steinstraße und will „im neie Kolpinghaus“ nicht nur Handwerksgesellen eine Bleibe geben (stets ein wichtiges Anliegen des sozial eingestellten katholischen Priesters Adolph Kolping), sondern zudem eine Wirtschaft betreiben. Auch die Dieburger Kerb soll hier mehrfach gefeiert werden. Fast schon klar, dass die Männer zwar die großen Reden schwingen, die Arbeit aber meist an den Frauen hängen bleibt.

Zum Schluss klärt die Erzählerin darüber auf, dass das bis dato äußerst erfolgreiche Kolpinghaus in der „Stoagass“ mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geschlossen wurde und in das Gebäude später etwa der Kindergarten St. Josef einzog. Die Kolpingsfamilie fand Aufnahme im „Café Mayer“. Als es schloss, um Platz zu machen für die heutige Durchfahrt von der Rheingaustraße zum Leer-Parkplatz, zogen die Kolpingbrüder (und zu dieser Zeit auch schon -schwestern) in ihr heutiges Domizil, das Pater-Delp-Haus, um. Womit sie nach Jahrzehnten wieder in die Steinstraße zurückkehrten.

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