Ein ehemaliger jüdischer Mitbürger spendet für die Orgel

Scheck aus Kalifornien bedeutet mehr als Geld

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Im Buch „Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg“ schauen Pfarrer Alexander Vogl (links) und Bürgermeister Dr. Werner Thomas nach, wo die Familie Hain gewohnt hat.

Dieburg (eha) ‐ „Hoffentlich klappt alles mit eurer Orgel. Jedes bisschen hilft.“ Diese netten Worte hat Herbert Hain aus dem sonnigen Kalifornien zum Jahreswechsel an den Bürgermeister seiner Heimatstadt geschrieben.

Aber der Gruß des im kalifornischen Santa Monica bei Los Angeles wohnenden ehemaligen Journalisten, der im Juni 90 Jahre alt wird, ist nicht das einzige, was Stadtoberhaupt Dr. Werner Thomas auf den Tisch flatterte. Dem netten Brief angeheftet ist ein Scheck über 100 Dollar, der für die anstehende Anschaffung einer neuen Orgel für die Wallfahrtskirche gedacht ist. Hintergrund: Thomas hatte zu Weihnachten Karten mit dem Orgelmotiv verschickt und im Text auf die Notwendigkeit einer Neuanschaffung - die alte Orgel soll möglichst originalgetreu rekonstruiert werden (wir berichteten) - hingewiesen. Eine dieser Karten hat Thomas an Herbert Hain in den USA schicken lassen, der Dieburg in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder besucht hatte.

Herbert Hain hat seine Heimatstadt allerdings nicht freiwillig verlassen, um in die Vereinigten Staaten zu emigrieren: Er ist als einer von zwei Söhnen von Max und Frieda Hain (eine geborene Heil) in der Steinstraße in einer jüdischen Familie aufgewachsen. Als Fünfzehnjähriger wanderte er 1936 in die USA aus. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Kurt war schon 1934 in die Staaten emigriert, die Eltern folgten 1937.

Herbert Hain war später als Journalist auch als Kriegsberichterstatter tätig und kam in diesem beruflichen Zusammenhang sogar nach Dieburg zurück. Von ihm gibt es ein Foto aus der Zeit der Besatzung Dieburgs durch die Amerikaner, das ihn an einer Schreibmaschine in einer zerstörten Turnhalle zeigt.

In dem Standardwerk zur Geschichte der Juden in Dieburg von Günter Keim berichtet Herbert Hain auch selbst vom Schicksal seiner Familie. Dort ist er auch mit einem Foto aus dem Jahr 1986 vertreten, als er für die Ausstellung „The Occupation of Dieburg“ persönlich Dokumente an den damaligen Bürgermeister Ludwig Steinmetz übergeben hatte (Seite 309).

Dass Dieburg die dunkle Zeit der Nazizeit aufgearbeitet hat, weiß Hain zu schätzen. Für die Sonderausstellung „Jüdisches Leben in Dieburg“, die 2009 im Museum gezeigt wurde, bedankt er sich deshalb auch ausdrücklich in seinem Brief an den „Werten Herrn Bürgermeister“.

Dass Hain keinerlei Ressentiments gegenüber seiner alten Heimatstadt hat, zeigt sich nicht nur daran, dass er für die Orgel einer christlichen Kirchengemeinde spendet. Es zeigt sich auch an dem Wunsch, den er am Schluss seines Briefes äußert: „Allen Dieburgern Glück und Frieden.“

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