Greift Denkmalschutz in die Pläne ein?

Schlachthof unter Verdacht

Über die Zukunft des alten Dieburger Schlachthofs wird heute bei einem Ortstermin der Landesdenkmalpflege entschieden.

Dieburg -   „Der Schlachthof ist denkmalverdächtig.“ Mit dieser kurzen Bemerkung gelang Kreisdenkmalpflegerin Liane Mannhardt ein Paukenschlag in der Sitzung des Bauausschusses am Montagabend. Eigentlich war sie wegen des Mühlturms und der Änderung der Gestaltungsssatzung in die Sitzung gekommen.

Dann griff sie aber in die Diskussion um das Schlachthofgelände ein und sorgte erstmal für eine Art Schockzustand bei den Ausschussmitgliedern.

Mit dieser Möglichkeit, das abbruchreife über 100 Jahre alte Gebäude, könnte plötzlich als erhaltenswürdig erachtet werden, überraschte sie alle. Sollte das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt werden, würden damit auch alle derzeit kursierenden Zukunftspläne zunichte gemacht. Gerade sollte es nämlich in der Sitzung um die Pläne der Rüsselsheimer Projektentwicklungsgesellschaft „Merkur“ gehen, die auf dem Gelände ein Seniorenzentrum mit rund 110 Plätzen bauen möchte. Die Unternehmer hatten die Stadt gebeten, ihnen das Gelände für neun Monate zu reservieren, um konkreter planen zu können.

Dass dieser „Denkmalsverdacht“  mit ihrer Funktion als Kreisdenkmalpflegerin zu tun haben könnte, wies Mannhardt von sich. „Ob ein Kriterium der Schutzwürdigkeit zutrifft, wird das Landesamt für Denkmalpflege entscheiden, und zwar in einem Ortstermin am Donnerstag“, kündigte sie an. Sie und ihre Mitarbeiter von der Unteren Denkmalschutzbehörde seien nur „Streetworker vor Ort“.

Heute also wird sich klären, wie es mit dem rund 6 000 Quadratmeter großen Gelände zwischen Albinistraße und Frankfurter Straße weitergehen wird. Am Abend soll darüber im Haupt- und Finanzausschuss, wo das Thema Schlachthof erneut auf der Tagesordnung steht, berichtet werden.

Diese Entscheidung müsse man abwarten, war die einhellige Meinung. Ansonsten gehe es Dieburg wie der Gemeinde Groß-Zimmern, die erst kürzlich ihre Pläne für das abbruchreife Haus Hirschkopf - eine alte Hofreite, in der auch Geflügel geschlachtet wurde - wegen Einspruchs der Denkmalpflege die Gersprenz runter gehen sah.

„Das hier ist eine völlig neue, ganz fatale Entwicklung“, versuchte in der Sitzung Wilhelm Reuscher (FDP) seine Verblüffung in Worte zu fassen. „Ich bin schon enttäuscht, dass einem das nicht schon mal früher gesagt wurde.“

Eigentlich wäre „dort doch schon alles platt“, sagte Ferdinand Böhm (SPD). Dass die Ruinen des Schlachthofs noch stünden, läge nur am Geldmangel in der Stadtkasse.

Und René Exner (CDU) sprach gar von einer Art „Königsmord in Anführungszeichen“, der da jetzt plötzlich versucht werde.

Herbert Nebel (Grüne) appellierte an die Verwaltung, sich direkt mit dem Wissenschaftsministerium in Verbindung zu setzen, um diese Entwicklung abzuwenden.

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