Gymnasiasten erforschen Zeit des Ersten Weltkriegs an der Person des Goetheschulleiters Josef Diehl

Ein Schuldirektor als Kriegstreiber

Offenbach-Post

Dieburg -  Geschichte erlebbar und erfahrbar machen - das ist das Ziel des Goetheschullehrers Karl Rupp. Der engagierte Pädagoge weiß, dass dabei vor allem die persönliche Betroffenheit zum Lerneffekt führt. „Nie wieder Krieg - das müssen wir doch unseren Kindern vermitteln“, ist sein Credo. Von Lisa Hager

Rupp nutzt dazu immer wieder auch den lokalen Bezug, durch den die Gymnasiasten auch emotional an das Thema herangeführt werden. So gestaltet er mit seinen Schülern letztes Jahr anlässlich des 70. Jahrestages der so genannten „Reichskristallnacht“ eine Gedenkfeier am Mahnmal der verfolgten Dieburger Juden im Fechenbachpark.

In diesem Schuljahr will er sich mit seiner zehnten Gymnasialklasse unter anderem der Biografie von David Samuel Kaufmann widmen, des letzten Lehrers und Vorsängers der jüdischen Gemeinde Dieburg. „Hitler ist nicht vom Himmel gefallen“, sagt Rupp. Der Nationalsozialismus lasse sich ohne den Ersten Weltkrieg und der von vielen nicht gewollten Weimarer Republik nicht erklären.

Und deshalb hat er im vergangenen Schuljahr mit seinen beiden neunten Gymnasialklassen bisher unveröffentlichte Berichte des ehemaligen Schuldirektors der „Großherzoglichen Realschule mit Progymnasium zu Dieburg“, Professor Josef Diehl (1865-1924), aus den Jahren 1917 bis 1919 aufgearbeitet.

Die Jahresberichte liegen nur in handschriftlicher Form vor und lagern im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt.

„Dass Schüler und Lehrer anno 1918 noch keine Demokratie kannten wussten meine Schüler. Dass der Direktor und seine Kollegen fanatisch immer wieder für den Krieg warben, machte sie sehr nachdenklich“, so Rupp.

Der kaisertreue Diehl, der von 1899 bis 1919 als Direktor fungierte, schrieb in seinen Jahresberichten von „schmetternden Befehlen unseres obersten Kriegsherrn“. Von der „überlegenen Seelenstärke, Tapferkeit und Organisation der Westfront, nachdem Hindenburg seine Heldenschar aus den seitherigen Linien an der Somme in zweckmäßigere Stellungen geführt hatte“, ist da beispielsweise die Rede. Seine Aufzeichnungen scheinen eher in einem Schützengraben als an einem friedlichen Schreibtisch entstanden zu sein.

Akribisch führt Diehl auch aus, welche Lehrer und Schüler „der Schulgemeinde nun im Heeresdienste“ stehen. Frühere Schüler, die im Krieg sterben, werden ebenfalls aufgeführt.

Durchgängig ist da vom „Heldentod“ die Rede. Was er selbst vom Tod auf dem Schlachtfeld hält, wird in diesem Spruch deutlich: „Wer für sein Vaterland in den Tod geht, ist von der Täuschung frei geworden, welche das Dasein auf die eigene Person beschränkt; er dehnt sein eigenes Wesen auf seine Landsleute aus, in denen er fortlebt, ja auf die kommenden Geschlechter derselben, für welche er wirkt.“

Einen Eindruck davon, wie es tatsächlich auf diesen Schlachtfeldern zuging, erhielten die Schüler bei Studienfahrten nach Verdun.

Selbst der verlorene Krieg bringt Diehl im Jahresbericht 1919 ins nationale Schwärmen: Jetzt erst recht müsse man einen „Damm aufwerfen gegen die Sturmflut des von Osten her drohenden Anarchismus“. Dabei gehe es nicht nur um Sein oder Nichtsein des Deutschen Reiches, „sondern um die ganze westeuropäische Kultur“.

Vorher schon war bei Diehl, der selbst Kriegsteilnehmer war, von „Säuberung“ und „Endsieg“ die Rede. Dass Pädagogen wie Diehl, die von Untertanengeist und Kriegstreiberei geprägt waren, den Boden für den Nationalsozialismus mit bereiten halfen, wurde den Schülern bei ihren eigenen Recherchen immer wieder erschreckend vor Augen geführt.

Auch die Novemberrevolution und die Anfänge der Weimarer Republik, die Übernahme der Ämter durch den Arbeiter- und Soldatenrat, der „das ganze Schulgebäude als Kaserne für die Train-Ersatzabteilung Darmstadt“ belegte, spiegeln sich an den Diehlschen Berichten wider: „Die Erlasse müssen uns Beamte meines Erachtens dazu bestimmen, auf unserer Stelle zu bleiben, wenn auch unser Deutschland, an dem wir mit allen Fasern unseres Herzens gehangen haben, in Scherben liegt.“ Es sei seine „heilige Pflicht“, das was an der „seitherigen Staatsform gut und gesund gewesen ist, soweit wie möglich, in die neue Aera hinüberzuretten.“ Und hier wieder ganz Schuldirektor: „Dazu gehört nicht zuletzt die strenge Ordnung im Schulbetriebe.“

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